Wernigerode l Der Jetlag ist mittlerweile verflogen, doch die Freude bleibt. „Es ist schwer zu realisieren“, sagt Marlene Reichel und betrachtet die Silbermedaille vor ihr auf dem Tisch. Gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen Antonia Gerlach, Sarah Czoske und Lisa Aust von den Dymatix Cheerleadern ist die 14-jährige Wernigeröderin zu den Weltmeisterschaften in die USA gereist und mit dem Vizemeistertitel zurückgekehrt.

Begonnen hat das Abenteuer im Herbst 2016. Mit einem Video bewarben sich die vier Mädchen für die Juniornationalmannschaft. „Ich hatte die Ausschreibung entdeckt und gedacht: Man kann es ja mal versuchen“, sagt Trainer Marcus Korsch. „Die Mädchen können schließlich was.“ Es folgte eine erste Vorstellungsrunde in Limburg. „Alles war neu“, sagt Marlene Reichel. Das Team wurde für die Weltmeisterschaft gegründet, die Sportlerinnen im Alter von zwölf bis 16 Jahren kamen aus ganz Deutschland und trafen sich zum ersten Mal.

Die Entscheidung darüber, wer mit nach Orlando reisen darf, fiel einen Monat später. Insgesamt fünf Trainingswochenenden absolvierte das junge Team eins davon fand in Wernigerode statt. Nicht viel Zeit, um als Mannschaft zusammenzuwachsen. „Wir haben mit schwierigen Elementen angefangen und versucht, etwas daraus zu gestalten, was wir sicher können“, sagt Antonia Gerlach – die meisten nennen sie Toni.

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Palmen und tropische Hitze

Am 19. April ging es endlich los. Um 4 Uhr morgens stiegen die Wernigeröderinnen in den Zug nach Berlin und dort ins Flugzeug – via Frankfurt ging die Reise nach Orlando. Begleitet wurden sie von Marcus Korsch, der sich um die beiden Erwachsenenteams kümmerte, sowie Lara Kilian und Zoe Boltzio. Die Deutschen Meister sollten in der Kategorie Cheer Dance antreten, die jedoch kurzfristig gestrichen wurde. „Der erste Eindruck waren die Palmen“, sagt Toni Gerlach. Und die Hitze – Temperaturen um die 30 Grad, am zweiten Tag kletterte das Quecksilber gar auf tropische 37 Grad.

Das Nationalteam quartierte sich in der Wohnsiedlung Champions Gate ein. Zur Trainingshalle mussten die Mädchen eine Stunde lang fahren. „Die Straßen waren so breit, die Wege so lang. Es hat ewig gedauert, bis man irgendwo angekommen ist“, sagt die 16-Jährige. Abends übten die Mädchen auf dem Rasen weiter – „aber keine schwierigen Elemente, damit sich niemand verletzt“, so Marlene Reichel.

Konzentriert bereiten sich die Mädchen auf ihren großen Auftritt vor. „Der Fokus lag klar auf dem Wettbewerb. Es war keine Urlaubsreise“, sagt Marcus Korsch. Der Trainer hat die Reise genutzt, um Einblicke zu gewinnen, die bei möglichen späteren Wettbewerbsteilnahmen mit dem Verein nützen könnten – sofern es finanziell zu stemmen ist. „Es ist schwierig, Förderer zu finden“, sagt er.

Zehntausende schauen zu

Cheerleading hat im Mutterland des Sports einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. „Die Meisterschaften werden live im Fernsehen übertragen“, berichtet der Trainer. Im ISP World Center, das zum Disneyland Freizeitpark gehört, haben mehr als 20 000 Menschen die mehrtägigen Titelkämpfe verfolgt. Mannschaften aus 110 Nationen sind an den Start gegangen – von Japan und China über Mexiko bis hin zu Finnland und Schweden.

Im Training lief es gut, saggen die Mädchen. Aber dass ihr Programm mit Silber gekrönt werden würde, hat sie überrascht. „Als ,Germany‘ aufgerufen wurde, waren erst alle vor Schock ganz still“, erinnert sich Toni Gerlach. „Dann sind wir alle ausgeflippt. Viele haben geweint vor Freude.“ Glückwünsche kamen von den Weltmeisterinnen aus Kanada. „Sie haben verdient gewonnen und waren sehr nett“, sagt sie. Im Anschluss feierten die Junioren aller Länder gemeinsam, tauschten T-Shirts und Schleifen aus. Die Reise war unvergessliches Erlebnis, so Toni Gerlach. „Ich habe jeden Moment genossen.“