Opern-Regisseur und -Ausstatter

Diese beiden Männer setzen die „Carmen“ bei den Schlossfestspielen in Wernigerode in Szene

Der Regisseur und der Bühnenbildner der Wernigeröder Schlossfestspiele verraten, was die „Carmen“-Oper mit Kochen gemeinsam hat.

Von Sandra Reulecke 10.08.2021, 19:30
Premiere bei den Schlossfestspielen in Wernigerode mit der Oper „La Tragédie de Carmen“. Die Titelrolle  singt und spielt Johanna Brault.
Premiere bei den Schlossfestspielen in Wernigerode mit der Oper „La Tragédie de Carmen“. Die Titelrolle singt und spielt Johanna Brault. Foto: Sandra Reulecke

Wernigerode - Erleichterung und Stolz. Beides ist den Gesichtern von Oliver Klöter und Hannes Neumaier abzulesen, als sie unter Beifall die Bühne im Innenhof des Wernigeröder Schlosses betreten. Zum ersten Mal an diesem Premieren-Abend. Denn die beiden sind nicht etwa Sänger oder Schauspieler bei der Oper „La Tragédie de Carmen“, sie sind die Strippenzieher im Hintergrund, verantwortlich für Regie und Ausstattung.

„Das Stück wollte ich schon immer machen. Jeder kennt die Oper, aber kaum jemand die Novelle“, berichtet Regisseur Oliver Klöter im Volksstimme-Gespräch. Die Novelle sei weit von dem entfernt, was die meisten von „Carmen“ kennen. „Es geht auch um große Gefühle, ist aber viel herber, strenger, weniger bunt.“ In Klöters Interpretation geht es freizügig zu – und mörderisch. Die Hälfte der Darsteller stirbt auf der Bühne.

Verzicht auf Fächer und Co.

Und dabei ist das Stück mit lediglich 80 Minuten wesentlich kürzer als die bekannte pompöse Bizet-Oper. „Es ist dennoch keine Sparversion“, betont der Regisseur. „Es ist reduziert wie bei einer guten Soße. Wenn die reduziert wird, ist die Menge zwar weniger, aber der Geschmack erst richtig da“, erläutert Hannes Neumaier. Er ist zuständig für das Bühnenbild sowie für die Kostüme und privat ein passionierter Hobby-Koch, wie er augenzwinkernd berichtet.

Für diese Carmen-Inszenierung verzichtet Neumaier ganz bewusst auf Requisiten, die sonst untrennbar mit der Oper verbunden sind: Fächer und Kastagnetten. „Die Herangehensweise ist hier eine ganz andere. Man muss sich von dem trennen, was man kennt“, erläutert er. Die Geschichte spiele „am Ende der Welt“, das Leben dort sei hart, das Klima ebenso. „Die Menschen befinden sich am Rande der Gesellschaft, am Rande der Existenz. Sie führen im wahrsten Sinne des Wortes einen Überlebenskampf“, fügt Oliver Klöter an. Und das solle sich im Bühnenbild widerspiegeln: auf wenige Elemente reduziert, rustikal, sandig. „Es gibt ein klares Setting, das versucht Klarheit, die Hitze, das Archaische, weg vom Klischee zu symbolisieren“, so Neumaier.

Die beiden Männer hatten viel Zeit, über die Inszenierung nachzudenken, mehr als ihnen lieb war. Eigentlich wollten sie das Stück schon im vorigen Jahr in Wernigerode auf die Bühne bringen. Sogar die Rollen für die vier Sänger waren bereits vergeben. „Zum Vorsingen kamen 94 Sänger, das hat mich echt überrascht“, berichtet Klöter. Doch Corona versetzte die Opern-Pläne in die Warteschleife. „Wir sind unheimlich froh, dass wir dieses Jahr endlich loslegen dürfen“, betont der Regisseur.

