Wernigerode l Jugendliche greifen immer früher zum Joint – auch in Wernigerode. Deshalb schlagen die Suchtberater Alarm. „Vor 30 Jahren lag das Einstiegsalter bei Anfang 20“, sagt Antje Schüler von der Fachstelle für Suchtprävention in der Degenerstraße. „Heute sind die Jugendlichen zwischen 13 und 14 Jahren – also mitten in der Pubertät.“ Die Gefahr: In dieser Lebensphase befindet sich das Gehirn in einem Umbauprozess. „Kommen Substanzen wie Cannabis hinzu, kann das einen Kurzschluss im Gehirn verursachen.“ Es drohen Psychosen und Angststörungen. Der Zusammenhang zwischen Cannabis-Missbrauch in der Pubertät und psychischen Erkrankungen sei durch Studien belegt. „Und wir merken das auch bei uns in der Suchtberatung“, sagt Antje Schüler. „Wir haben Leute vor uns sitzen, die mit 20 arbeitsunfähig sind, die ein Leben lang psychisch krank sind. Deshalb machen wir uns extreme Sorgen.“

Verharmlosung

Problematisch sei, dass das Kiffen verharmlost wird. „Nicht nur von den Konsumenten, sondern auch von Eltern“, sagt Antje Schüler. „Ein bisschen Gras zu rauchen, ist doch harmlos“, höre sie häufig. Dabei sind die Gefahren, die von regelmäßigem Cannabis-Missbrauch ausgehen, auch bei Erwachsenen nicht von der Hand zu weisen. „THC, also Cannabis, ist die am meisten verbreitete illegale Droge in Deutschland“, informiert Antje Schüler. Gut 30 Prozent der behandelten Drogenabhängigen im Diakonie-Krankenhaus Elbingerode seien abhängig von THC. In der Kombination mit Amphetaminen wie Ecstasy, Crystal Meth und Speed seien es sogar 50 Prozent.

Vor allem die Folgen der psychischen Abhängigkeit seien „extrem hoch“, warnt die Suchtexpertin. „Man entwickelt ein unwiderstehliches Verlangen nach dem Rauschmittel. Die Kraft des Verstandes sind untergeordnet. Man verliert die Entscheidungsgewalt. Die Droge entscheidet.“ Dies zu behandeln, sei schwierig. „Die Erfolgsquote ist sehr gering, die Rückfallgefahr sehr hoch.“

Zwei Elternkreise

Die Suchtexperten in Elbingerode und Wernigerode gehen nun in die Offensive. „Wir haben die Elternarbeit hochgefahren.“ Zwei Elternkreise werden in der Degenerstraße angeboten. Die Nachfrage sei groß. Es sei notwendig, den Jugendlichen die Konsequenzen für ihr Handeln aufzuzeigen. „Werden die Eltern sie mit einem Joint erwischen, droht eine Strafe. Das muss klar sein.“ Außerdem werden den Gefährdeten gesunde Alternativen angeboten und an der Steigerung ihres Selbstwertgefühls gearbeitet.

Weitere Bausteine sind die Präventionsarbeit in den Schulen und Weiterbildungen der Schulsozialarbeiter. „Das Wichtigste ist die Information“, sagt Antje Schüler. Und das Interesse ist hoch, wie der Fachvortrag in Elbingerode in der vergangenen Woche gezeigt hat. Dr. Eckart Grau, Chefarzt und ärztlicher Direktor der Reha-Klinik, habe zum Thema Cannabis referiert. „Der Vortrag richtete sich an Lehrer, Streetworker, Erzieher und Ärzte.“ Die Resonanz sei riesig gewesen. „Wir haben mit 70 Teilnehmern gerechnet. Am Ende waren es 130. Das zeigt uns: Wir sehen das Problem nicht allein.“