Erzieher: So hoch ist die Männerquote im Harz

Bundesweit lag die Männerquote in Kindertagesstätten im vergangenen Jahr bei 6,1 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt entspricht das 36 000 männlichen Erziehern. Wie ist die Situation in den kommunalen Tagesstätten der Region? Die Volksstimme hat sich umgehört.

Halberstadt verfügt über 16 kommunale Kindereinrichtungen, die von rund 1600 Mädchen und Jungen besucht werden. Um die Betreuung der Kinder kümmern sich 185 Erzieher und Einrichtungsleiter. Neun davon sind Männer. Mit 4,86 Prozent liegt die Männerquote damit zwar über dem deutschen Durchschnitt, aber wenn es nach dem Fachbereich der Stadt geht, dürfen es gern noch mehr werden.

Elf männliche Erzieher und ein Bundesfreiwilliger sind aktuell in den kommunalen Kindertagesstätten Wernigerodes tätig. Bei insgesamt 260 Erziehern entspricht das 4,23 Prozent. Wie Rathaussprecherin Winnie Zagrodnik mitteilt, sei die Altersspanne erfreulich groß. So ist der älteste Erzieher 1962 geboren worden, der jüngste 1995. „Männer kommen bei den Kindern sehr gut an“, so Zagrodnik. Sie spricht aus Erfahrung, ihre beiden Kinder wurden in Einrichtungen betreut, in denen Männer arbeiten.

In Quedlinburg gibt es sieben kommunale Tagesstätten sowie sieben Horte. Dort sind insgesamt 110 Erzieher tätig, darunter fünf Männer. Das entspricht einer Quote von immerhin 4,54 Prozent. „Die männlichen Mitarbeiter sind alle in den Horten beschäftigt“, teilt die Presseabteilung der Stadt mit.

88 Erzieher sind in den 13 kommunalen Kindertagesstätten in der Einheitsgemeinde Osterwieck tätig. Zwei davon sind Männer – das entspricht 2,27 Prozent. Doch es könnten bald mehr werden: Wie der Fachbereich informiert, gibt es derzeit Stellenausschreibungen für Erzieher und Heilpädagogen – männliche Bewerber sind ausdrücklich willkommen.

8,33 Prozent des Kita-Personals in Blankenburg sind Männer. Im Einzelnen bedeutet das, dass im Sozial- und Erziehungsdienst insgesamt 72 Mitarbeiter beschäftigt sind – 66 weibliche und sechs männliche, wie Stadtsprecher Bennet Dörge informiert. Fünf Kitas der Blütenstadt befinden sich in Trägerschaft der Stadt.

Die Stadt Goslar im benachbarten Niedersachsen hat sieben kommunale Kitas, in denen derzeit 79 pädagogische Fachkräfte – inklusive Kinderpflegerinnen und Sozialassistentinnen – beschäftigt sind. Fünf der Mitarbeiter sind Männer. Das entspricht einer Quote von 6,33 Prozent. „Entsprechend freuen wir uns bei Stellenausschreibungen sehr über Bewerbungen von Männern“, teilt Stadtsprecherin Vanessa Nöhr mit.

Halberstadt l „Sind Sie hier der Hausmeister?“ Als Mike Tangermann seinen Job in der Kindertagesstätte angetreten hat, sorgte das anfangs noch für Verwirrung bei den Eltern, erinnert sich der 50-Jährige lachend. Denn er ist nicht etwa für das Wechseln von Glühlampen oder das Rasenmähen zuständig, sondern Heilpädagoge in der Halberstädter Tagesstätte Rappelkiste.

Damit zählt er zu einer Minderheit. Laut Statistischem Bundesamt waren 2017 nur 5,8 Prozent des Fachpersonals in deutschen Kindertagesstätten männlich – inklusive Praktikanten und Bundesfreiwilligen. Zehn Jahre früher, 2007, lag die bundesweite Männerquote sogar nur bei 3,1 Prozent. Und dabei empfahl die Europäische Union bereits 1996, den Männeranteil unter den Kita-Erziehern auf 20 Prozent zu erhöhen.

Verdacht

Woran liegt es, dass dieses Ziel auch nach 23 Jahren noch immer utopisch wirkt? Nicht ganz unschuldig dürfte daran der Generalverdacht sein, der männliche Erzieher immer wieder trifft, der aber mehrfach von Studien widerlegt wurde. Pädophilie. Um sich vor solchen Vorwürfen zu schützen, gibt es in einigen Tagesstätten ein Wickelverbot für männliche Mitarbeiter. Das führt zu einem weiteren Aspekt. Den Klischees zu Geschlechterrollen. Trotz aller Kampagnen zum Thema Gleichberechtigung existieren sie auch heute noch: Frauen sind für die Erziehung da, Männer für Handwerkliches und Technik.

Ein weiteres oft angeführtes Argument ist der niedrige Verdienst. Als Erzieher könne man keine Familie ernähren, so ein gängiges Klischee. Als Arbeitsloser aber erst recht nicht – und genau das war Mike Tangermann, bevor er die vierjährige Ausbildung zum Heilerziehungspfleger begonnen hat.

Neuorientierung

Bevor es den Halberstädter in einen vermeintlichen Frauenberuf verschlagen hat, war er in einer Männerdomäne tätig. Er war Lokschlosser bei der Deutschen Reichsbahn, unterbrochen nur von seiner Armee-Zeit. Später arbeitete er zehn Jahre lang bei der Rübelandbahn, bis die Strecke nach Blankenburg Anfang der 2000er-Jahre stillgelegt wurde. Zunächst hielt er sich mit Ein-Euro-Jobs über Wasser, unter anderem im Soziokulturellen Zentrum Zora in Halberstadt. Den Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene kannte er damals bereits gut. „Seit der Wende habe ich in der Zora gearbeitet und für die Kreisjugendpflege Ferienfreizeiten organisiert“, erläutert der 50-Jährige. Da er sich nun eh beruflich neu orientieren musste, wollte er mehr im sozialen Bereich tätig werden.

Die Arbeit mit kleinen Kindern sei zunächst gar nicht sein Ziel gewesen, berichtet er. Das habe sich erst so ergeben, als er selbst Vater geworden sei. Die Arbeitszeiten einer Kita seien einfach familientauglicher als die in dem Außenwohnbereich des Halberstädter Cecilienstifts, in dem er erst tätig war. Bereut hat er den Schritt, innerhalb des Trägers die Arbeitsstelle zu wechseln, nicht. „Ich bin glücklicher als vorher“, sagt er. Und irgendwie habe sich der Kreis für ihn geschlossen: Das Haus der Kita, in der er heute tätig ist, wurde einst von der Reichsbahn gebaut.

Unterstützung

Einen, laut Klischee, typischen Männerberuf hat auch sein Kollege Sascha Kramer nach der Schule ergriffen: Er war 13 Jahre als Straßenbauer tätig – aber nicht glücklich. „Im Winter war ich oft zu Hause, weil es keine Arbeit gab. Da wird man regelrecht depressiv“, sagt der 34-Jährige. Da es ihm schon immer leicht fiel, Kontakte zu Menschen zu knüpfen, wollte auch er in einen sozialen Beruf „hineinschnuppern“. Und so fing er an, an den Wochenenden im Celcilienstift zu arbeiten, bevor er im Caritasheim St. Pia in Dingelstedt die Ausbildung begann. Dazu gehörte es auch, ein Jahr lang in einer Kita zu arbeiten. „Ich habe gemerkt, dass die Arbeit mit Kindern mir mehr liegt“, berichtet Kramer. Seit Oktober ist er nun in der Einrichtung Gröperstraße in Halberstadt tätig. „Ich habe mich für den richtigen Weg entschieden“, sagt er.

Sein Umfeld habe ihn in der Zeit unterstützt. Sprüche wie „Das ist doch kein Männerberuf“ habe er nicht gehört, so der Vater einer Zweieinhalbjährigen. Auch mit Vorurteilen wurde er nicht konfrontiert, sagt er. Im Gegenteil: „Endlich mal ein Mann“, so die Reaktion von vielen Eltern.

Diese Erfahrung hat auch Tobias Bornschein gemacht. Allerdings erst nach einer kurzen Eingewöhnungszeit. „Auf dem Dorf ist es noch unüblicher, dass es einen männlichen Erzieher gibt. Aber es haben sich alle schnell daran gewöhnt“, berichtet der 36-Jährige. Er arbeitet in der Pabstorfer Kita, die sich ebenfalls in Trägerschaft des Cecilienstifts befindet.

Zweite Wahl

Auch für den Zweifach-Vater ist Erzieher nicht der erste Beruf. „Ich war ein schlecht ausgebildeter Heizungsmonteur“, sagt er lachend. Unzufrieden, obendrein nur kurz in dem Job tätig. Stattdessen nahm er Hausmeisterjobs an. Eines Tages, beim Rasenmähen, dachte er „Das kann doch nicht alles sein“. Er erinnerte sich an seinen Zivildienst zurück, im Blankenburger Jugendhaus „Roh 11“. Nach Abwägungen, wie er die neue Ausbildung finanziell überstehen kann, hat er die Theorie in Aschersleben und die Praxis in einer Jugend-Wohngruppe in Thale absolviert. „Aber das war mir zu langweilig. Die Jugendlichen waren oft außer Haus“, berichtet der Halberstädter. Der Job in der Kita erfülle ihn. „Ich bin gelassener geworden“, sagt er.

Die drei Erzieher sind sich einig, dass nicht nur sie von ihrer Arbeit profitieren, sondern besonders die Kinder. So sieht es das auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Es ist wichtig, dass in der frühkindlichen Erziehung Frauen und Männer gemeinsam arbeiten, und zwar für Jungen ebenso wie für Mädchen, denn im frühkindlichen Bereich fehlen moderne männliche Rollenvorbilder und Bezugspersonen für Mädchen und Jungen. Gerade, wenn die Kinder nur bei einem Elternteil aufwachsen.“ Nach Ansicht des Ministeriums sei es wünschenswert, dass Kindern „moderne männliche Rollenbilder“ gezeigt werden.