Wiederholungstäter

Die große Herausforderung bei den Wernigeröder Schlossfestspielen seien die zwei Spielstätten, sind sich die Männer einig. Lässt es das Wetter zu, wird im Innenhof des Schlosses gespielt, bei Regen im Marstall. Völlig unterschiedliche Gegebenheiten, in denen die gleiche Atmosphäre geschaffen werden soll.

Oliver Klöter weiß genau, worauf er sich da einlässt, er ist ein Wiederholungstäter bei den Schlossfestspielen. 2018 hat er bereits bei „Rigoletto“ Regie geführt. „Die Besonderheit hier ist, dass man auch touristisch denken muss“, sagt er. Im Publikum seien eben nicht nur ausgesprochene Kulturfans, sondern auch Urlauber, die sich auf ihrer Reise mal etwas anderes gönnen wollen.

Er selbst kenne die Tourismus-Stadt Wernigerode nur oberflächlich, gibt der gebürtige Pfälzer zu. Die Probenzeit sei kurz und intensiv, da bleibe nicht viel Zeit nebenher. Das kenne er auch von anderen beruflichen Stationen seines Lebens. Nachdem er seine „gesamte Teenie-Zeit in Bands und mit Musik verbracht“ habe, studierte Klöter in Wien Opernregie. Anschließend sammelte er internationale Erfahrungen, unter anderem in den USA, in Taiwan und Nicaragua.

Für das Familienleben sei das nicht einfach, räumt der Zweifach-Vater ein. „Aber ich habe eine Theater-affine, tolerante Frau, sie ist ein echtes Organisationstalent“, berichtet der Bonner und verrät, dass er seine Ehefrau über die Arbeit kennengelernt habe. „Von ihr habe ich meine erste Lohnabrechnung erhalten.“ Sie war im Lohnbüro eines Opernhauses tätig. Mittlerweile hat das Paar zwei Töchter, 17 und 13 Jahre alt.

Auch Hannes Neumaier hat zwei Kinder. „Sie studieren schon“, berichtet der 51-Jährige. Seine Frau – sie sind seit 23 Jahren verheiratet – habe jede Menge Verständnis für seinen Beruf und das damit verbundene Reisen. Nicht ganz zufällig. „Sie ist Opernsängerin“, so Neumaier. Es sei wichtig, einen festen Mittelpunkt für das Familienleben zu schaffen. Seiner befinde sich mittlerweile in der Nähe von München.

900 Kostüme für eine Oper

In Salzburg hat er in den 1990er Jahren die ersten Grundsteine für seine Karriere gelegt und Bühnenbild studiert. Die Begeisterung für die Branche habe er seinen Eltern zu verdanken. „Sie haben mich schon früh mit ins Theater genommen“, berichtet er. Vielleicht erklärt das auch seine Begeisterung für Kinderstücke, die er sich bis heute behalten hat. Auch für Musicals, Opern und Theater hat er bereits Bühnenbilder und Kostüme erdacht, unter anderem viele Jahre lang als Ausstattungsleiter in Hildesheim.

Dort wurde auch sein „Leib- und Magenstück“, wie er sagt, aufgeführt. Die Meistersinger von Nürnberg. „Es ist die längste Oper von Wagner. Wir hatten mehr als 900 Kostüme. Danach war ich reif für die Rente“, berichtet Hannes Neumaier lachend. „La Tragédie de Carmen“ sei da eine ganz andere Hausnummer, deswegen aber nicht weniger spannend.

Für die Oper ?La Tragédie de Carmen?, die bei den Schlossfestspielen in Wernigerode aufgeführt wird, ist Oliver Klöter (links) für die Regie zuständig, Hannes Neumaier für die Gestaltung der Bühne sowie für die Kostüme.
Für die Oper ?La Tragédie de Carmen?, die bei den Schlossfestspielen in Wernigerode aufgeführt wird, ist Oliver Klöter (links) für die Regie zuständig, Hannes Neumaier für die Gestaltung der Bühne sowie für die Kostüme.
Foto: Sandra Reulecke