Wernigerode l Der stattliche Herr im orangeroten, mit Brokat besetzen Rock geht auf die Knie, auf einen Stock mit Silberknauf gestützt. Seine Angebetete sitzt am Fenster. Ein schwarzer Fächer verdeckt einen Teil ihres Gesichts. Sie wirkt abwesend, ihr Blick schweift auf dem Fenster. „Sehr schön! Sei ruhig ein bisschen arrogant“, ruft Manuela Dölle ihr zu. Die Fotografin blickt durch den Sucher ihrer Kamera, dann gibt sie ihm Anweisungen: „Und jetzt machst du ihr einen Heiratsantrag. Du weißt doch, wie das geht.“

Das weiß Ralf Hunger in der Tat. Mit seiner Heike hat er bereits vor sechs Jahren den Bund der Ehe geschlossen. Seitdem besuchen die beiden Berliner jedes Jahr an ihrem Hochzeitstag Schloss Wernigerode und lassen sich in historischen Kostümen aus dem Fundus des Schlossturmateliers ablichten. „Das ist für uns schon wie ein Ritual“, sagt Heike Hunger.

Faible für historische Kostüme

Sie und ihr Mann, beide 57 Jahre alt, kennen sich seit einer halben Ewigkeit. „Wir sind 1970 gemeinsam in Berlin-Lichtenberg eingeschult worden“, berichtet Ralf Hunger. Doch gefunkt hat es erst 40 Jahre später. Bei einem Klassentreffen im Jahr 2010 sind sich die ehemaligen Mitschüler wieder begegnet. Zwei Jahre später haben sie in ihrem Kiez geheiratet. „Dann sind wir auf Hochzeitsreise gegangen und haben den Harz entdeckt“, berichtet Heike Hunger.

Bilder

Das Paar quartierte sich in Ilsenburg ein – dort ist es seitdem immer wieder zu Gast, mit den Vermietern pflegen sie ein herzliches Verhältnis. Zum Besuchsprogramm gehörte bei der ersten Reise ein Ausflug zum Wernigeröder Schloss. Auf der Schlossterrasse entdeckte Ralf Hunger das Turmatelier des Fotohauses Heil. Die historischen Kostüme hatten es ihm sofort angetan. „Ich fand so etwas schon immer gut“, sagt der 57-Jährige, der in seiner Freizeit Mittelaltermärkte und -festivals besucht und mit zeit- wie szenetypischer Kleidung ausgestattet ist – ebenso wie seine Frau Heike, die ihn begleitet.

Mittelalter und mehr

Der Fundus des Schloss- turmateliers bietet jedoch mehr als Mittelalter: Rund 70 altertümliche Kostüme samt Schuhen, Schmuck und passenden Accessoires stehen denjenigen zur Verfügung, die sich für ein Foto in einen Grafen oder ein Burgfräulein verwandeln wollen. Es sei immer wieder faszinierend zu beobachten, wie sich die Kunden verändern, sagt Fotografin Manuela Dölle. „Man geht ganz anders in so einem Kostüm. Es ist doch so: Kleider machen Leute.“ Das Posieren für die Kamera sei für viele eine emotionale Angelegenheit. „Die Leute öffnen sich sehr“, weiß die 44-Jährige aus Erfahrung. Und viele kommen immer wieder, um sich fotografieren zu lassen, auch nach Jahren und oft zur Erinnerung an einen besonderen Anlass.

Doch Heike und Ralf Hunger sind die treuesten Gäste. Auf ihren Besuch freut sich Manuela Dölle jedes Jahr. „Das ist immer wieder etwas Besonderes“, sagt die Fotografin. Auch wenn der Ablauf einem festen Ritual gehorcht: Wenn das Paar zu Fuß den Schlossberg erklommen hat und morgens um 9 Uhr an die Tür des Hausmannsturmes klopft, dann werden sie mit einem Glas Sekt begrüßt. Danach werden die Kostüme ausgewählt.

Vielfalt und Ausnahmegenehmigung

Die beiden haben im Lauf der Jahre schon einiges ausprobiert: Sie waren Ritter und Burgfräulein, haben mit nachtblauer Robe und Rock im Schlossinnenhof posiert und in schimmernden Gewändern im Festsaal – mit Ausnahmegenehmigung des Schlosses, das sonst Fotografieren im Inneren des Baudenkmals nicht zulässt.

Diesmal hat Manuela Dölle ihre Gäste in den Wasmusturm entführt. Im darin untergebrachten Türmerzimmer hat im 19. Jahrhundert der Diener Ludwig Wasmus gelebt. Der Raum wurde rekonstruiert und soll ein möglichst authentisches Bild der damaligen Lebensverhältnisse zeigen. Bett, Tisch, Stuhl, Kachelofen und Waschtisch: Die Stube ist nicht groß, bietet aber jede Menge Motive. „So ein kleiner Raum und so viele Varianten“, staunt Heike Hunger und lässt sich wie ihr Mann bereitwillig von Manuela Dölle dirigieren.

Posieren am Spinnrad und am offenen Fenster

Die beiden setzen sich nebeneinander auf die Bettkante, lassen sich am Spinnrad nieder, schauen sinnend aus dem Fenster und erschrocken aus der geöffneten Tür, mit brennender Kerze in der Hand, als hätten sie gerade des Nachts ein Geräusch vernommen. Nur eins klappt nicht so richtig: „Jetzt seid bitte mal böse und schimpft so richtig!“, fordert Manuela Dölle – doch der inszenierte Ehekrach endet in gemeinsamem Gekicher. Ansonsten ist die Fotografin aber sehr zufrieden mit ihren Modellen. „Ihr seht so schön aus“, sagt sie, ordnet hier die Falten ihres Kleides und zupft da seinen Ärmel zurecht.

Einige Aufnahmen schießt Manuela Dölle vor dem Turm und auf der Treppe zum Eiskeller, bevor es zurück zum Schlossturmatelier geht. Immer wieder begrüßen die beiden alte Bekannte – das Paar hat sich bereits einige Freunde gemacht. Zehn Tage bleiben sie im Harz, auf dem Programm stehen unter anderem Wanderungen auf den Armeleuteberg und zum Ilsestein sowie ein Spaziergang über den Bad Harzburger Baumwipfelpfad. Es wird nicht die letzte Tour gewesen sein – und irgendwann wollen sie ganz im Harz ankommen, sagt Ralf Hunger: „Unser Plan ist, hierher zu ziehen, wenn wir in Rente sind.“