Wernigerode l Aus der Not heraus, vor dem Hintergrund der Fridays For Future-Bewegung ist eine neue Gruppe entstanden, die den jungen Menschen auch hier in Wernigerode den Rücken stärkt: Die sogenannten „Parents for Future“ (zu deutsch: Eltern für die Zukunft) setzen sich für die Belange ihrer Kinder ein, die für einen Wandel in der Klimapolitik den Schulbesuch freitags verweigern.

„Ich engagiere mich seit März bei Parents for Future“, sagt Jörg Berthold. Er war einer der ersten Erwachsenen im Harz, die Flagge für das Ansinnen ihrer Kinder zeigten. „Die erste Demo in Wernigerode wurde nicht genehmigt, weil die Antragsteller nicht alt genug waren“, erinnert er sich. Der Systemadministrator im Rathaus, dessen Sohn die neunte Klasse des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums besucht, hat nicht lange gezögert, und ist als Antragsteller eingesprungen, damit der Demonstration nichts im Weg steht. „Eine Selbstverständlichkeit“, findet er.

Schulterklopfen reicht nicht

15 Mütter und Väter hätten mittlerweile zueinander gefunden in Wernigerode. Organisiert wird sich über eine WhatsApp-Gruppe. Ein weiterer Mitstreiter ist Wolfgang Schöll. „Man klopft den Kindern zwar wohlwollend auf die Schultern“, sagt er. „Das reicht aber nicht.“ Es müsse etwas passieren. Deshalb will er sich solidarisch mit jenen Kindern zeigen, die auf die Straße gehen und gegen die Politik der Erwachsenen protestieren. Er persönlich habe schon vor längerer Zeit entschieden, auf Flugreisen komplett zu verzichten. Dass die Jugendlichen mit ihren Forderungen im Recht sind, daran zweifeln weder Schöll noch andere Erwachsener der Parents for Future-Bewegung. Aber dafür die Schule vernachlässigen?

Bilder

„Es gibt Zeiten, da müssen Gesetze gebrochen werden“, sagt Agnes Dziwior entschieden. Sie ist nicht nur als Mutter aktiv bei Parents for Future, sondern arbeitet als Lehrerin. „Ja, wir gehen zusammen zu den Demonstrationen. Es ist meine Aufgabe, diesen Schülern den Rücken zu stärken und sie dabei zu unterstützen.“ Mit Plakaten zieht sie Seite an Seite mit den Kindern freitags um 13 Uhr Richtung Nicolaiplatz, wo sich in Wernigerode die Protestierenden formieren.

Übergeordnete Ziele

Ob sie auch tolerieren würde, wenn Kinder während der Schulzeit auf die Straße gehen würden? „Ja, es gibt zwar das Schulgesetz und die Schulpflicht, aber hier geht es um übergeordnete Ziele.“ Die reine Existenz eines Gesetzes heiße nicht, dass dieses nicht hinterfragt werden dürfe.

Detlef Rothert ist ebenfalls Unterstützer der Parents for Future. Seit vielen Jahren engagiert er sich im Umweltschutz. „Ich fahre seit acht Jahren ein Elektro-Auto, ich fliege nicht“, sagt er. Wenn es darum geht, sich an öffentlichen Verfahren zum Klimaschutz zu beteiligen, ist der Reddeberaner ganz vorn mit dabei. „Ich habe mich beim Klimaschutzkonzept für die Stadt Wernigerode über zwei Jahre lang in mehreren Sitzungen eingebracht“, berichtet er. „Umso enttäuschter war ich, als das Konzept ad acta gelegt wurde.“

Stadtpolitik

Nicht nur das – auch die aktuelle Politik der Stadt stehe im krassen Kontrast zu den Forderungen junger Menschen weltweit, die die schwedische Schülerin Greta Thunberg mobilisiert hat. „Es muss nicht sein, in Schierke Wald für ein Skigebiet abzuholzen“, sagt er.

Auch die vielen Flugreisen im Zuge der Städtepartnerschaft mit dem 9000 Kilometer entfernten Hoi An und im Rahmen des diesjährigen Johannes-Brahms-Chorfestivals sieht er durchaus kritisch. Schließlich gebe es keine Öko-Flugzeuge. „Das muss einfach nicht sein: Beim letzten Brahms-Chorfestival wurden noch 800 Tonnen durch Flüge freigesetzt – in diesem Jahr sind es 1650 Tonnen CO2“, sagt der Computerfachmann, der seinen gesamten Haushalt energiesparend ausgerichtet hat. Er habe die Stadt bereits darauf hingewiesen. Rothert: „Denn es ist genau der gegenteilige Kurs, den wir brauchen.“

Enttäuschung

Enttäuscht sei er gewesen, dass nach Ulrich Eichlers Ausscheiden aus dem Berufsleben die Stelle des Umweltbeauftragten nur mit hauchdünner Mehrheit in Wernigerode mit Katrin Anders nachbesetzt wurde. Dies zeige den Stellenwert von Klimaschutz im Stadtrat.

Die „Parents for Future“ sind zwar einer Meinung, wenn es um Umweltschutz generell geht, haben aber durchaus unterschiedliche Sichtweisen. Denn für das Brahms-Chorfestival und den kulturellen Austausch mit Hoi An spricht sich Jörg Berthold ganz deutlich aus. „Wir haben in der Familie besprochen, was wir persönlich tun können.“ Dass die Jugendlichen selbst auf keinerlei Luxus verzichten wollen, aber auf die ältere Generation mit dem Finger zeigen, erlebe er nicht. Auf Initiative des Sohnes gehe es in den Sommerferien mit dem Zug in den Spreewald.

Hintergrund: Die Kinder und Jugendlichen sind bei den Fridays for Future dazu aufgerufen, während der Schulzeit zu protestieren und der Schule fern zu bleiben. Ziel ist es, die Politik in die Zwickmühle zu bringen, bestehende Konzepte in die Tat umzusetzen, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens doch noch zu erreichen.