Wernigerode l Das Mädchen spielt mit dem Puppenwagen auf der Wiese, junge Leute lümmeln in einer Hollywoodschaukel. Szenen wie auf vergilbten Familienfotos – wären da nicht die Farben. Rosa, Grün und Braun verfremden die vertrauten Motive. Gemalt hat sie Christine Bergmann. Die Künstlerin aus Halle ist für ein Jahr zu Gast im Wernigeröder Heimatmuseum – dank eines Heimatstipendiums der Kunststiftung Sachsen-Anhalt. Am Donnerstag besuchte sie erstmals die Einrichtung am Wernigeröder Klint.

Mit dem Sonderförderprogramm will die Landesstiftung einheimische Künstler und Museumsleiter zusammenbringen. „Es geht darum, dass ausgewählte Einrichtungen mehr Aufmerksamkeit erhalten“, sagt Kurator Björn Hermann von der Kunststiftung. Über den Museumsverband haben sich zahlreiche Häuser landesweit beworben, 14 wurden ausgewählt. Daraufhin reichten die Künstler ihre Vorschläge ein. Eine Jury hat diese begutachtet, der künstlerische Beirat der Stiftung entschied, welcher Künstler am besten zu welchem Museum passt. Acht Stipendien wurden vergeben – unter anderem an Christine Bergmann.

Die 40-jährige Hallenserin, die an der Burg Giebichenstein studiert hat, hatte sich neben Wernigerode auch für das Spengler-Museum in Sangerhausen interessiert. „Es war nicht einfach, denn es gibt so viele schöne Museen“, sagt sie. Mit dem Heimatstipendium betritt Christine Bergmann nun komplettes Neuland. „Ich wollte explizit in ein Museum, das ich nicht kannte, in das ich noch nie einen Fuß gessetzt hatte.“ Das sei vom künstlerischen Standpunkt her interessanter als bekannte Orte zu bespielen. Ziel ist es, sich mit der Sammlung vor Ort auseinanderzusetzen und daraus Impulse für neue Werke zu gewinnen.

Bilder

Vom Keller bis zum Dachboden

Ihr Konzept sei sehr offen, sagt Christine Bergmann. „Ich möchte mit den Leuten vor Ort gemeinsam etwas entwickeln.“ Ihre erste Aufgabe sei zunächst jedoch, „das Museum kennenzulernen – vom Keller bis zum Dachboden“. Damit rennt sie bei Olaf Ahrens offene Türen ein. „Uns geht es um den Dialog und die eine oder andere Reibungsfläche“, sagte der Sachgebietsleiter, der neben Bibliothek und Stadtarchiv auch für das Harzmuseum zuständig ist.

Anknüpfungspunkte biete zum Beispiel Christine Bergmanns Malerei. Die gebürtige Dessauerin hat sich auf Realismus verlegt. „Mein eigentliches Thema ist die Familie“, sagt die 40-Jährige. Nach Fotovorlagen malt sie viele bekannte und vertraute Szenen nach. „Am Anfang habe ich eigene Familienfotos verwendet, inzwischen kaufe ich Bilder“, erklärt die Künstlerin. Manchmal erhalte sie Nachlässe, die sie ihrem „Archiv der unbekannten Leben“ hinzufüge. „Die Bilder gefallen mir sehr gut“, sagte Silvia Lisowski, Amtsleiterin für Kultur, Schule und Sport.

Inzwischen habe sie sich malerisch aber immer weiter von den Figuren entfernt, dafür gewinne die Landschaft, vor allem der Wald immer mehr an Raum und Bedeutung. Das passe gut zum Harzmuseum und seinen Beständen aus dem Bereich Landschaftsmalerei. „Ich bin allerdings nicht dafür bekannt, dass ich gerne wandere“, gibt die Künstlerin zu. „Doch daran führt hier wohl kein Weg vorbei.“

Erfahrungen vor Ort sammeln

Dafür sind ihre Erfahrungen mit Archiven möglicherweise nützlich für die zwölf Monate, die sie in Wernigerode verbringen wird – ebenso wie ihr zweites Standbein, die Kunst am Bau. Dazu hat sie zum Beispiel mit dem Landeshauptarchiv, dem Perthes-Forum in Gotha sowie mittleren und kleinen Archiven zusammengearbeitet. „Oft habe ich gedacht: Wenn man vorher gewusst hätte, was vor Ort alles da ist, hätte man ganz anders geplant.“

Das wird in Wernigerode nicht passieren. Die Künstlerin will sich zunächst Zeit nehmen, das Harzmuseum und seine Bestände kennenzulernen. Ob am Ende moderne Harzmalerei, eine Installation oder etwas ganz anderes dabei herauskommt, wird sich zeigen. Olaf Ahrens ist sicher: „Das Harzmuseum bietet dazu viele Anregungen.“