Hasselfelde l „Dr. H. Blume­nau“ prangt es schwarz auf weiß auf dem großen Namensschild an der Grundschul-Fassade. Vor dem Tor zum Schulhof erinnert ein Gedenkstein mit Lebensdaten und Portrait-Relief an den Mann, der am 26. Dezember 1819 in Hasselfelde geboren wurde und 1850 den Grundstein für die heutige brasilianische Großstadt Blumenau legte. Nur 150 Meter entfernt erzählt das Blume­nau-Museum seine Geschichte. Der Name Hermann Bruno Otto Blume­nau ist in dem 2000-Seelen-Ort überaus präsent. Dass auch die nachwachsende Generation von seiner Bedeutung erfährt, liegt Grundschulleiterin Elke Prill sehr am Herzen. Daher war die Freude groß, dass dessen Urenkelin Jutta Blumenau-Niesel am Freitag aus Berlin angereist ist, um den Grundschülern eine Privatführung durch die Ausstellung zu geben.

Vieles schon gelernt

Jeweils 30 bis 45 Minuten Zeit nahm sich die Nachfahrin für jede Klasse. „Ich hatte alle Jahrgänge, von den ganz kleinen bis zu den großen. Sie wussten alle schon etwas“, zeigt sie sich erstaunt. „Die Viertklässler waren besonders gebildet, haben viele schlaue Fragen gestellt und mit mir geredet wie von Fachmann zu Fachmann.“ Die Kinder haben ihre Chance genutzt, mit einer Verwandten des berühmten Hasselfelders reden zu können. „Wir haben gelernt, warum unsere Schule überhaupt Blumenau heißt“, meint die zehnjährige Sophie. „Und wir haben viele neue Sachen erfahren“, ergänzt Alina (9).

In Projekttagen vorbereitet

Bereits zuvor hatten sich die dritten und vierten Klassen in Rahmen von Projekttagen mit verschiedenen Aspekten der bedeutenden Persönlichkeit beschäftigt. „Für die vierten Klassen war es sehr interessant zu erfahren, was es damals hieß, unter schwierigsten Bedingungen auszuwandern. Und Blumenau hat alles zusammengehalten und zum Gelingen beigetragen“, stellt Schulleiterin Elke Prill heraus. „Es ist erstaunlich, mit welcher Akribie er die Auswanderung vorbereitet hat, welche Gewerke er ausgesucht hat oder die Dinge, die sie mitnehmen wollten.“ Der Grundstein für eine Erfolgsgeschichte war gelegt: 17 Siedler machten den Anfang, heute leben rund 350 000 Einwohner in der im Bundesstaat Santa Catarina gelegenen Stadt Blumenau.

Bilder

Geschichte aufgearbeitet

Die Aufarbeitung der Geschichte deutscher Auswanderer sei für Jutta Blumenau-Niesel auch zwei Jahrzehnte später noch von hoher Relevanz, weil sie eine Parallele zur heutigen Migrationsbewegung mit sich bringe. „Die Armut in der Landbevölkerung war im 19. Jahrhundert sehr groß. Die Leute hatten in Deutschland keine Chance und sind ausgewandert. Diese Region hier war besonders betroffen, vor allem wegen der Fehlernten“, verdeutlicht sie. Das sei vergleichbar mit der Migration aus Osteuropa. „Es kommen Menschen zu uns, die zum Großteil in Armut leben, mittellos sind und sich hier eine neue Chance erhoffen.“

Lediglich die Umstände seien früher andere gewesen. Und auch die Anstrengung, die mit der Auswanderung verbunden war. „Die Menschen, die damals ausgewandert sind, waren enorm fleißig, haben ihr Leben selbst wieder aufgebaut“, weiß Blumenaus Urenkelin zu berichten. Heute sei das nicht zwingend nötig, da der Sozialstaat eingreife. „Wenn ich dann Leute sehe, die nicht daran denken, einen Finger zu rühren, regt mich das auf.“ Das sei aber zum Glück nur eine Minderheit, wie sie betont.

Kein leichtes Leben

Ihr Urgroßvater hatte, obwohl er aus gutem Hause stammte, mit vielen Strapazen zu kämpfen. „Er war ein starker Alphatyp, musste sich immer durchsetzen und besser sein als die anderen. Denn für seinen Vater war er als jüngstes Kind ungewollt“, verdeutlicht die Nachfahrin. „Er hat den Jungen sein Leben lang verachtet. Seine Geschwister waren älter, allesamt erfolgreiche Geschäftsleute. Und dann kam Hermann und wollte Auswanderer werden.“

Die Stärke und das Durchsetzungsvermögen habe sie auf gewisse Art von ihm geerbt, meint Jutta Blumenau-Niesel. Denn auch sie habe es nicht immer leicht gehabt, anerkannt zu werden. „1975 war ich das erste Mal in Blumenau. Da lebte mein Vater noch. Und als Enkel des Gründers wurde er sehr stark gewürdigt“, erinnert sie sich. Als Frau habe sie einen schweren Start gehabt. „Ich musste mich lange reinarbeiten, habe mir mit viel Fachwissen und jeder Menge Nachlass meinen heutigen Stand aufgebaut.“

Erinnerung wird wach gehalten

Die Erinnerung an ihren Urgroßvater hält Jutta Blume­nau-Niesel nicht nur durch persönliche Vorträge und Besuche aufrecht. In der 1992 gegründeten Blumenau-Gesellschaft ist sie als Vorsitzende aktiv. Auch das seit 2002 bestehende Blumenau-Museum in Hasselfelde habe sie unterstützt. Zahlreiche Bilder, Schriftstücke und Ausstellungsobjekte erzählen dort die Geschichte deutscher Auswanderung, blicken auf das Leben von Hermann Blume­nau und beleuchten die brasilianische Kultur.

Begleitet von Ehrenamtlichen können Besucher hier jeden Dienstag von 15 bis 17 Uhr der „Sehnsucht nach der unbekannten Ferne“ nachspüren, die laut der Urenkelin des Kolonisten einst auch Hermann Blumenau gepackt hatte.