Rübeland l Enge Straßen, dichte Bebauung und kein Wasser auf dem Berg – wenn es im Rübeländer Ortsteil Neuwerk brennt, dann wird es schwierig, den Flammen Herr zu werden. Das befürchtete unter anderem der Neuwerker Ortswehrleiter Ronny Heydecke und organisierte zusammen mit fünf weiteren Feuerwehren der Oberharz-Stadt eine Großübung, um das Vorgehen im Katastrophenszenario zu testen. Rund 50 Kameraden waren im Einsatz.

Es ist Samstag, 10. Oktober, 9.37 Uhr, als der Alarm losgeht. Die Meldeempfänger der Neuwerker Kameraden piepen zeitgleich, dann springt auch die Sirene an. Die Feuerwehrleute stehen noch ruhig am Gerätehaus – denn sie wissen, dass es nur eine Übung ist. Normalerweise würden sie jetzt zuhause oder auf der Arbeit sitzen und zur Wache sprinten. Bei einem letzten Schluck Kaffee genießen sie an diesem Tag den ungewohnten Zeitvorsprung.

Einsatz unter echten Bedingungen

Anders sieht das in Benneckenstein und Elend aus. Die Kameraden, die den Einsatzleitwagen (ELW) fahren beziehungsweise die zentrale Atemschutzüberwachung koordinieren – und aufgrund dieser Spezialaufgaben laut Ausrückeordnung ans andere Ende der Stadt gerufen werden – liegen noch im Bett oder sitzen ahnungslos am Frühstückstisch, als sie alarmiert werden. 16 Minuten später sind die Elender am Einsatzort, werden von Ronny Heydecke eingewiesen. Der ELW kommt neun Minuten danach an.

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„Normalerweise wird eine so große Übung angekündigt, damit die Kameraden sich auf dem Weg zur Wache und zum Einsatzort nicht aufgrund des Zeitdrucks selbst gefährden“, erklärt Stadtwehrleiter Dirk Rieche. In diesem Fall habe man aber auch die reellen Reaktionszeiten festhalten wollen. Deshalb seien nur die Kräfte aus Neuwerk, Rübeland und Elbingerode eingeweiht gewesen. „Und der Ortswehrleiter in Königshütte, aber der hat dichtgehalten.“

Hilfsfrist eingehalten

Das erste positive Fazit der Übung: Die Hilfsfristen werden eingehalten. Während die Neuwerker als ansässige Wehr in zwölf Minuten vor Ort sein müssen, haben die umliegenden Wehren sieben Minuten länger Zeit, informiert Rieche. Mit einer knappen Viertelstunde seien sie alle noch darunter geblieben. Nur der ELW hat 25 Minuten gebraucht. „Das ist aber eine gute Zeit von Benneckenstein aus. Da ein Einsatzleitwagen ohnehin erst bei größeren Geschehen den Einsatzleiter unterstützt, ist dieser nicht so zeitkritisch“, ordnet Ronny Heydecke ein.

Vor Ort geht es dann richtig schnell. Die Gruppenführer reichen die Anweisungen des Einsatzleiters an ihre Kameraden weiter. Während sich die Neuwerker direkt am imaginären Brandort im Oberdorf positionieren, stehen die Rübelander und Elbingeröder ganz in der Nähe, um mit ihren Löschfahrzeugen das erste Wasser auf dem Berg vorzuhalten.

Berg als Herausforderung

Unterdessen treffen die Kameraden aus Königshütte ein. „Sie bauen die Wasserversorgung auf. Es ist bei größeren Bränden immer wichtig, eine nicht versiegende Quelle zu haben“, verdeutlicht Ronny Heydecke, der an diesem Samstag die Einsatzleitung übernommen hat. Wenn die Tanks der Fahrzeuge leer sind, kommt auf diese Weise Nachschub aus der Bode. Damit die knapp 80 Höhenmeter überwunden werden können, werden entlang der kurvigen Straße vier Verstärkerpumpen stationiert.

Und das funktioniert. Nachdem das Wasser gut 900 Meter im Schlauch zurückgelegt hat, schießt es gut 45 Minuten nach der Alarmierung am höchsten Punkt des Dorfes aus den Düsen. „Das klingt für denjenigen, den es betrifft, sicher sehr lange, aber es ist eine akzeptable Zeit für den Aufwand, den wir dafür betreiben mussten“, sagt Dirk Reiche.

Doch nicht nur die Versorgung mit Bodewasser soll an dem Samstag geprobt werden. Unweit der Einsatzstelle liegt ein Hydrant unter der Straßendecke, von dessen Leistung sich die Feuerwehren ein Bild machen wollen. Denn funktioniert auch dieser Anschluss, stehen zum Löschen weitere 30 Kubikmeter aus dem aus Hüttenrode bespeisten Trinkwasserspeicher bereit.

Stabile Wasserversorgung

Das freudige Ergebnis: Auch diese Variante klappt. „Damit können wir das Oberdorf mit zwei B-Leitungen dauerhaft versorgen. Und falls eine Leitung ausfällt, haben wir immer noch die andere“, zeigt sich Ronny Heydecke zufrieden. Um 10.57 Uhr heißt es dann: „Wasser halt“. Der Abbau kann beginnen.

Dass der Hydrant für die Übung überhaupt genutzt werden durfte, sei laut Roland Krebs, Leiter des städtischen Ordnungsamtes, mit dem zuständigen Abwasserverband abgestimmt worden, „damit wir testen können, was das Trinkwasser hergibt“. Darüber hinaus gebe es auch eine Vereinbarung, dass die Gemeinde die Kosten für das entnommene Wasser übernimmt.

Für die Übung hat die Oberharz-Stadt zudem weiteres Geld locker gemacht. Sie übernimmt laut Heydecke dankbarerweise die Kosten für die von der Elbingeröder Wehr gekochte Gulaschsuppe und die gekauften Getränke. So konnten sich die Kameraden nach ihrem Einsatz gemeinsam stärken. „Ich möchte an der Stelle auch einen großen Dank an alle aussprechen, die ihren Samstagvormittag geopfert haben“, betont Stadtwehrleiter Dirk Rieche.

Konsequenzen angedacht

Jetzt folge die Nacharbeit. Wie Rieche und Heydecke einstimmig resümieren, habe der Test Verbesserungspotenzial aufgezeigt. So sollen die Pumpenstandorte optimiert werden, ebenso sollen zwei Fahrzeuge im Ernstfall aus taktischen Gründen ihre Position tauschen. Auch das Funkkonzept solle leicht überarbeitet, Einsatzabschnitte besser unterteilt werden.

„Und der Hydrant muss aus der Straße raus. Da gehört er nicht hin“, meint Dirk Rieche. Das werde beim Bau- und Ordnungsamt der Stadt beantragt. Zudem solle das Ordnungsamt nach Ansicht der Feuerwehr die Parksituation in Neuwerk verstärkt kontrollieren. Die Durchfahrbreite von drei Metern, die für große Feuerwehrautos nötig ist, ist laut Ronny Heydecke im Normalfall oft nicht vorhanden. An diesem Samstag hätten sich Bewohner und Feriengäste nur daran gehalten, da im Ort mittels Flyern und Gesprächen über den Einsatz informiert worden sei.