Wernigerode/Halberstadt l „Abstandsregeln, Desinfektion und Mundschutz akzeptieren die meisten ja noch, aber bei den Daten ist für viele Schluss. Sie wollen sich nirgendwo eintragen“, berichtet Mareike Wartenberg. Gemeinsam mit ihrem Mann Ronny betreibt sie seit 2017 das Restaurant „Zum Lindenhof“ in Benzingerode. Seit der Wiedereröffnung nach der coronabedingten Pause hat sich die Arbeit für das Gastronomen-Paar stark verändert.

Neue Vorschriften, mehr Bürokratie und vor allem: weniger Gäste. „Wir hatten und haben noch viele Absagen“, berichtet die Benzingeröderin. Das betreffe zum einen die Pension, die zur Gaststätte gehört. „Und viele Familienfeiern finden noch immer nicht wieder statt, da die Größe dafür auf 20 Personen begrenzt ist.“

Aber auch die Laufkundschaft – Wanderer und Ausflügler – komme nur verhalten. „Wir haben am Eingang Hinweisschilder zu den Corona-Regeln angebracht. Die lesen sich viele durch und sobald sie den Absatz mit den Kontaktdaten sehen, gehen sie wieder“, berichtet Mareike Wartenberg.

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Diskussionen mit Stammgästen

Auch mit Stammgästen aus dem Ort gebe es immer mal wieder Diskussionen – dabei kenne sie oft ohnehin deren Namen und auch die Telefonnummern. „Sie verstehen nicht, was das soll. Manche haben sogar die Befürchtung, dass ihre Daten verkauft werden.“ Unbegründet, versichert die Benzingeröderin. „Wir heben sie so lange auf, wie wir müssen, und danach werden die Zettel verbrannt.“

Dass die neuen Vorschriften zur Eindämmung der Corona-Pandemie eine Vielzahl von Fragen hinsichtlich des Datenschutzes aufwerfen, weiß auch Dr. Harald von Bose. Täglich gehen Anfragen zu dieser Problematik bei ihm und seinen Kollegen ein, berichtet der Landesbeauftragte für den Datenschutz in Sachsen-Anhalt auf der Internetseite des Landes. Dort hat der Jurist mittlerweile mehrere Dokumente zu dem Thema veröffentlicht.

„Es ist grundrechtlich geboten, den Schutz der Gesundheit mit dem Schutz der Persönlichkeit Betroffener in Einklang zu bringen“, betont er darin. „Dem Infektionsschutz steht der Datenschutz also nicht entgegen.“ So gibt es Vorschriften und Empfehlungen, welche Daten zu welchem Zweck und für welche Dauer erhoben werden dürfen.

Ein Dehoga-Zettel pro Haushalt

Mit denen hat sich Mareike Wartenberg eingehend beschäftigt. „Für uns ist das alles auch kein Spaß. Wir haben mehr Aufwand und mehr Kosten“, betont sie. Neben ausreichend Masken für die Angestellten, Desinfektionsmittel und Hinweisschildern betreffe das insbesondere die Zettel – ein Vordruck des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Die müssen die Gäste ausfüllen – pro Haushalt einen.

Das gilt aktuell nicht nur beim Restaurantbesuch, sondern ebenso beim Gang in die Kneipe – auch für Gäste, die nur schnell im Außenbereich ein Bier trinken wollen. Selbst dafür wird eine Reservierung empfohlen. „Der Hauptteil der Gäste nimmt das gut an“, berichtet Katrin Köhler. Seit zwölf Jahren bedient sie in „Tommy´s Pub“ im Zentrum Wernigerodes. Sitzen dort normalerweise die Gäste oft dicht an dicht, ist deren Anzahl an diesem Freitagabend überschaubar.

Und das liegt nicht nur daran, dass die Tische und Stühle jetzt weiter auseinander stehen und teilweise frei bleiben müssen, um die Abstandsregeln einzuhalten. Auf rund 60 Prozent wurden die Sitzmöglichkeiten reduziert. „Es ist sehr ruhig“, bestätigt Köhler. „Vermutlich muss es erst anlaufen. Manche haben immer noch Angst vor einer Ansteckung, andere keinen Bock auf die Vorschriften.“

Schrecken Masken Gäste ab?

Die Masken, welche die Kellner tragen müssen, sowie die anderen Auflagen schrecken ab, bestätigt Chris Schöne. Gemeinsam mit seinem Bruder Patrick betreibt der Halberstädter das Restaurant „Am Sommerbad“. Dass dort Gästen wieder gegangen sind, weil sie ihre Kontaktdaten nicht angeben wollten, habe er noch nicht mitbekommen. „Wir haben viele Stammkunden, die wissen, dass wir damit keinen Unfug treiben“, lautet seine Erklärung. „Die Zettel kommen in den Tresor und wenn sie nicht mehr gebraucht werden, in den Schredder.“

Schöne sieht jedoch einen anderen Grund dafür, dass die Gästezahl hinter den Vorjahresergebnissen zurückbleibt – in seinem Fall bei nur rund 30 Prozent, wie er berichtet. „Essengehen und Kneipenbesuche sind Luxus. Wer in Kurzarbeit ist oder arbeitslos geworden ist, überlegt sich das zweimal.“

Auch im „Sommerbad“ ist von Normalzustand längst noch nicht die Rede. „Von 15 Mitarbeitern mussten wir zwei entlassen. Der Rest ist in Kurzarbeit“, berichtet Chris Schöne. Er sei in einem Zwiespalt: „Einerseits wollen wir wie gewohnt für die Gäste da sein.“ Andererseits müsse sich das auch rechnen. „Aber ein normaler Umsatz kann derzeit nicht generiert werden.“ Durchschnittlich ging er vor Corona von 50 Gästen am Tag aus. „Jetzt sind es viel weniger, das lässt sich gar nicht vergleichen. Mal sind es zehn, mal 15“, berichtet er.

Familienfeiern werden 2021 nachgeholt

Die meisten davon seien Stammkunden, die reservieren. Spontane Gäste gebe es seit der Wiedereröffnung des Restaurantbetriebes kaum. Familienfeiern ebenso wenig. „Bis in den August rein haben schon viele storniert“, so Schöne. Ein Lichtblick: Viele wollen ihre Feste 2021 nachholen, ebenso im „Lindenhof“ in Benzingerode.

Doch bis es soweit ist, und wieder Normalität für die Branche einzieht, sehen Chris Schöne und Mareike Wartenberg die Politik in der Pflicht. „Jedes Bundesland macht es anders. Da ist es schwer, hinterherzukommen – und es den Gästen von außerhalb zu erklären, bei denen es zuhause vielleicht anders gehandhabt wird“, so Wartenberg. „Außerdem sind viele der neuen Vorgaben unklar formuliert.“

Zudem bedarf die Branche finanzielle Unterstützung, betont Schöne. Zwar wurde bereits von der Bundesregierung beschlossen, dass der Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie von 19 auf sieben Prozent sinken soll. Allerdings gilt das erst ab dem 1. Juli und ausschließlich für Speisen. „Kneipen und Cafés leben aber von den Getränken“, gibt der Gastronom zu bedenken. „Es wäre schon hilfreich, wenn auch dafür der Mehrwertsteuersatz sinkt.“ Ohne Unterstützung, so betont der Halberstädter, könne sich die Branche nicht von der Corona-Krise erholen.