Wernigerode l Auf Wernigerodes unterer Breiter Straße sind Bagger und Bauarbeiter wieder flanierenden Besuchern gewichen. Dazu wartet die Hauptschlagader der Innenstadt mit einem neuen Hingucker auf: An der Bronzestatue einer Kiepenfrau halten Touristen und Einheimische, lassen sich mit dem Kunstwerk fotografieren.

Die Figur wurde mit dem Ende des dritten Bauabschnitts der Straßensanierung fertiggestellt, doch ihre Vorgeschichte reicht viel weiter zurück: „Ich bin in der Breiten Straße aufgewachsen und habe bis heute meinen Lebensmittelpunkt hier – die Idee einer neuen Skulptur an dieser Stelle verfolgte mich seit Jahren“, sagt Matthias Winkelmann. Der Goldschmiedmeister habe mit dem Planungsbeginn zum Ausbau der Straße 2015 den Entschluss gefasst: „Vor oder neben dem Krummelschen Haus als einem Wahrzeichen der Neustadt will ich ein Stück Harzer Geschichte zum Anschauen und Anfassen.“

Sowohl Anwohner als auch das Wernigeröder Bauamt hätten mit großem Zuspruch auf den Vorschlag reagiert. „Zur Auswahl standen zwei Motive: Ein Hirte mit Kuh oder die Kiepenfrau – in ihrer Zeit quasi eine Art Stadt- oder Fremdenführerin.“ Aufgrund des geringen Platzangebotes gegenüber der Einmündung zur Johannisstraße und der geringeren Kosten habe sich Winkelmann schließlich für die Dame in traditioneller Tracht, der Nenne, mit Holz und „Kienäppeln“ im Gepäck entschieden.

Findlinge aus Schierke als Sitzgelegenheit

„Als wir uns den Standort näher anschauten, war klar: Die Figur soll nicht stehen, sondern Besucher zum Verweilen einladen.“ Also sollte die Bronze auf einem Stein sitzen oder sich anlehnen. „Was bietet sich dafür besser an als ein Granitfindling aus dem Brockengebiet?“, fragt der Juwelier. Mit dem befreundeten Steinmetzmeister Enrico Frieseke und Baudezernent Burkhard Rudo fand Winkelmann einen passenden Stein für die Sitzgelegenheit in Schierke und transportierte ihn nach Wernigerode.

Nun musste ein Künstler gefunden werden, der die Bronzeplastik so plant, dass sie auf dem Findling Platz nehmen kann: Dank Frieseke kam der Kontakt mit Bildhauer Günter Dittmann, damals Leiter der Steinmetzschule im niedersächsischen Königslutter, zustande. Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte der inzwischen 67-Jährige, der 2008 bereits das Bronzemodell der Stadt Wernigerode vor dem Rathaus sowie 2006 ein ähnliches für Goslar geschaffen hatte, zu. „2017 übergab er mir schließlich ein Wachsmodell im entsprechenden Maßstab zur Präsentation“, berichtet Matthias Winkelmann.

Bis September 2018 modellierte Dittmann nach der Vorlage eine Gipsfigur in der Originalgröße von etwa 1,50 Metern. Mit der galt es nun, eine Gießerei zu finden. „So viele davon gibt es in Deutschland nicht – fündig geworden sind wir schließlich in Rinteln“, sagt der Wernige-röder. Mit dem Familienbetrieb im Weserbergland sei man sich schnell einig geworden.

Kosten von 22.000 Euro dank Spenden gestemmt

Einzige offene Frage: Wie die Kosten für die repräsentative Plastik stemmen? „Immerhin benötigten wir rund 22.000 Euro“, so Winkelmann. Doch dank großer Spendenbereitschaft von Unternehmern und Privatleuten sowie Unterstützung des Wernigeröder Kunst- und Kulturvereins sei der Betrag schnell zusammengetragen worden. „Das hat mich beeindruckt – und zeigt: Das Interesse an einer Verschönerung der Neustadt ist da“, gibt sich der Initiator hoffnungsvoll.

In den ersten Tagen seit dem Aufstellen der Kiepenfrau habe Winkelmann bereits beobachtet: „Wenn ich aus dem Ladenfenster schaue, sehe ich fast immer Neugierige, die mit der Plastik für Fotos posieren oder sich neben ihr auf den Findlingen kurz ausruhen und entspannen.“ So wie es einst die Harzer Kiepenfrauen auf ihrem Weg vom Wald in die Wernigeröder Neustadt taten.