Wernigerode l Die Entscheidung war spätestens seit Freitagmittag erwartbar, kam für die Verantwortlichen in den Harzer Kommunen dennoch zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, wie Tobias Kascha, Sprecher der Stadtverwaltung Wernigerode, am Abend sagte: Seit Freitag, 15.30 Uhr, ist klar, dass ab Montag, 16. März, und bis zum 13. April landesweit alle Schulen und Kindertagesstätten dicht sind. Die Anordnung der Landesregierung stellt viele Bürgermeister vor organisatorische Probleme, die übers Wochenende zu managen sind. Denn niemand weiß, wie viele Eltern die Schließung in akute Betreuungsprobleme stürzt und damit in anderen Wirtschaftsbereichen und Firmen aufgrund des Fehlens Lücken reißt. Obendrein gibt es Ausnahmen für Eltern in speziellen Berufsgruppen, sprich eine Notbetreuung.

Konkret: Für Kinder, deren Eltern beispielsweise beide im Gesundheitswesen und Rettungsdienst, in wichtigen Versorgungsbereichen sowie bei Polizei, Feuerwehr und Justiz, in Schulen oder Kindergärten arbeiten, soll die Betreuung vorerst weiter ermöglicht werden. Analoges soll übergangsweise für Alleinerziehende gelten. Für Schüler der Klassenstufen eins bis sechs zunächst bis zum Mittwoch, 18. März. Für Mädchen und Jungen in Kitas bis zum Freitag, 20. März. Bis dahin soll auf Landesebene entschieden werden, wie weiter verfahren wird.

Übertragungswege unterbrechen

Das Ziel der Schließung ist klar: Kontakte und damit direkte Übertragungswege des Corona-Virus sollen minimiert werden. Das Problem: Niemand weiß, wie viele Eltern keine Betreuung finden und wie viele sich ab Montag auf die Sonderregeln berufen.

Notbetreuung

Im Wernigeröder Rathaus legte der Krisenstab am Freitagabend die weitere Verfahrensweise fest. Ab Montag gebe es in allem Kitas ausschließlich besagte Notbetreuung. Alle Einrichtungen seien nur noch für Kinder geöffnet, die keine Möglichkeit zur Betreuung haben. Diese Regelung gelte zunächst bis Mittwoch, 18. März. „Wir möchten an alle Eltern appellieren, ihre Kinder zu Hause zu lassen und anderweitig zu betreuen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu erschweren“, so Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos). „Bis Mittwoch wird entschieden, wie die weitere Betreuung erfolgen wird.“ Für alle Lehrer und Krippen-, Hort- und Kitamitarbeiter gebe es eine Dienstpflicht, um die Notbetreuung in Kleinstgruppen abzusichern.

Derweil ist die Zahl der bestätigten Corona-Fälle im Harzkreis am Freitagnachmittag auf vier gestiegen. Bei den neu bestätigten Fällen handelt es sich laut Kreisverwaltung um ein Ehepaar aus Harzgerode, das aus dem Urlaub in Tirol zurückgekehrt ist. Es befinde sich in häuslicher Quarantäne und bereits auf dem Weg der Genesung. Mit weiteren Ansteckungen sei in Harzgerode nicht zu rechnen. Derzeit ermittele das Gesundheitsamt die Kontaktpersonen, die dann ebenfalls in Quarantäne kämen. Stichwort Quarantäne: Stand Freitagmittag seien bislang kreisweit 65 Personen getestet worden. Derzeit sei für 81 Personen vom Gesundheitsamt eine häusliche Quarantäne angeordnet worden, so Manuel Slawig, Sprecher der Kreisverwaltung.

Kontrolle

Deren Einhaltung zu kontrollieren, sei aufgrund der Personenzahl nicht möglich. Der Hallenser OB Bernd Wiegand (parteilos) hatte am Freitag Alarm geschlagen, weil in der Saalestadt zahlreiche Verstöße registriert worden seien. Das Harzer Gesundheitsamt, so Slawig, habe bisher mit der Kooperationsbereitschaft der Betroffenen gute Erfahrungen gemacht. „Wir gehen davon aus, dass sich die betroffenen Bürger an die Anordnungen halten.“ Andernfalls drohten Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder Geldbußen.

Auch im Harzklinikum wollen die Verantwortlichen Übertragungswege unterbrechen. Deshalb gelte für alle Kliniken, Stationen und Bereiche an den Standorten Wernigerode, Quedlinburg und Blankenburg ab Montag, 16. März, ein generelles Besuchsverbot, so Kliniksprecher Tom Koch. Angehörige könnten daher mit ihren Familienmitgliedern nur noch per Telefon Kontakt halten. Zur Corona-Vorsorge zähle außerdem, dass ab 16. März geplante Operationen abgesagt und verschoben würden. Dringende OPs und Notfall-Operationen würden davon nicht tangiert. Die Entscheidung hängt nach Informationen der Volksstimme damit zusammen, dass die Klinikleitung mit dieser Verfahrensweise bestrebt ist, Beatmungstechnik für akute Corona-Fälle freizuhalten. Patienten, die im Harzklinikum ambulant behandelt würden, könnten diese Termine weiter wahrnehmen. Am Donnerstag hatte die Klinikleitung bereits alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt.

