Stabkirche Stiege

Die Puzzleteile passen wieder zusammen

In Stiege wächst derzeit die Holzkirche, die am alten Standort Albrechtshaus abgebaut wurde, in die Höhe. Das Tempo, in dem es vorangeht, erstaunt Beobachter.

Von Katrin Schröder
Justin Klammroth (links) und Frank Habenreich von den Werkstätten für Denkmalpflege in Quedlinburg bauen am neuen Standort der Stabkirche Stiege ein Chorfenster ein.
Justin Klammroth (links) und Frank Habenreich von den Werkstätten für Denkmalpflege in Quedlinburg bauen am neuen Standort der Stabkirche Stiege ein Chorfenster ein. Foto: Katrin Schröder

Stiege - Frank Habenreich und Justin Klammroth heben den schweren Fensterrahmen an und stellen ihn über der Holzbohlenwand auf. Die hellen Stellen zeigen, wo das Bauteil über fast 100 Jahre hinweg seinen Platz hatte. Vorsichtig setzen die Handwerker das Fenster auf die Bohlen, rücken es ein wenig zurecht. „Passt!“, sagt Habenreich. Als Vorarbeiter hat er derzeit auf dieser besonderen Baustelle das Sagen. In Stiege, nahe dem Bahnhof, wird die hölzerne Kapelle wieder aufgebaut, die seit 1905 an der früheren Lungenheilanstalt Albrechtshaus stand.

Der Abbau war von März bis Ende Mai erledigt worden. Nun wird seit Anfang Juni die Kirche im früheren Bahnhofspark neu errichtet – und das in einer Geschwindigkeit, die Beobachter verblüfft. Täglich wachse das Bauwerk sichtbar, sagt Regina Bierwisch vom Verein Stabkirche Stiege, der den Umzug des Gotteshauses in den Ort organisiert. „Es ist erstaunlich, wie schnell die Männer vorankommen.“

Abbau mit Nummer

Der Aufbau gehe recht problemlos vonstatten, sagt Frank Habenreich. „Es passt wieder sehr gut zusammen.“ Dafür gibt es einen Plan: Beim Abbau hat jedes Bauteil eine Nummer bekommen. In einem Hefter können die Mitarbeiter nachsehen, welche Bohle wo im Baukörper einzufügen ist.

Wer genauer hinschaut, erkennt zudem, dass das hölzerne Bauwerk noch keinen festen Boden unter den Füßen hat. Die Kirche wird derzeit auf den Eichenschwellen aufgebaut, die zwei Handbreit über dem Boden auf einem Gerüst liegen. Auf den aufgebockten Schwellen werde die Kirche bis zur Traufe aufgebaut, erklärt Frank Habenreich.

Spielraum zum Rücken

Erst dann rücken die Maurer an und verbinden die hölzerne Gebäudehülle mit dem Fundament. Auf diese Weise bleibt den Zimmerern mehr Spielraum beim Zusammensetzen der Bauteile. „Es kann sein, dass wir immer wieder rücken müssen“, erklärt Habenreich – wenn auch nur um wenige Zentimeter oder Millimeter.

Die Eichenschwellen, auf denen die Holzkirche ruht, mussten bis auf zwei Originalbalken ausgetauscht werden. Sie waren unter anderem durch Witterung und Ameisenfraß stark angegriffen und waren nicht mehr zu gebrauchen, so Regina Bierwisch.

Um die Schwellen künftig zu schützen, sollen für die Aufmauerung Spezialziegel verwendet werden, die abgeschrägt sind, um Feuchtigkeit draußen zu halten, erklärt die stellvertretende Vereinsvorsitzende Monika Uecker.

Der Eingang kommt zum Schluss

Bis es soweit ist, werde trotz des raschen Fortschritts aber noch einige Zeit vergehen. „Im August sollen alle Wände stehen“, sagt Monika Uecker. Nach dem Chorraum mit der Sakristei und der früheren Leichenhalle folgen die Seitenwände und zum Schluss der Eingangsbereich. „Wir zäumen das Pferd von hinten auf“, so die Vize-Vereinsvorsitzende.

Damit das Gefüge zusammenhält, bekommt es Verstärkung. Die hölzernen Säulen, die zu den Seitenwänden gehören, werden auf metallene Stützfüße gestellt. „Damit bekommen die Blockbohlenwände im Langschiff Stabilität“, so Monika Uecker. Zwar hätten die Wände bis zum Umzug auch so gehalten, doch den statischen Berechnungen zufolge sei der zusätzliche Halt nötig. „Wir errichten die Kirche nach den baulichen Gesetzmäßigkeiten des 21. Jahrhunderts“, so die Bauingenieurin.

Stützfüße und Korsett

Geliefert werden die Stützfüße in der kommenden Woche. Sobald sie und die darauf sitzenden Säulen montiert sind, können die Bohlen der Längswände dazwischen eingesetzt werden. Wenn der Baukörper aufgebaut ist, soll er in fünf bis sieben Metern Höhe zusätzlich mit Metallbändern verstärkt werden. „Das ist wie ein inneres Korsett“, so Monika Uecker.

Sobald sich die eiserne Klammer um den Korpus geschlossen hat, können die Maurer ans Werk gehen. Dann werden elektrische Leitungen installiert, die später unter dem Fußboden liegen. Dieser kann im Anschluss verlegt werden – im Chor und unter den Sitzreihen mit Holzdielen, in den Laufbereichen mit Steinplatten. Die Ausschreibungen dafür laufen derzeit, sagt Monika Uecker. In der Folge sollen planmäßig die Dachdecker zum Zuge kommen. „Wir müssen komplett neu decken“, so die Vize-Vorsitzende. Die alten Ziegel seien zu porös und verwittert, um sie erneut zu verwenden. Viele seien wegen ihres schlechten Zustands beim Abbau zerbrochen.

Die großen Seitenfenster sind am neuen Standort der Stabkirche Stiege bereits provisorisch aufgestellt worden.
Die großen Seitenfenster sind am neuen Standort der Stabkirche Stiege bereits provisorisch aufgestellt worden.
Foto: Katrin Schröder
Mario Giesecke von den Werkstätten für Denkmalpflege  schneidet neue Eichenbohlen  für die Außenwände der Stabkirche zurecht.
Mario Giesecke von den Werkstätten für Denkmalpflege schneidet neue Eichenbohlen für die Außenwände der Stabkirche zurecht.
Foto: Katrin Schröder