Hochwasserschutz

Marode Ufermauern im unteren Hasserode bereiten Sorgen

Alle diskutieren über die Kruskabrücke in Hasserode. Aber der umstrittene Abriss der Brücke ist nur ein Baustein für den Hochwasserschutz in dem Wernigeröder Quartier.

Von Ivonne Sielaff
Baudezernent Immo Kramer, Bauausschusschef Matthias Winkelmann (CDU) und Hochwasserexperte Daniel Dietrich (von links) bei der Begehung der Schwachstellen entlang der Holtemme zwischen Mönchstieg und Ilsenburger Straße.
Baudezernent Immo Kramer, Bauausschusschef Matthias Winkelmann (CDU) und Hochwasserexperte Daniel Dietrich (von links) bei der Begehung der Schwachstellen entlang der Holtemme zwischen Mönchstieg und Ilsenburger Straße. Foto: Ivonne Sielaff

Wernigerode - Der Abriss der Kruskabrücke soll die Hochwassergefahr im unteren Hasserode entschärfen. Ein Allheilmittel für die Probleme, die ein Starkregen mit sich bringt, ist das aber längst nicht. Entlang der Holtemme muss noch viel mehr getan werden, um das Flutrisiko zu bannen. Das haben Dezernent Immo Kramer und Daniel Dietrich, Hochwasserexperte im Wernigeröder Rathaus, bei einer Besichtigung des Problembereiches zwischen Ilsenburger Straße und Mönchstieg deutlich gemacht. Initiiert hatte den Vorort-Termin Stadtrat Matthias Winkelmann (CDU), um die „ganze Diskussion mal wieder zu versachlichen“, so der Chef des Bauausschusses. Bei der seit mehr als einem Jahr andauernden Kontroverse um den Abriss der Kruskabrücke sei das eigentliche Thema – der Hochwasserschutz – nämlich zu kurz gekommen.

„Bei dem Starkregen vor einigen Wochen haben wir erst wieder live gesehen, wie wichtig Hochwasserschutz ist“, so Dezernent Kramer. „Glücklicherweise sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen.“ Ein Riesenproblem seien die Ufermauern, sagt Daniel Dietrich und deutet auf die Uferbefestigungen im unteren Bereich der Straße Am Auerhahn. Sie seien viel zu niedrig und darüber hinaus oftmals in schlechtem Zustand. „Dazu kommt, dass viele von ihnen in Privatbesitz sind.“

Ein paar Meter weiter sind die Auswirkungen des 2017er Hochwassers noch immer deutlich zu sehen. Die damals von den Wassermassen unterspülte und beschädigte Gabionenwand steht immer noch an Ort und Stelle. „Hier sieht man, was man falsch machen kann“, sagt Dezernent Kramer. Den Gabionen habe ein Betonfundament gefehlt. Die Befestigung habe der Kraft des Wassers im Juli 2017 nichts entgegenzusetzen gehabt. Die Wand sei nur deshalb dort belassen werden, um den Uferbereich wenigstens irgendwie zu schützen.

Wie eine Wanne

Nächster Stopp ist die Kruskabrücke. Die Brücke gehöre der Stadt. „Das Problem können nur wir lösen“, sagt Daniel Dietrich. Die Brücke sei sowohl vom LHW als auch von der Stadt als Schwachstelle ausgemacht worden – und das schon vor Jahren, so Dietrich. Sie sitze durch ihren Unterbau deutlich zu niedrig im Flussbett. „Bei Hochwasser staut sich das Wasser, tritt dann zuerst auf Höhe der Krippe über die Ufermauern.“ Die Senke zwischen Kruskastraße und Krippe laufe voll wie eine Wanne. „Und die Häuser stehen im Wasser.“

Der Abriss sei aus Sicht der Bauexperten im Rathaus alternativlos. „Wir haben verschiedene Varianten geprüft“, sagt Dietrich. So sei beispielsweise die Möglichkeit eines Umfluters in Betracht gezogen worden. „Wir haben das verworfen. Das wäre nicht unterhaltbar.“ Die Vertiefung der Sohle sowie eine Verbreiterung des Flussbettes seien untersucht worden. Aber auch das sei nicht praktikabel. „Das würde die Verlandung fördern.“ So sei nur der Abriss der Brücke übriggeblieben.

