Sorge l „Mauerbau 1961 - was hat dies für Deutschland bedeutet?“ Darüber haben am vergangenen Sonnabend Politiker, Vertreter von Opferverbänden, ehemalige Grenzsoldaten und interessierte Bürger im Dorfgemeinschaftshaus in Sorge diskutiert. Zuvor inspizierten alle das Grenzmuseum, in dem der Förderverein die Erinnerung an die Zeit der Teilung Deutschlands wach hält.

Zum 56. Mal jährte sich am Sonntag der Berliner Mauerbau. Nachdem bereits Hunderttausende das Land Richtung Westen verlassen hatten, wollte sich die DDR so vor dem weiteren Ausbluten schützen. Regimekritiker wurden kaltgestellt, die Presse kontrolliert. Freies Reisen und Wählen war nicht mehr möglich. Die im Grenzgebiet liegenden Gemeinden wurden mit Aktionen wie „Ungeziefer“ von wenig staatstreuen Bewohnern „gesäubert“.

Düsteres Kapitel

Mit enormem Aufwand wurde nach und nach dann die innerdeutsche Grenze gesichert – auch in Sorge. 130 Soldaten, davon 30 Offiziere, waren in der kleinen Grenzgemeinde bis zum Mauerfall stationiert. Sie sollten dafür sorgen, dass niemand das Land verlassen konnte. Und doch versuchten gerade im Harz viele Menschen zu fliehen. Sechs davon mussten allein hier bei Fluchtversuchen ihr Leben lassen. Im ganzen Harz waren es insgesamt 17 Menschen, die dabei zu Tode kamen. Ein düsteres Kapitel, das vielen Mitdiskutanten noch in Erinnerung ist. Umso wichtiger sei es, die Erinnerung wachzuhalten.

„Unruhen, Terror und Kriege wohin man schaut. Vor diesem Hintergrund scheint die ganze Welt völlig verrückt geworden zu sein. Ich kann daher nur hoffen, dass viele Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und so den Bestand der Demokratie weiter sichern helfen“, erklärte Ortsbürgermeisterin Inge Winkel am Rande der Diskussion. Das hofft auch Johannes Rink, zweiter Vorsitzender des Landesverbandes der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS). „Es wird von vielen leider vergessen, was wir mit dem Mauerfall erreicht und wiedergewonnen haben. Wählen gehen ist wichtig.“

Der Historiker Professor Konrad Breitenborn erinnerte in der Runde unter anderem an den Volksaufstand am 17. Juni 1953, den er in seinem Buch „Tage zwischen Hoffnung und Angst. Der 17. Juni 1953 im Kreis Wernigerode“ beschrieben hat. Wernigerode sei damals ein Schwerpunkt der Protestbewegung im ehemaligen Bezirk Magdeburg gewesen.

In den Jahrzehnten nach dem Aufstand habe die DDR Überwachungen, Kontrollen und ähnliches deutlich forciert. Auch er selbst habe das zu spüren bekommen. Als Berufspendler zwischen Halle und Wernigerode sei er regelmäßig den Repressalien der Transportpolizei in der Deutschen Reichsbahn ausgeliefert gewesen. „Als Bartträger war man eigentlich immer dran. Völlig unverständlich war, dass ich immer wieder von denselben Polizisten kontrolliert wurde.“ Einen der eifrigsten dieser Uniformträger habe er Anfang der 1990er Jahre wiedergetroffen. Als man ihm von seinem Trabant vor dem Bahnhof in Halberstadt alle vier Räder geklaut hatte. „Als ich den gleichen Menschen in einer anderen Uniform im Bahnhof antraf, war ich so irritiert, dass ich an eine Anzeige nicht mehr gedacht habe“, so Breitenborn.