Wernigerode l Es ist sein Traumjob, und er geht jeden Tag mit Freude zur Arbeit: Chris Kilian ist Erzieher – und damit eine seltene Spezies in den Wernigeröder Kindertagesstätten. „Mich erfüllt dieser Beruf. Selbst wenn man mal einen schlechten Tag hat, bringen einen die Kinder zum Lachen“, sagt der 27-Jährige. „Mir gefallen die Vielseitigkeit, die Weiterbildungs- möglichkeiten und das familiäre Ambiente im Team.“ Ja, es sei eine Menge Verantwortung, die auf seinen Schultern laste. Das sei ihm bewusst.

Erster Erzieher wurde 2011 eingestellt

„Am schönsten ist es, die Entwicklung der Kinder zu verfolgen. Ich begleite sie acht Jahre lang – vom Kindergarten, bis sie die Grundschule verlassen.“ Chris Kilian arbeitet 40 Stunden pro Woche, täglich vier Stunden im „Regenbogen“ und vier Stunden im Hort der nahegelegenen Francke-Grundschule.

Als er 2012 von der Stadtverwaltung eingestellt wurde, war der Elbingeröder erst der zweite Mann überhaupt, der in den Wernigeröder Kindertagesstätten beschäftigt wird. Der erste war Philipp Bauer, der seit 2011 im „Hummelhaus“ arbeitet. „Er ist ein guter Freund, wir überlegen uns meist gemeinsam die Kostüme für den Firmenlauf im Bürgerpark“, sagt Chris Kilian. In diesem Jahr wurden sie wiederholt mit dem Preis für die kreativste Firma ausgezeichnet, den die Zuschauer vergeben. Der Pokal stand im Eingang der Kita „Regenbogen“.

Acht männliche Erzieher

In der Ausbildung seien von 22 Lehrlingen gerade einmal zwei männliche Anwärter dabei gewesen. „Wir machen derzeit nicht einmal fünf Prozent der Erzieher in Wernigerode aus – obwohl drei neue Erzieher im Sommer eingestellt wurden“, sagt er. Gegenwärtig gibt es acht männliche Kinderbetreuer. Die Beschäftigten teilen sich auf die 16 Kindertagesstätten und Horte auf, die sich in der Trägerschaft der Stadt Wernigerode befinden. „Am Anfang war es für die Kollegen etwas gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweile ist es ganz normal, dass ein Mann im Team ist“, sagt er.

Auch bei den Familien sei er ausschließlich auf positive Resonanz gestoßen. „Die Eltern freuen sich, dass ein Mann in der Kita arbeitet. Es gibt viele Alleinerziehende, die es gut finden, dass die Kinder somit eine männliche Bezugsperson haben.“ Als er seiner Familie eröffnet habe, dass er Erzieher werden möchte, boten ihm seine Oma und seine Eltern sofort Unterstützung an. „Ich habe außerdem nebenbei in der Apotheke gejobbt, aber das Geld war trotzdem knapp. Als Erzieher erhält man kein Gehalt während der Ausbildung, ausschließlich Bafög.“ Seine Freunde hätten zunächst überrascht reagiert. „Sie waren verwundert“, sagt er. „Dann haben sie aber festgestellt, dass sie sich den Beruf selbst nicht unbedingt zutrauen würden.“

Was er besonders gut können müsse? „Trösten. Kinder weinen, weil sie verloren haben. Kinder weinen, wenn sie hinfallen“, zählt er auf. „20 Mal am Tag muss ich sicher trösten. Bei 52 Kindern im Hort muss man häufig irgendein Kind in den Arm nehmen.“

Anstrengend sei es, den unterschiedlichen Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden. „Jeder liest heute seine eigenen Erziehungsratgeber. Unser Ziel ist es, alle Kinder gleich zu behandeln und darauf zu achten, dass kein Kind auf der Strecke bleibt“, erklärt er. Im vergangenen Jahr hat er zum ersten Mal eine Gruppe abgegeben. „50 Kinder haben wir im Hort verabschiedet. Natürlich sind da auch Tränen geflossen.“

16 Praktika in Heim, Hort und Jugendclub

Schon mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder sei er immer gut zurecht gekommen. Das Gespür für Kinder stellte er in sage und schreibe 16 Praktika unter Beweis. „Ich war im Kinderheim, in Kindertagesstätten, in Jugendclubs, im Hort“, zählt er die Stationen auf.

Was er als Mann anders mache? Das könne er gar nicht so genau sagen. „Ich liebe Sport, bin bei den Bodfeld Baskets im Basketballteam, spiele Volleyball, Badminton, gehe Schwimmen und viel Fahrradfahren.“ Frauen seien jedoch genauso sportlich. Musikalisch sei er kein Ausnahmetalent. „Ich habe während meiner Ausbildung Gitarre gelernt, aber bin nicht begnadet. Die Kinder interessiert es auch nicht, ob man jeden Ton trifft“, sagt er. Am liebsten arbeite er mit den Kindern in der Holzwerkstatt. „Wir bauen Vogelhäuschen, Autos und Puppenhäuser.“ Ob das nicht typisch Mann sei? „Ja, doch, vielleicht?“, sagt er und muss lachen.