Corona

Impfaktionstag für Kinder und Jugendliche in Quedlinburg geplant - So stehen Harzer Mediziner dazu, schon Zwölfjährige gegen Covid-19 zu impfen

Bund und Länder haben den Startschuss für Impfkampagnen für Kinder ab zwölf gegeben. Wie kommt das im Landkreis Harz an? Ist das Impfzentrum bereit?

Von Sandra Reulecke 05.08.2021, 10:32
Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren: In Estland wird dieses Impfangebot bereits gut angenommen. In der zweitgrößten Stadt Tartu etwa sind die örtlichen Gesundheitsbehörden zuversichtlich, dass sie bald eine Impfrate von 70 Prozent bei Teenagern erreichen wird.
Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren: In Estland wird dieses Impfangebot bereits gut angenommen. In der zweitgrößten Stadt Tartu etwa sind die örtlichen Gesundheitsbehörden zuversichtlich, dass sie bald eine Impfrate von 70 Prozent bei Teenagern erreichen wird. Foto: dpa-Bildfunk

Landkreis Harz - Das Kreisimpfzentrum in Quedlinburg bietet am Sonnabend, 7. August, einen Impfaktionstag an. Zwischen 8 und 12 Uhr sind Bürger des Landkreises Harz willkommen, um sich ihre erste Spritze gegen das Corona-Virus geben zu lassen, teilt der amtierende Impfzentrumsleiter Uwe Hoffmann mit. Solche Impftage sind nicht neu, wohl aber die Zielgruppe, an die er sich richtet: Kinder und Jugendliche ab dem zwölften Lebensjahr.

„Für die Personengruppe ab zwölf Jahren steht der Impfstoff Biontech zur Verfügung“, kündigt Hoffmann an, „Personen ab 18 können Johnson & Johnson wählen.“ Letzterer hat den Vorteil, dass für die vollständige Immunisierung eine Spritze ausreicht. Der Impfstoff ist jedoch im Gegensatz zu Biontech nicht für Minderjährige zugelassen, erläutert der Impfzentrumsleiter.

Nur zwei Impflinge an einem Tag

Es sei schwer einzuschätzen, wie die Resonanz für den ersten Impftag für Minderjährige ausfallen wird. Bislang sei die Nachfrage verhalten. Am Mittwoch, 4. August, etwa seien es lediglich zwei Minderjährige gewesen, die sich zum Schutz vor dem Corona-Virus impfen ließen, berichtet Uwe Hoffmann. Dabei sei dies für die Altersgruppe seit dieser Woche an jedem Werktag in Quedlinburg möglich, sogar ohne Voranmeldung. „Vielleicht ist das Angebot noch zu unbekannt“, mutmaßt Hoffmann.

Dass im Kreisimpfzentrum nun bereits Kinder gegen Corona geimpft werden, ist einem Vorstoß der Politik geschuldet. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen Anfang der Woche, dass alle Länder Impfungen für Zwölf- bis 17-Jährige auch in Impfzentren oder auf andere niedrigschwellige Weise anbieten wollen. Damit setzten sich die Minister über das Votum der Ständigen Impfkommission (Stiko) hinweg, die keine generelle Vakzin-Freigabe für Kinder ab zwölf Jahren gegeben hat (die Volksstimme berichtete).

Sie begrüße die Entscheidung der Politik, dass Kinder die Möglichkeit zur Impfung haben – sofern sie und ihre Eltern das auch wollen, sagt die Harzer Amtsärztin Dr. Heike Christiansen. „Im Moment ist das eine persönliche Entscheidung, die jede Familie für sich selbst abwägen und treffen muss.“

Druck auf Ärzte und Eltern ausgeübt

Dazu, dass der Vorstoß nicht vor Beginn der Sommerferien gefasst wurde, sagt die Amtsärztin: „Da wurde viel spekuliert, dass Eltern ihre Kinder nur deshalb impfen lassen wollen, damit sie unbehelligt in den Urlaub fahren können. Das ist jetzt vom Tisch. Eltern, die ihre Kinder nun impfen lassen, tun dies aus fundierten Gründen.“

Dass die Impfung gegen Covid-19 für Kinder und Jugendliche zur Pflicht werden könnte, wie es bei der gegen Masern der Fall ist, könne sie sich nicht vorstellen. Ebenso wenig, dass das Impfalter in absehbarer Zeit noch weiter herabgesetzt werden könnte. Zum einen fehle dafür aktuell die Datengrundlage, zum anderen könne kleinen Kindern nicht eins zu eins ein Impfstoff, der für Erwachsene entwickelt wurde, verabreicht werden. „Aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt alles rein spekulativ“, betont Heike Christiansen.

Dr. Cornelius Presch sieht den Vorstoß der Politik deutlich kritischer. „So wird ein Wahnsinnsdruck ausgeübt auf die Eltern, Ärzte und alle, die mit dem Impfen zu tun haben“, sagt der pensionierte Arzt, der jahrelang die Kinderklinik in Halberstadt leitete und nun das Team im Quedlinburger Impfzentrum unterstützt.

„Grundsätzlich ist Impfen immer richtig“, betont der 66-jährige dreifache Großvater. Doch diese Entscheidung ist aus seiner Sicht zu früh getroffen worden. „Wir erwarten von der Stiko, in der hochdekorierte Wissenschaftler arbeiten, dass sie für uns die richtigen Entscheidungen treffen. Aber dafür müssen wir ihnen auch Zeit geben.“ Noch sei die Studienlage für die betroffene Altersgruppe nicht ausreichend und auch juristisch stünden noch einige Fragen offen im Raum, so Presch. „Rechtlich gesehen ist das Impfen von Minderjährigen komplizierter als bei Erwachsenen.“

Das bestätigt Impfzentrumsleiter Uwe Hoffmann. „Der Impfung müssen das Kind und alle Sorgeberechtigten zustimmen“, informiert er. Am besten sei es, wenn etwa beide Elternteile ihre Tochter oder Sohn zum Impftermin begleiten würden. Zumindest aber müsse der Aufklärungsbogen zur Impfung, der vorab aus dem Internet heruntergeladen werden kann, von beiden unterschrieben werden – was voraussetzt, dass sich die Sorgeberechtigten in dieser Entscheidung einig sind.

Eltern müssen Impfung zustimmen

Wie Uwe Hoffmann auf Volksstimme-Nachfrage berichtet, sind nicht alle im Impfzentrum tätigen Ärzte damit einverstanden, Kinder ab 12 Jahren zu impfen. „Wir haben vorher abgefragt, wer dazu bereit ist und wer nicht.“ Zudem wurde die Kassenärztliche Vereinigung zur Hilfe herangezogen. „So können wir gewährleisten, dass zumindest diese und nächste Woche immer ein Arzt im Impfzentrum ist, der Kinder ab zwölf Jahren impft.“

Ziel dieses Kurswechsels der Politik sei es, zu „einem sichereren Start in den Lehr- und Lernbetrieb nach den Sommerferien“ beizutragen“, heißt es in dem Beschluss der Minister. Sehen das Schuldirektoren aus dem Harzkreis ebenso? „Grundsätzlich bin ich für das Impfen und für Gesundheitsschutz“, antwortet Björn Ahlsleben. Der Drübecker leitet die Europaschule „Am Gröpertor“ in Halberstadt. Impfen sei ein Zeichen der Solidarität mit Gruppen, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind und geschützt werden sollten. Im Fall der Corona-Impfungen habe er aber Verständnis sowohl für die Eltern, die sich für eine Immunisierung ihrer Kinder aussprechen als auch für die, die das ablehnen. Er selbst würde seine Kinder – zur Patchwork-Familie gehören drei, alle jünger als zwölf Jahre – impfen lassen.

Allerdings: „Ich wäre nicht der Erste, der seine Kinder ins Impfzentrum schleppt“, räumt Ahlsleben ein. Zuvor wolle er die Sicherheit haben, dass die Covid-Impfungen für Minderjährige keine Spätfolgen haben werden. Dazu bedarf es aus seiner Sicht langfristiger, fundierter Studien.

Datengrundlage für Altersgruppe fehlt noch

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist das derzeit noch nicht gegeben. „Zur Sicherheit der Impfung bei Kindern gibt es bisher nur wenig Daten und Erfahrungen. Die Zahl der untersuchten Kinder und Jugendlichen ist zu klein, um auch häufigere unerwünschte Ereignisse zu entdecken“, heißt es seitens der biomedizinischen Leitforschungseinrichtung der deutschen Bundesregierung.

Dennoch spricht sich die Stiko nicht grundsätzlich gegen eine Covid-Impfung für Kinder und Jugendliche aus. Sie empfiehlt für diese Altersgruppe vielmehr Impfungen, wenn ein besonderes Risiko vorliegt. Dazu zählen etwa Trisomie 21 oder Vorerkrankungen wie eine schwere Herzinsuffizienz. Zudem wird Teenagern, die im Umfeld von gefährdeten Personen leben, die sich selbst nicht schützen können, zur Impfung geraten. Ebenso Jugendlichen mit einer arbeitsbedingt erhöhtem Exposition, also jenen, die unmittelbar gefährdenden Bedingungen ausgesetzt sind.

Anfragen der Volksstimme, welche Standpunkte im Harzklinikum in Wernigerode und im Ameos-Klinikum in Halberstadt zum Impfen ab zwölf Jahren vertreten werden, blieben unbeantwortet. In beiden Fällen entschuldigten sich die Sprecher damit, dass die fundiertesten Ansprechpartner für diese Thematik im Urlaub seien. Kommentar