Benzingerode l Einen Tag nach dem zweiten Geburtstag von Carly nimmt das Leben der Familie Schrade aus Benzingerode eine dramatische Wendung. Der Bauchraum des Mädchens wird per Ultraschall untersucht. „Die Ärztin musste gar nichts sagen. Wir haben schon an ihrem Gesicht gesehen, dass es nichts Gutes ist“, berichtet Phillip Schrade. Noch am selben Tag kommt seine Tochter ins Krankenhaus, erst in Wernigerode, am Abend muss sie in eine Fachklinik nach Halle. Die Diagnose: Krebs.

Ein 13 mal acht Zentimeter großer Tumor wuchert in dem kleinen Mädchen, eine ihrer Nieren ist betroffen. Neuroblastom heißt der medizinische Ausdruck für Carlys Krankheit, sagt der Vater. Nach Angaben des Deutschen Kinderkrebsregisters erkranken in Deutschland jährlich etwa 120 Kinder bis zum 15. Lebensjahr an einem Neuroblastom. Am häufigsten betroffen sind laut www.kinderkrebsinfo.de Neugeborene und Säuglinge im ersten Lebensjahr (46 Prozent). Jungen erkranken etwas häufiger als Mädchen. „Wir hätten auch Lotto spielen können“, sagt Phillip Schrade.

Keine Anzeichen für Krebstumor

Wie krank sein Kind ist, habe zuvor niemand geahnt, es habe keine Anzeichen wie Fieber gegeben. Lediglich der kleine Kugelbauch des Mädchens sei aufgefallen. „Im Freundeskreis wurden schon Witze gemacht: ‚Ein Bauch wie der Papa‘“, berichtet der 29-Jährige. Nicht gleich ein Grund zur Besorgnis. „Carly war schon immer ein kräftiges Kind. Sie wog bei der Geburt vier Kilogramm.“

Doch dann bemerken die Eltern eine Verhärtung im Bauchraum des Mädchens und kontaktieren den Kinderarzt. „So etwas ist nicht untypisch in dem Alter und kann viele Ursachen haben. Wir sollten es erst einmal beobachten.“ Weil die Verhärtung nicht wieder verschwindet, folgt am 1. Oktober die folgenschwere Ultraschalluntersuchung.

Nach einer Woche voller Tests und Untersuchungen muss sich Carly im Oktober der ersten Chemotherapie unterziehen. „Der Tumor ist dadurch kleiner geworden, fast auf die Hälfte geschrumpft“, berichtet Phillip Schrade. Im November wurde dann der Tumor entfernt und auch die linke Niere.

Vater darf Tochter nicht in Klinik besuchen

Während der Vater anfangs noch täglich nach der Arbeit zum Krankenbett seiner Tochter fährt, darf er das im November nicht mehr. „Corona-Regeln“, erläutert er. Lediglich Taschen mit Wechselsachen für Frau und Kind kann er in der Klinik abgeben – die Tür zum Zimmer seiner Tochter habe er dabei stets im Blick. Nur wenige Meter entfernt, und doch in Pandemie-Zeiten unerreichbar. „Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt“, so der junge Vater.

Um sich etwas abzulenken, stürzt er sich in die Arbeit – eine Herausforderung. Denn von langer Hand geplant und nicht mehr aufzuschieben, macht er sich ausgerechnet zum 1. Oktober selbstständig, als Hauptvertreter einer Versicherung in Hasselfelde. „Mein Vorgänger hat mir anfangs noch sehr den Rücken freigehalten“, sagt Schrade dankbar.

Neuer Job und dazu noch die alles überwiegenden Ängste, wie seine Tochter die Krankheit übersteht: Wird sie wieder ganz gesund? Welche Folgen werden die vielen Narkosen und Operationen auf ihre Entwicklung haben? Wie nimmt die Zweijährige das alles wahr?

