Wernigerode l Er sieht unscheinbar aus – der Steinbrocken, der im Garten von Stefan Klaube liegt. Grau, kantig – unscheinbar. Bis auf die eigentümliche Zeichnung, der Klaube lange keine Bedeutung beigemessen hat. Birgt der Stein ein Jahrtausende altes Geheimnis? Der Wernigeröder setzt gerade alles daran, dies herauszufinden.

Wann genau er den Stein entdeckt hat, das weiß Stefan Klaube nicht mehr genau. „Es muss schon Jahre her sein. Ich suche immer mal wieder Steine für meinen Garten.“ Den Kalkbrocken haben er damals am Ackerrand unterhalb des Horstberges liegen sehen. Der Höhenzug aus Muschelkalk liegt zwischen Wernigerode und Benzingerode. „Wenn die Bauern mit dem Pflug unterwegs sind, werfen sie die Findlinge zur Seite, damit sie nicht stören.“

Horizontbogen eingeritzt

Der Stein sei bemoost gewesen, habe mit den eingearbeiteten Strukturen nach unten gelegen. „Er diente ein paar Jahre bei mir als Beetbegrenzung im Garten. Ich habe ihn nicht weiter beachtet“, erinnert sich Klaube. Bis er beschloss, den Stein zu verlegen. „Ich habe ihn umgedreht, er lag dann an einer anderen Stelle.“ Es sei ein Wintertag gewesen, die Sonne schien, der Schnee schmolz und lagerte sich in den Vertiefungen ab. „Ich habe gesehen, da ist was drauf. Dann habe ich angefangen zu recherchieren.“

Bilder

Im vergangenen Jahr sei er im Spätsommer gezielt auf dem Horstberg wandern gewesen. „Ich habe mir die Sonnenuntergänge angesehen und geschaut, in welchem Bereich die Sonne untergeht.“

Recherche

Plötzlich machten die Ritzzeichnungen auf dem Kalkstein Sinn. „Ich bin weder Experte noch Historiker“, sagt der freischaffende Künstler. „Ich kann nur vermuten. Aber für mich markieren die Linien Punkte, die mit der Sommer- und Wintersonnenwende zusammenhängen könnten.“ Sogar einen Horizontbogen – wie auf der berühmten Himmelsscheibe von Nebra – hat Klaube auf dem Stein ausgemacht. Er habe sich belesen, sich Abbildungen von der Himmelscheibe angeschaut. „Wie alt die Markierungen sind, kann ich nicht sagen.“ Er glaubt aber, dass der Stein vor vielen Jahren bewusst ausgesucht wurde. Der Kalkstein sei groß und fest, die Ränder seien bearbeitet, die Ritzzeichnung selbst sehr grob, Die eingearbeitete Spitze in der Mitte des Horizontbogens könnte bei entsprechender Ausrichtung eventuell auf den Brocken zeigen, der vom Horstberg aus zu sehen ist. „Vielleicht handelt es sich ja um einen bedeutenden Visierstein, der für kultische und astronomische Zwecke genutzt wurde.“

Die Region um Benzingerode ist schon seit der Jungsteinzeit besiedelt. In einem Zeitraum von 7500 Jahren sei es immer wieder zur Neubesiedlungen gekommen, heißt es in der Chronik des Wernigeröder Ortsteils. Es seien Siedlungsspuren von Kulturen der frühen Geschichte bis in die Neuzeit hinein nachgewiesen worden.

Nähe zum Menhir

Nur knapp drei Kilometer vom Horstberg entfernt steht der Menhir von Benzingerode – und das seit etwa 5000 Jahren. Der Koloss ragt 3,50 Meter aus der Erde heraus. In unmittelbarer Nähe – bei Heimburg und bei Derenburg – haben sich weitere Menhire befunden. Über die Bedeutung der mächtigen Steine rätseln die Experten bis heute. Ob Kultstätte, Markierung von Grabanlagen oder astronomischer Bezug – die sorgsam platzierten Steine müssen für die Menschen von damals wichtig gewesen sein.

Wie auch der Kalkstein vom Horstberg? Stefan Klaube will Klarheit. „Da muss geforscht werden. Es ist zwar nicht die Himmelsscheibe aus Bronze, aber sicher ein Himmelsstein großer Dimension aus der Umgebung von Wernigerode. Das wäre eine Sensation für den Harz.“ Deshalb hat sich der Wernigeröder an Sachsen-Anhalts Chef-Archäologen Harald Meller gewandt. „Ich habe Fotos von dem Stein ans Landesamt für Denkmalpflege geschickt.“

Besichtigung

Das Schreiben sei in der Behörde eingegangen, bestätigt Alfred Reichenberger auf Volksstimme-Nachfrage. Der Vize-Landesarchäologe und Amtssprecher: „Nach dem Foto ist nicht zu entscheiden, ob auf dem Stein Markierungen angebracht sind oder ob es sich eventuell um Beschädigungsspuren durch den Pflug handelt“, so der Experte. Zweiteres halte er nach vorläufiger Einschätzung für wahrscheinlicher. Dennoch hat er seinen für den Harzkreis zuständigen Kollegen gebeten, sich mit Klaube in Verbindung zu setzen, um einen Besichtigungstermin zu vereinbaren. „Dann wird man weiter sehen können.“