Wernigerode  (dl/isi/khs/bfa/ru) l Bei Vertretern der etablierten Volksparteien SPD und CDU herrscht neben Ernüchterung über das eigene Abschneiden vor allem Entsetzen – über den Erfolg, den die AfD einfahren konnte. Zwar waren die Rechtspopulisten mit 16,9 Prozent im Wahlkreis Harz gleich dem Landesdurchschnitt, dennoch gab es einige „Ausreißer“ mit weit über 20 Prozent.

Schuss vor den Bug für Politiker

„Das Bundestagswahlergebnis ist ein Schuss vor den Bug für alle Politiker“, sagt Rudolf Beutner, Ortsbürgermeister in Elbingerode gegenüber der Volksstimme. "Es hätte schlimmer kommen können. Aber es sind ja nicht alle rechts gerichtet, die AfD gewählt haben. Der Schuss vor den Bug sollte ernst genommen werden. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, um die Fehler, die zweifellos gemacht wurden, zu korrigieren, damit sich so ein Wahlergebnis nicht wiederholt.“

Und Fehler, so der Wernige­röder Stadtrat Frank Diesener (CDU), „sind bei allen Parteien zu suchen“. Vieles sei viel zu verwässert, sodass der Bürger nicht versteht, wofür ein Politiker steht.“ Ehrlichkeit und Authentizität seien Tugenden, die jeder beherzigen sollten.

Bilder

Nichts darf schön geredet werden

Für Andreas Steppuhn ist das Resultat „eine Katastrophe“. Der SPD-Landtagsabgeordnete weiter: „Da dürfen wir nichts schön reden, da müssen wir nur in den Landtag schauen, um festzustellen, dass wir es hier mit neuen Nazis zu tun haben.“ Dennoch setzt Steppuhn auf Argumente und Fakten, um die AfD nicht nur verbal zu bekämpfen, sondern „sie inhaltlich zu entzaubern. Dann wird man feststellen, dass sie zum Beispiel bei der Rentenpolitik überhaupt kein Konzept hat.“ Auch deshalb werde die SPD sich nun in die Oppositionsrolle begeben. Um sich selbst neu aufzubauen und eben der AfD dieses Feld nicht allein zu überlassen.

Videos

Trotz des unbefriedigenden Ergebnisses der SPD ist für Kreischef Tobias Kascha der Quedlinburger Eberhard Brecht der richtige Kandidat gewesen. „Er hat einen hochmotivierten, professionellen Wahlkampf geführt“, so der Wernigeröder. Der selbstgewählten Oppositionsrolle seiner Partei sehe er mit Skepsis entgegen: „Wenn man die Chance hat, mitzugestalten, sollte man diese auch nutzen.“

AfD-Kandidat scheitert mit Listenplatz

Die entscheidende Frage, die sich viele Harzer am Wahlabend gestellt haben – kann Frank-Ronald Bischoff von der AfD über Zweitstimmen und Listenplatzierung ins Parlament einziehen? – ist zu verneinen. Der frühere hauptamtliche Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes Staatssicherheit (Stasi) hat es mit Listenplatz sieben nicht geschafft.

Bischoff teilt so mit vier Direktkandidaten im Harz ein Schicksal: Weder Evelyn Edler von den Linken noch SPD-Urgestein Eberhard Brecht, Denise Köcke (FDP) oder Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne) gelang über die Listenplatzierung der Einzug ins hohe Haus. Damit bleibt es wie in der bisherigen Legislaturperiode allein Aufgabe von Christdemokratin Heike Brehmer, sich in Berlin für den Harz stark zu machen.