Hilfe von Harzer Kinderkrebs-Verein

Der Familienvater sucht jemanden, mit dem er über all das reden kann – außerhalb der Familie, die ja ebenfalls von diesem Schicksalsschlag betroffen ist. „Ich habe das Gespräch mit Avery Kolle gesucht.“ Dieser hat vor zehn Jahren den Verein für krebskranke Kinder Harz gegründet, nachdem seine eigene Tochter an Krebs erkrankt war. „Es tut gut, mit jemanden zu sprechen, der dasselbe durchgemacht hat“, sagt Phillip Schrade. „So ein Gespräch findet auf ganz anderer Ebene statt. Er ist ehrlich, beschönigt nichts und kann gute Tipps geben.“ Ohne solche Ratschläge zu Ansprechpartnern und Anlaufstellen sei man als Eltern aufgeschmissen. Unterstützung gibt es auch von Benzingerödern. „Die Mama meines besten Kumpels hat mit anderen aus dem Ort eine Spendenaktion für uns ins Leben gerufen, die auch über den Verein für krebskranke Kinder Harz läuft“, berichtet der 29-Jährige. Anfangs sind er und seine Frau Isabel davon nicht begeistert, gesteht er.

„Wir dachten, dass wir das allein schaffen. Andere haben viel dringender Hilfe notwendig als wir.“ Doch die Initiatoren bleiben hartnäckig. „Sie sagten, ‚dass ist die einzige Möglichkeit für uns, euch zu helfen, also machen wir das jetzt‘“, berichtet der Benzingeröder.

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Mittlerweile sei er sehr dankbar und gerührt von der Hilfsbereitschaft, die ihm und seiner Familie entgegengebracht wird. „Gerade in solchen Zeiten wie jetzt tut es gut, so einen Zusammenhalt zu spüren.“

Kraft gebe den Eltern vor allem auch Carly selbst. „Sie macht das alles erstaunlich gut mit. Sie ist gleich am Morgen gut drauf, erzählt viel und nimmt von den anderen Kindern auf Station viel mit.“ Trotz Krankheit und Behandlungen mache sie gute Entwicklungsschritte. „Gleich nach dem Aufwachen nach der OP wollte sie einen Pudding und Facetime mit Papa machen“, berichtet Schrade glücklich. Jeden Tag telefoniere er mit ihr. Nach zwei weiteren Wochen darf Carly erstmals wieder nach Hause.

33 Chemo-Behandlungen nach Operation

Allerdings nur vorerst. „Nach der OP hatten wir gedacht und gehofft, dass damit alles überstanden ist“, sagt der Vater. Doch er und seine Frau werden eines Besseren belehrt. „Wie sich herausstellte, war der Tumor nicht komplett verkapselt. Aus Vorsicht, dass sich nicht irgendwo Metastasen bilden, bekommt Carly jetzt weiter Chemotherapie.“ 33 Behandlungen sind es an der Zahl, in monatlichen Abständen verabreicht. Dafür muss Carly immer mittwochs bis samstags zurück in das Krankenhaus in Halle. „Das wird bis zum Herbst dauern.“ Vor nächstem Jahr sei an so etwas wie Normalität für die junge Familie nicht zu denken. Aber, so haben es die Ärzte den Eltern gesagt, die Heilungschancen seien gut.

„Das ist leider nicht bei allen betroffenen Kindern so. Im Krankenhaus haben wir ganz andere Sache gesehen“, sagt Phillip Schrade betroffen. „Und nicht alle haben es so gut wie wir, manche haben keine Familie, keine Freunde, die ihnen Rückhalt geben können, Alleinerziehende oder Menschen, die ohnehin schon finanzielle Sorgen haben.“ Ihm sei es wichtig, dass solche Familien ebenfalls Unterstützung bekommen. Deshalb hat er nun seinerseits eine Spendenaktion ins Leben gerufen. „Ich habe eine Spendenbox in meinem Büro stehen.“

Und sobald Veranstaltungen wieder möglich sind, wolle er zum Beispiel bei Weihnachtsmärkten einen Glühweinstand zum Spendensammeln aufbauen. Gedacht sei das Geld zum einen für den Verein um Avery Kolle und zum anderen für den „Kinderplanet“ in Halle. Letzterer ist ebenfalls ein Verein zur Förderung krebskranker Kinder, der sich bei den Schrades gemeldet und Hilfe angeboten hat. „Die beiden Vereine machen eine wirklich wichtige Arbeit, die unterstützt und bekannter gemacht werden muss – auch dann, wenn Carly wieder gesund ist“, betont Phillip Schrade.