Rübeland l Der Aussichtspunkt an der Rappbodetalsperre bietet einen weiten Blick auf die Staumauer, die Hängebrücke und in den Harz. Seit mehr als einem halben Jahrhundert haben die Referenten der Harzer Urania Besuchern an diesem Ort erklärt, wie sich die Wasserwirtschaft im Harz und insondere das Talsperrensystem entwickelt haben. Damit ist es nun vorbei: Der Traditionsverein löst sich auf. Das haben die Mitglieder in einer Versammlung Ende Oktober beschlossen, berichtet der Vorstandsvorsitzende Peter Schories. „Die Stimmung war gedrückt, aber alle wussten, wie es steht.“

Der Auslöser für die Vereins-auflösung war die Corona-Krise. Die Saison, die am 10. April starten sollte, fiel wegen der Pandemie komplett ins Wasser. 20 Besucher und ein Referent versammeln sich normalerweise auf dem Vortragsplatz – mit Abstand wäre das nicht möglich gewesen. „Wir hätten aufgrund der Gegegebenheiten kein Hygienekonzept einhalten könnten“, so Schories. Hinzu komme, dass viele Besucher und Referenten zur Risikogruppe zählten, meist mehr als 70 oder 80 Jahre alt seien. „Die Verantwortung konnten wir als Vorstand nicht übernehmen“, so der Vorsitzende.

Damit brachen die Einnahmen weg: „Wir werden nicht gefördert. Wir leben komplett von den Eintrittsgeldern“, so Schories. Die Perspektiven sahen aber ohnehin nicht rosig aus. Bereits vor Corona kämpfte der Verein gegen sinkende Besucherzahlen an. Peter Schories zeigt Grafiken, die es veranschaulichen: Seit 2014 ging der Andrang zurück, besonders stark ab 2017. Das entspreche einem Trend, der nicht nur an der Talsperre spürbar sei, sagt Schories. „Der Urlauber im Harz orientiert sich am Erlebnis- nicht am Bildungstourismus.“ Das hätten ihm Experten, etwa vom Harzer Tourismusverband, bestätigt, die er um Rat bat.

Bilder

Die Gegensätze prallten exemplarisch an der Rappbodetalsperre aufeinander. Bis 2012 waren die Vorträge der Urania das einzige Angebot für Gäste nahe der Staumauer. Dann baute die Firma Harzdrenalin unmittelbar neben dem Vortragsplatz ihre Megazipline, 2017 folgte die Hängebrücke Titan RT. Die neuen Attraktionen lockten zahlreiche Besucher an die Talsperre. Davon habe die Urania zunächst profitiert, sagt Schories. Wer nicht mit der Doppelseilrutsche in die Tiefe sausen wollte, beobachtete oft vom Vortragsplatz aus Familie und Freunde bei der Fahrt. „Die Leute sind zu uns gekommen, weil man vom Platz einen wunderbaren Blick hat“, sagt Schories.

Erst Hoch, dann Flaute

Dabei habe man manche für die Talsperre und die hydrologischen Besonderheiten des Harzes interessieren können. Peter Schories hat es oft erlebt, dass Besucher sich im Gespräch dann doch auf die Themen der Urania einließen. „Wir hatten einen sehr guten Zulauf und entsprechende Einnahmen generiert. Und wir haben viele Leute erreicht.“ Sechs Referenten waren von April bis Oktober vor Ort, um Informationen zu vermitteln – nicht nur zur Talsperre, sondern auch zu Flora, Fauna und Klima im Harz.

Mit der Eröffnung der Hängebrücke habe sich jedoch das Blatt gewendet. „Seitdem hat es einen massiven Abschwung an Besuchern gegeben“, sagt Schories. Noch mehr Gäste kamen, doch nur wenige waren bereit, am Urania-Kassenhäuschen Eintritt zu bezahlen. Viele Besucher hätten nicht verstanden, dass der Verein eine eigenständige Einrichtung war. Zwar habe die Urania selbst auch Interessierte angezogen, zum Beispiel Reisegruppen von Busunternehmen aus Brandenburg, den Niederlanden und Dänemark. „Doch von den Gruppen allein können wir nicht leben“, so Schories.

Der Verein stemmte sich gegen den Abschwung, modernisierte den Vortragsplatz, stellte neue Bänke und einen Unterstand auf und investierte in wetterfeste Tafeln. Hinzu kamen wie zuvor die laufenden Kosten für die Kassiererinnen, Fahrtkosten der Referenten, Internet, Telefon, das Büro in Wernigerode und anderes. Aus den Rücklagen, die bis 2017 gebildet wurden, ließ sich all dies zunächst finanzieren. Angesichts sinkender Einnahmen und des Totalverlusts für 2020 zogen Vorstand und Mitglieder aber nun die Notbremse.

Am Vortragsplatz sind die abnehmbaren Schaukästen bereits entfernt. Die drei Häuschen für die Kasse, die Referenten und Gerätschaften werden abgebaut. Die übrigen Anlagen übernimmt Harzdrenalin. Verein und Unternehmen haben das vertraglich besiegelt. „Wir bedauern es sehr, dass der Verein sich auflöst“, sagt Harzdrenalin-Geschäftsführer Maik Berke. Informationstafeln und Bänke sollten erhalten bleiben. „Wir wollen den Aussichtspunkt weiter unseren Besuchern zur Verfügung stellen“, so Berke. Vorträge werde es aber nicht mehr geben.

Vermittlung von Erkenntnis

Die Idee der Urania geht auf Alexander von Humboldt zurück. 1888 entstand die Gesellschaft, die Erkenntnisse der Forschung vermitteln sollte. 1954 ist in Ost-Berlin die Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse ins Leben gerufen worden, die ab 1966 den Beinamen Urania trug.

Im gleichen Jahr gründete sich die Harzer Urania. Zwei Jahre zuvor begann der Bau der Rappbodetalsperre. 1955 fing Helmut Pape in der Bauleitung an, 1982 wurde er Urania-Vorsitzender. „Während der Bauarbeiten fing er an, an der Talsperre Vorträge zu halten“, berichtet Schories. 1992 gründete sich die Urania als Verein neu. Ewald Kresse wirkte bis 2013 als Vereinschef. Ihm folgten Helmut Pape und ab 2017 Peter Schories. 31 Mitglieder hatte der Regionalverband zuletzt, zuzüglich zweier Fördermitglieder – dem Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt und der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz.