Wernigerode l Die großen Schautafeln haben Neugier geweckt. In Großbuchstaben stand darauf geschrieben: "Inklusion - Wir leben es".

Zahlreiche Besucher zum Adventsmarkt bei der Lebenshilfe Wernigerode interessierten sich, was hinter diesem Projekt steckt. "Ganz einfach, wir setzen unsere Angebote fort", sagt Regina Ender. "Unser Ziel ist und bleibt, dass Arbeit und Wohnen für Menschen mit Behinderungen eine Einheit bilden", fügt die Geschäftsführerin hinzu. "Nur, jetzt gehen wir noch einen logischen Schritt weiter, bieten eigenständiges Wohnen an", ergänzt Andreas Kikillus, Leiter für den Bereich Wohnen.

Wohnen in eigenen vier Wänden

Bislang bietet die Lebenshilfe 40 Menschen Wohnen im Heim. 19 Frauen und Männer werden in Außenwohnungen betreut, leben dort in Gruppen oder teilen sich eine kleine Wohnung. In dem neuen Projekt können Frauen und Männer, die bei der Lebenshilfe eine Beschäftigung haben, quasi in ihrem Haus leben. "Sie haben ihre eigene Haustür, ihr eigenes Bad und Schlafzimmer, einen Wohnraum mit kleiner Küche und eine Terrasse", zählt Regina Ender auf. Die Reihenhäuschen sind alle barierefrei und etwas versetzt angeordnet, die Wegen geschwungen angelegt. Bäume, Sträucher, Rasen und ein Teich, der als Löschwasserreserve gebaut werden muss, sollen den Parkcharakter der Anlage unterstreichen.

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35 neue Häuser

Regina Ender und Andreas Kikillus breiten den Bauplan aus, den die Architektin Veronika Roth entworfen hat. "Insgesamt sollen 35 Wohneinheiten entstehen", sagt die Geschäftsführerin. Die Wohnfläche für eine Person im Singlehaus beträgt 50 Quadratmeter, die für zwei Personen 60 Quadratmeter. Die Einrichtung können die Bewohner selbst bestimmen. Fühlen sie sich dazu nicht in der Lage, helfen wir", sagt Regina Ender.

Trotz Eigenständigkeit behütet

Zum neuen Wohnpark gehören außerdem vier weitere kleine frei stehende Häuschen, die den Arbeitstitel "Betreuermodul" tragen. "Zum einen halten sich dort die Betreuer auf, zum anderen kann dort gemeinsam gekocht, gefeiert, gebastelt oder einer anderen Freizeitbeschäftigung nachgegangen werden", erklärt Wohn-Leiter Kikillus. Trotz des eigenständigen Lebens hätten so die Bewohner das Gefühl, behütet und nicht allein zu sein. "Das ist für unsere Beschäftigten, die noch bei ihren Eltern leben, wichtig", weiß die Geschäftsführerin.

Weil sich die Nachfrage in dieser Hinsicht von Eltern, die 70 Jahre oder älter sind, gehäuft habe, hatte die Lebenshilfe verstärkt nach Möglichkeiten gesucht. "Es ist ja bekannt, dass Wohnraum in Wernigerode knapp ist", so Regina Ender. Die Suche blieb aussichtslos. "Wir haben uns deshalb entschieden, selbst zu bauen und so der Wohnungsnot entgegenzuwirken."

Bauland von Stadt gekauft

Bauherr zu sein, ist für die Chefin nicht neu. Unter ihrer Federführung sind nach Gründung der Lebenshilfe GmbH Wernigerode 1992 zwei Jahre später im Veckenstedter Weg die Werkstätten entstanden. Wieder zwei Jahre später folgte das Wohnheim und 2003 die Integrative Kindertagesstätte "Quasselstrippe". Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstanden 2005 ein modernes Verwaltungsgebäude und die Holzwerkstatt. Mittlerweile sind bei der Lebenshilfe 170 Mitarbeiter beschäftigt, in den Werkstätten arbeiten etwa 300 Menschen mit Handicap.

Baustart im Frühjahr geplant

Für den neuen Wohnpark hat die Lebenshilfe eine am Wohnheim angrenzende 6500 Quadratmeter große Fläche von der Stadt gekauft. Die Vorbescheide zum Bauplan seien in der Kreis- und Stadtverwaltung auf positive Resonanz gestoßen. "Wir sind mit dem Architekturbüro nun dabei, den Bauantrag zu erarbeiten.

Die genauen Kaukosten seien noch offen. Die neuen Bewohner, die dem Sozialhilferecht eingegliedert sind, zahlen ihre Miete laut gesetzlicher Vorgabe und können andere Leistungen von der Lebenshilfe beziehen. Ziel sei, so Regina Ender weiter, im Frühjahr mit den Arbeiten zu beginnen. "Und vielleicht wird dann Weihnachten 2019 schon im neuen Heim gefeiert."