Wernigerode l Der Harz ist ein Paradies für Liebhaber heißer Maschinen: Kurvenreiche Strecken und vielfältige Landschaften bieten Motorradfahrern ein besonderes Fahrerlebnis und locken sie zuhauf an. Dank eines Vorhabens von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer soll das jetzt für viel mehr Menschen möglich sein als zuvor. Der Politiker möchte das Fahren leichter Motorräder ohne zusätzlichen Führerschein erlauben.

Was dafür nötig ist? Ein Mindestalter von 25 Jahren und ein Auto-Führerschein, der mindestens fünf Jahre alt sein muss. Eine Prüfung müssen Fahrschüler dann nicht ablegen. Um eine Maschine mit maximal 125 Kubikzentimetern Hubraum, sogenannte Leichtkrafträder, fahren zu dürfen, braucht es lediglich eine 90-minütige Theorieeinheit und sechs Fahrstunden.

Skepsis

Wernigeröder Experten sind skeptisch, ob das wirklich ausreicht: „Bestimmte Dinge, wie zum Beispiel Bremsen oder Ausweichen muss man beim Motorradfahren ganz besonders üben. Zudem muss man wesentlich vorausschauender fahren“, erinnert Oliver Dirrwald von der Verkehrswacht Harzkreis. Das seien Anforderungen, die nur schwer umzusetzen sind, wenn man keine Erfahrung habe, merkt der Fahrlehrer an. Zudem könnten viele Fahrer nicht einschätzen, wie schnell ein Motorrad wirklich sei.

Nach den Plänen des Bundesverkehrsministeriums sollen Besitzer eines Auto-Führerscheins der Klasse B in Zukunft Motorräder fahren dürfen, die maximal 15 Pferdestärken haben und mehr als Tempo 100 schnell sein können.

Umfangreicheres Programm

Bisher war das nur denen erlaubt, die einen Führerschein Klasse A1 besitzen. Der sieht ein viel umfangreicheres Programm vor: Für einen A1-Führerschein braucht es laut Dirrwald zwölf Pflichtfahrstunden, auch Autobahn- und Stadtfahrstunden sowie Fahren bei Dämmerung sind vorgesehen. Zudem sei der Theorieblock mit sechs Stunden à 90 Minuten wesentlich länger. Aber: In anderen EU-Ländern, darunter Frankreich und Italien, ist die jetzt in Deutschland geplante Regelung in ähnlicher Form bereits Realität.

Trotzdem sind die Harzer Experten skeptisch. Fahrlehrer Thorsten Arndt weiß als passionierter Motorradfahrer, wie anspruchsvoll das Fahren einer solchen Maschine sein kann. „Ich sehe das sehr negativ. Man kann nur hoffen, dass es nicht umgesetzt wird“, stellt er klar. Gerade im Hinblick auf die hohe Rate an schweren und tödlichen Motorradunfällen im Harz macht sich Arndt Sorgen um die Sicherheit im Straßenverkehr.

Tödliche Unfälle

Eine ähnliche Meinung vertritt auch Berufskollege Stefan Fehling: „Das ist ja quasi wie ein Geschenk an Autofahrer. Ich halte das nicht für sinnvoll und dazu noch lebensgefährlich.“

Tatsächlich gab es im vergangenen Jahr laut der polizeilichen Verkehrsunfallstatistik sechs tödliche Unfälle motorisierter Zweiradfahrer im Harz. Im Jahr 2017 war es nur einer. Die Polizei hält sich mit einer Einschätzung zum aktuellen Gesetzesvorhaben zurück. „Solange nichts in die Wege geleitet wurde, äußern wir uns nicht dazu“, erklärt Uwe Becker, Sprecher des Polizeireviers Harz, auf Anfrage. Ob das Vorhaben tatsächlich umgesetzt wird – in dieser Frage sind sich die Experten uneinig. Während Thorsten Arndt von „viel heißer Luft“ ausgeht, ist sich Fahrlehrer Thomas Wegener ziemlich sicher, dass die Reform früher oder später kommen wird.

Wegener, der Fahrschulen in Wernigerode, Halberstadt und Quedlinburg besitzt, sieht die Pläne des Verkehrsministers weniger kritisch als seine Kollegen. Er könne gut verstehen, dass einige Menschen Gefallen an diesem Vorschlag finden.

Voraussetzungen

„Wenn tatsächlich alle Voraussetzungen erfüllt werden, dann ist es für mich okay. Allerdings muss man es von Schüler zu Schüler individuell sehen. 90 Minuten Theorie- block können ausreichen, wenn man sehr pfiffig ist“, findet der Fahrlehrer. Er weist zudem darauf hin, dass es sich bei den geplanten Schulungen um ein Mindestmaß handele.

Problematisch sei es allerdings, wenn jemand seine Fähigkeiten falsch einschätzt und so schnell und billig wie möglich seinen Führerschein machen möchte. „Übungen, die zum Motorradfahren dazu gehören, erfordern Training“, stellt er klar.

Mobilität

Mit der Änderung der Fahrerlaubnis-Verordnung soll unter anderem die Mobilität in den ländlichen Regionen gesteigert werden. „Das ist ein guter Gedanke, doch der Weg dahin ist falsch“, so Oliver Dirrwald. Stattdessen müsse der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut werden.

Thomas Wegener sieht die Alternative eher in der Elektromobilität. „Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft immer mehr E-Roller sehen werden. Die nehmen wenig Platz weg und produzieren keine Abgase.“ Dadurch könne viel effektiver und auch umweltbewusster die Mobilität gesteigert werden.

Hoffnung auf Vernunft

Thorsten Arndt hofft derweil auf die Vernunft der Fahrschüler. „Sollte es zur Umsetzung kommen, müssen wir in Zweifelsfällen versuchen, die Schüler zu mehr Stunden zu überreden, aber das liegt dann trotzdem im Ermessen eines jeden einzelnen.“ Kommentar