Klavierwettbewerb abgesagt

Am Wochenende bleiben die öffentlichen Cafeterias in Quedlinburg und Wernigerode geschlossen. „Ab Montag können dort und in der Blankenburger Cafeteria nur noch die Mitarbeiter des Harzklinikums Mahlzeiten einnehmen, nicht jedoch Patienten und Besucher“, kündigt der Kliniksprecher an.

Auch diese Nachricht war absehbar: Der Internationale Klavierwettbewerb „Neue Sterne“ in Wernigerode findet nicht statt. Das hat der Krisenstab am Freitag entschieden. Der Wettbewerb war vom 29. März bis zum 5. April geplant. 64 Pianisten aus 24 Ländern hatten sich angemeldet. In den vergangenen Tagen war immer mehr Kritik laut geworden, weil die Stadtverwaltung trotz weltweiter Corona-Krise lange am Wettstreit festgehalten hatte.

Beobachten und entscheiden

Der Veranstaltungsstopp betrifft auch alle übrigen Termine in nächster Zeit. „Nach Absprache mit Oberbürgermeister Peter Gaffert haben wir uns aufgrund der momentanen Gesundheitslage dazu entschlossen, alle Veranstaltungen, die in Zuständigkeit der Stadt Wernigerode oder der Wernigerode Tourismus GmbH liegen, vom 16. März bis 19. April abzusagen oder zu verschieben“, informiert Sozialdezernent Rüdiger Dorff. Mit diesem Schritt folge die Stadt einem Erlass des Sozialministeriums.

Die Schierker Eisarena, Schwimmbad, Bibliothek und Museum würden aber zunächst wie gewohnt öffnen. Aktuell gebe es keinen bestätigten Corona-Fall in Wernigerode „Wir beobachten natürlich täglich die Lage, um entscheiden zu können“, so Dorff.

Hinten einsteigen

Die Harzer Verkehrsbetriebe (HVB) reagieren ebenfalls: Zum Selbstschutz der Busfahrer würden ab sofort die vorderen Einstiege und die ersten Sitzreihen hinter und neben dem Omnibus-Lenker gesperrt. „Ein Einstieg ist somit nur noch im hinteren oder mittleren Bereich unserer Fahrzeuge möglich“, informiert HVB-Chef Christian Fischer.

Das heiße, Passagiere könnten nicht mehr – wie sonst üblich – ihr Ticket beim Fahrer kaufen und bezahlen. Fahrscheine seien weiterhin in den Servicebüros erhältlich. Auch Zeitkarten behielten ihre Gültigkeit. „Nur wer seinen Fahrschein ursprünglich beim Fahrer erwerben wollte oder musste und dies nun nicht mehr kann, wird vorläufig auch ohne Fahrschein befördert“, erläutert Fischer. „Wir lassen niemanden an der Haltestelle stehen.“

"Sicherheit geht vor"

Die Entscheidung sei in der Nacht zum Freitag getroffen worden, nachdem in Halle und Magdeburg ähnliche Regelungen durchgesetzt wurden. „Jetzt ist nicht die Zeit für Erbsenzähler und Schöngeister. Es ist Zeit für Entscheidungen“, begründet der HVB-Chef den Schritt. „Sicherheit geht vor. Und es geht um die Sicherheit der Busfahrer und die Aufrechterhaltung des Öffentlichen Personennahverkehrs.“

Die Regelung gelte erst einmal bis zum 27. März. „Die Entscheidung über eine mögliche Verlängerung wird dann auf Grundlage der aktuellen Lage getroffen. Wir fliegen da auf Sicht.“ Am Wochenende werde es zudem intern Gespräche geben, kündigt Fischer an. Themen seien die Personalsituation und der nun ausfallende Schulbusverkehr.

Änderungen sind möglich

Weil die Schul- und Kitaschließungen direkte Auswirkungen auf die HVB haben. Einerseits haben viele Busfahrer signalisiert, dass sie mit der Schließung der Kitas und Schulen selbst Betreuungsprobleme bekommen. Andererseits dürfte der klassische Schulbus-Verkehr in den nächsten Tagen an Bedeutung verlieren oder gänzlich überflüssig werden. „Fahrplanänderungen und Einschränkungen sind möglich“, kündigt Fischer an.

Seit vorigem Wochenende hat das Kreis-Gesundheitsamt ein Bürgertelefon geschaltet, das seither rege genutzt werde, so Manuel Slawig, Sprecher der Kreisverwaltung. Unter der Nummer (0 39 41) 59 70 55 55 können Bürger täglich von 8 bis 20 Uhr ihre Fragen stellen. „Nachdem am Montag 63 Anrufer verzeichnet wurden, stieg die Zahl der täglichen Anrufer im Verlauf der Woche bis Donnerstag auf 259“, informiert Slawig. Am Bürgertelefon können sich Ratsuchende über allgemeine Fragen zum Thema Coronavirus informieren. Gleichzeitig dient es als Anlaufstelle für Harzer, die glauben, eventuell infiziert zu sein. „Mittels Abfrage der vom Robert-Koch-Institut definierten Kriterien ermitteln die Mitarbeiter des Bürgertelefons, ob ein klärungsbedürftiger Verdachtsfall anzunehmen ist“, so Slawig weiter.

Mittelfristig ist im Harzkreis wohl der Aufbau einer zentralen Fieberklinik geplant. Dort sollen Erkrankte mit Corona-Verdacht separiert von anderen Kranken untersucht und getestet werden.