Wernigerode l Am Gerhart-Hauptmann-Gymnasium in Wernigerode brodelt es. Der Grund: Seit Wochen hat die Bildungseinrichtung mit massivem Unterrichtsausfall zu kämpfen. In den Klassen 7 und 8 wird seit Schuljahresbeginn weder Chemie- noch Informatikunterricht erteilt. Zudem wurden die Mathematikstunden in Klasse 6 und 10 reduziert. Die Eltern gehen auf die Barrikaden und schreiben Brandbriefe an das Bildungsministerium. Einige fordern, dass das Land Privatunterricht bezahlen soll, um den verpassten Lehrstoff nachzuholen.

Vier Lehrer langzeiterkrankt

Wie Schulleiter Herbert Siedler informiert, ist der Grund für den Ausfall, dass vier von insgesamt 47 Gymnasiallehrern langzeiterkrankt sind, davon drei, die die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) unterrichten. Die Lehrer arbeiten zwar mehr, um die 83 Wochenstunden der erkrankten Kollegen teilweise aufzufangen, sagt der Schulleiter. Doch komplett sei dies nicht möglich. „Eine Reserve, wie wir sie vor Jahren noch hatten, gibt es nicht mehr.“ Es werde versucht, den Unterrichtsausfall in der Qualifikationsphase vor dem Abitur möglichst gering zu halten. Die Chemielehrer, die in Klasse 7 und 8 unterrichten sollten, werden deshalb in den höheren Klassenstufen eingesetzt.

Angespannte Situation

Das Landesschulamt sei über die „angespannte Situation“ auf dem Laufenden, betont Silke Stadör. Die Behörde prüfe „alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, um der Schule zu helfen“, so die Behördensprecherin. Abordnungen von umliegenden Schulen seien derzeit nicht möglich. In dieser Woche sind zwei befristete Stellen am Hauptmann-Gymnasium ausgeschrieben worden, die ab 16. Oktober bis Ende Januar mit Lehrern für Mathe und Chemie besetzt werden sollen. Eine weitere unbefristete Stelle für Mathe und vorzugsweise Sport ist am vergangenen Freitag – als eine von 230 landesweit – veröffentlicht worden, ebenso wie der unbesetzte Posten des stellvertretenden Schulleiters.

Die Eltern wollen den Stundenausfall nicht länger hinnehmen. Einige würden gern kurzfristig einspringen und eine Hausaufgabenbetreuung oder unterrichtsähnliche Arbeitsgemeinschaften anbieten. Doch da spielte die Schulaufsicht nicht mit. „Das ist schade, denn wir haben zum Beispiel Eltern mit naturwissenschaftlicher Ausbildung“, sagt Christian Fischer, stellvertretender Schulelternsprecher des Gymnasiums und Sozialdezernent im Wernigeröder Rathaus. Das Bildungsministerium soll nun prüfen, ob eine Betreuung per Erlass gestattet werden könne – das steht in einem Brief, den Fischer im Namen der Elternschaft an Minister Marco Tullner (CDU) geschrieben hat. Über den Stundenausfall sagt Fischer: „Das ist eine Situation, die so nicht haltbar ist.“

Das Ministerium solle den Missstand beim Namen nennen. Dass das Gymnasium statistisch zu mehr als 100 Prozent versorgt sei, stimme nicht mit der Realität überein. Es sollten schnellstmöglich zusätzliche Lehrer eingesetzt und der Mangel gerecht auf alle drei Gymnasien in der Stadt verteilt werden. Am Stadtfeld-Gymnasium und am Landesgymnasium für Musik gebe es derzeit keine vergleichbaren Einschränkungen, heißt es beim Landesschulamt.

Kosten für Privatlehrer

Lehrer andernorts abzuziehen oder in der Schule umzuverteilen, sei keine Lösung, betont Nadine Reimann. „Jede Klasse muss ihren gerechten Unterricht erhalten.“ Mit anderen Eltern der Klasse 7 c des Hauptmann-Gymnasiums hat die Darlingeröderin ebenfalls an Minister Tullner geschrieben. Ihre Forderung: Das Land soll die Kosten für Privatlehrer übernehmen, die versuchen sollen, den Totalausfall in einigen Fächern auszugleichen. Die Schüler unterlägen nicht nur der Schulpflicht, sondern hätten auch ein Recht auf Bildung. „Durch den enormen Unterrichtsausfall kommt das Land seiner Verpflichtung nicht nach“, heißt es im Brief.

Zwei Interessenten

Wie es weitergeht, ist offen. Die Mathestunden sollten nur bis zu den Herbstferien reduziert werden, doch zwei kranke Lehrer, die Mitte September zurückkehren sollten, sind noch nicht wieder im Dienst. Schulleiter Siedler hofft, dass die befristeten Stellen schnell besetzt werden. Laut Landesschulamt gibt es zwei Interessenten.