Etwa 100.000 Euro seien alles in allem für den Abriss kalkuliert worden. Viel Geld – aber nicht, wenn man den finanziellen Schaden, den eine Flut mit sich bringe, dagegen stelle. 80.000 Euro seien es 2017 allein im Bereich zwischen Mönchstieg und Auerhahn gewesen, rechnet Dietrich vor. Wohlgemerkt nur für die Stadt. „Die Schäden auf privater Seite sind noch nicht dabei.“

Ablagerung von Geröll

Die Planungen für den Abriss gehen daher weiter voran – trotz der Klage einiger Wernigeröder, informiert Immo Kramer. Wichtig sei ihm, die Aggressivität aus der Diskussion zu nehmen. „Wir können es nicht jedem Recht machen.“ Man müsse das „Gemeinwohl“ im Blick haben. Im Rathaus werden gleichzeitig weitere Alternativen für einen neue Fahrrad- und Fußgängerbrücke geprüft. „Ich bin mir sicher, dass sich da Schnittmengen finden.“ Voraussetzung für einen möglichen Neubau ist allerdings die Zustimmung des Stadtrats.

Es geht weiter an die Mönchstieg-Kreuzung – noch eine Brücke und noch eine Schwachstelle. Unterhalb hat sich jede Menge Geröll abgesetzt, vermutlich beim letzten Starkregen. „Auch hier müssen wir irgendwann die Brücke anpassen“, sagt Daniel Dietrich. Ein Abriss stehe allerdings nicht zur Debatte. „Diese Brücke ist nicht verzichtbar, sie ist wichtig für den Autoverkehr.“ Flussaufwärts zeigt sich erneut das Problem mit der Uferfestigung. „Entweder die Mauern sind eingestürzt, oder es sind gar keine da.“ Es sei ein Glücksfall für die Stadt, den Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) mit im Boot zu haben, der in den vergangenen Jahren unter anderem an der Insel in Hasserode und in Silstedt in den Hochwasserschutz investiert habe.

Beim LHW gehen indes die Planungen für das Großprojekt zwischen Mönchstieg und Ilsenburger Straße voran. Für 1,2 Millionen Euro sollen die Ufermauern rechts und links oberhalb der beiden Brücken erhöht und unterhalb der Kruskabrücke auf der rechten Seite instandgesetzt werden, informiert LHW-Flussbereichsleiter Christoph Ertl auf Volksstimme-Nachfrage. „Das Problem ist, dass bei einem hundertjährlichen Hochwasser die Ufermauern nicht hoch genug sind und es zu Überschwemmungen kommt.“ Bei der Überarbeitung des Hochwassermanagementplanes sei in Abstimmung mit der Stadt auf Grundlage des Stadtratsbeschlusses zum Abriss der Kruskabrücke ein Hochwasserereignis ohne Brücke berechnet worden. Daraus leite sich die notwendige Höhe der neuen Ufermauern ab. Bis aber tatsächlich gebaut wird, dauert es noch. „Die Maßnahmen sind Bestandteil einer Gesamtplanung im Stadtgebiet Wernigerode“, so Ertl. Wann die Genehmigung vorliege, könne zur Zeit nicht vorausgesagt werden.

Grünschnitt nicht in Fluss

Die Stadtverwaltung selbst sei in der Vergangenheit vermehrt an den Gewässern zweiter Ordnung – also den Bachläufen – aktiv geworden. „Wir haben zum Beispiel Rechen an Einläufen installiert, um das Sediment aufzuhalten“, sagt Dietrich. Wichtig bei all diesen Einzelprojekten sei, dass sie als Gesamtkonzept fruchten. „Nur an kleineren Punkten anzusetzen, ohne das große Ganze zu sehen, bringt nichts und ist wirtschaftlich nicht vertretbar.“

Was den Hochwasserschutz betreffe, seien aber nicht nur Stadt und LHW, sondern auch die Wernigeröder selbst gefragt. „Es gibt leider immer noch Anwohner, die ihren Grünschnitt einfach ins Wasser kippen“, sagt Daniel Dietrich. „Die Leute verlangen Hochwasserschutz - und dann sowas.“ Dabei werde der Grünschnitt kostenlos abgeholt. „Das muss also nicht sein.“

Im engen Flussbett der Holtemme haben sich Unmengen von Geröll abelagert.
Im engen Flussbett der Holtemme haben sich Unmengen von Geröll abelagert.
Foto: Ivonne Sielaff
Die Gabionenwände in der Straße Am Auerhahn wurden beim 2017er Hochwasser beschädigt und stehen immer noch an Ort und Stelle.
Die Gabionenwände in der Straße Am Auerhahn wurden beim 2017er Hochwasser beschädigt und stehen immer noch an Ort und Stelle.
Foto: Ivonne Sielaff
Die Kruskabrücke liegt viel zu tief im Flussbett. Deshalb soll sie noch in diesem Jahr abgerissen werden.
Die Kruskabrücke liegt viel zu tief im Flussbett. Deshalb soll sie noch in diesem Jahr abgerissen werden.
Fofo: Ivonne Sielaff