Verständnis für Protestwähler

„Ich kann die Leute verstehen, die Protest gewählt haben und ein Zeichen setzen wollten, dass es so nicht weiter gehen kann“, sagt Frank Damsch, SPD-Bürgermeister in der Stadt Oberharz. Das Stichwort sei „Verteilung“ - sowohl die Verteilung des Reichtums bis in die Geldbörse jedes Einzelnen als auch die Verteilung der Gelder bis auf die Kommunen zur Angleichung der Lebensverhältnisse. „Da muss sich wirklich etwas ändern. Es ist ein großer Widerspruch für den Bürger, wenn er von Milliardenüberschüssen in Deutschland hört, zuhause aus der Tür tritt und in ein Schlagloch fällt, aus dem er schwer wieder heraus kommt.“

In Wernigerode selbst hat die AfD weniger gepunktet. „Darüber freuen wir uns“, so Christian Härtel, Ortsverbandschef der Linken. Den zweiten Platz von Evelyn Edler bezeichnete er als ein gutes Ergebnis“. Eine mögliche Jamaika-Regierung halte er für eine „Notkoalition“, obwohl FDP und Grüne im Grunde gut zusammenpassen würden. „Beide stehen für eine neoliberale Politik.“

Freude über Einzug der FDP

„Die FDP kann mit dem Wahlausgang zufrieden sein“, bilanziert Frank Muttschall. Der Wernigeröder ist Sprecher des liberalen Kreisverbandes und freut sich, dass über den Wiedereinzug der FDP in den Bundestag. Positiv bewertet er, dass die Liberalen im Harz einen Zuwachs sowohl bei den Erst- als auch den Zweitstimmen verbuchen können. Einer möglichen Jamaika-Koalition sieht er mit Spannung entgegen. „Ich halte das für machbar“, so Muttschall – zwischen FDP und Grünen gebe es durchaus Anknüpfungspunkte.

Grünen sehen Koalitions-Chance

Eine schwarz-gelb-grüne Koalition habe nur dann Sinn, wenn eine grüne Handschrift deutlich erkennbar ist, sagt Sabine Wetzel, Vorsitzende der Regionalgruppe Wernigerode von Bündnis 90/Grüne. „Wenn wir uns unter Wert verkaufen, sage ich nein.“ Man sehe in der Kenia-Koalition im Land, wie immer wieder grüne Themen und Ziele infrage gestellt werden. „Das sollte uns nicht noch einmal passieren.“

Mit dem Ergebnis, das ihre Partei im Harzkreis erreicht hat, ist sie zufrieden. Man sei nicht abgestraft worden, sondern habe noch Stimmen hinzugewonnen. „Der Harzkreis war schon immer schwarz. Da müssen wir uns nicht verstecken.“ In der Stadt Wernigerode erreichte Grünen-Kandidatin Susan Sziborra-Seidlitz 4,17 Prozent, ihre Partei kam auf 4,71 Prozent. Und in Schierke, wo derzeit „Grün“ wegen Seilbahn und Co. ein Reizthema ist: 2,55 beziehungsweise 1,9 Prozent.

Schierke setzt auf CDU

Die Gunst der Schierker Wähler war auf der Seite der Siegerin. Heike Brehmer erhielt 54,7 Prozent und legte wie anderenorts in Wernigerode einen Durchmarsch hin. Die wenigsten Stimmen (29,1 Prozent) vereinte die 54-Jährige im Harzblick (Wahllokal 9) auf sich. Die Linken konnten vor allem in Wernigerodes Plattenbauvierteln punkten. Im Harzblick (Wahllokal 10) erreichte Evelyn Edler 24,9 und in der Burgbreite 24 Prozent. Die wenigsten Stimmen erhielt Edler in Silstedt mit 13,25 Prozent.

SPD-Kandididat Eberhard Brecht erzielte sein bestes Ergebnis im Harzblick (Wahllokal 9) mit 18,8 und in Minsleben mit 18,1 Prozent. Die wenigsten Stimmen bekam er in Benzingerode (12,2 Prozent.)

Im Harzblick (Wahllokal 9) bekam AfD-Kandidat Bischoff 20,42 Prozent der Wähler Stimmen, sein schlechtestes Ergebnis hatte er in Hasserode (Wahllokal 6) mit 8,91 Prozent. In Benzingerode konnte er mit 17,48 Prozent relativ viele Stimmen auf sich Vereinen. In dem Ortsteil schaffte der AfD-Mann es sogar auf Platz zwei in der Gunst der Wähler.