Wernigerode l Jeans, Jackett, offener Hemdkragen: Henning Böhme mag es leger. In der typischen Medizinerkluft wird man dem neuen Chefarzt der Wernigeröder Kinderklinik nicht begegnen, eher im Poloshirt oder Kasack, einem kurzärmeligen Hemd. „Kittel sind fürchterlich unpraktisch. Man bleibt damit überall hängen“, sagt der 42-Jährige, der die Nachfolge von Dieter Sontheimer angetreten hat.

Das Haus kennt er gut, und im Haus kennt ihn jeder: Böhme gehört – mit Unterbrechungen – bereits seit Jahren zum Team der Kinderklinik, zuletzt als Oberarzt. Geboren wurde Böhme zwar in Magdeburg, doch seine Kindheit und Jugend hat er zum Teil in Wernigerode verbracht. Bis 2002 studierte er Medizin an der Berliner Charité, schrieb seine Doktorarbeit in der Kardiologie und ist damit Spezialist für Herz-Kreislauferkrankungen.

Vollständig heilen

In seiner Brust schlugen allerdings schon immer zwei Herzen – eins für die Kardiologie und eins für die Kinderheilkunde. „Die Kinder haben sich durchgesetzt“, sagt Henning Böhme mit einem Lächeln. Die Arbeit mit den jüngsten Patienten bereite ihm viel Freude. „Kinder sind so ehrlich“, sagt der vierfache Vater. Sie zeigen deutlich, wenn es ihnen nicht gut geht, sind aber oft schon kurze Zeit wieder obenauf.

Und anders als bei manchem erwachsenen Patienten könnten viele Krankheiten vollständig geheilt werden. „Man hat die Chance, Kinder wirklich gesundzumachen. Das geht manchmal rasend schnell.“ Beobachten könne man aber auch, dass Mädchen und Jungen, die länger zu kämpfen haben, sich nicht hängen lassen. „Gerade Kinder mit schwerwiegenden Erkrankungen sind sehr tapfer“, sagt Böhme. Er ist überzeugt: „Man muss Kinder einfach lieben, wenn man diesen Job macht.“

Zurück in den Harz

Nach dem Studium fing der Mediziner in Wernigerode an, verließ aber zweimal kurzzeitig den Harz, um seine Ausbildung zu vervollständigen. 2007 und 2008 ließ sich er an der Uniklinik in Rostock zum Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin ausbilden und vertiefte von 2013 bis 2015 den Schwerpunkt Kinderkardiologie an der Uniklinik Halle.

Dies kommt nun seinen Patienten zugute. Zwar nimmt Böhme in Wernigerode keine komplizierten Herzoperationen oder Herzkatheteruntersuchungen vor. Dafür bietet er über das Medizinische Versorgungszentrum eine Sprechstunde für Kinder mit Herzproblemen und ihre Eltern an. „Mir ist es wichtig, dass es eine wohnortnahe Betreuung gibt. Damit muss man nicht für jede Untersuchung nach Hannover oder Magdeburg fahren.“

Dass er immer wieder in den Harz zurückgekehrt ist, hat einen guten Grund. „Ich fühle mich in Wernigerode sehr wohl“, sagt Henning Böhme. Das liegt zum einen an der Stadt und ihrer Umgebung, die dem Naturfan, Wanderer und Mountainbiker viele Möglichkeiten bietet – und daran, dass die Familie in Wernigerode heimisch geworden ist. Zum anderen sei die Aufgabe erfüllend. Stolz schwingt mit, wenn der Chefarzt sagt: „Wir sind eine der größten Kinderkliniken in Sachsen-Anhalt.“ Rund 3500 Patienten werden pro Jahr stationär in Wernigerode und Quedlinburg aufgenommen, zirka 1200 Geburten werden jährlich gezählt. Der Einzugsbereich erstrecke sich über den gesamten Nordharz bis nach Niedersachsen.

Tolles Team

Der gute Ruf der Einrichtung sei berechtigt, betont Henning Böhme. „Es ist ein tolles Team und ein tolles Krankenhaus.“ Und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten sowie Krankenschwestern und Pflegern sei etwas Besonderes. Geprägt habe ihn sein Vorgänger Dieter Sontheimer. Das Ideal einer „familienorientierten, aber modernen Medizin“ ist auch dem neuen Chefarzt wichtig.

Dazu gehört, dass Eltern ihren Kindern im Krankenhaus beistehen und im Familienzimmer übernachten können. „Das gibt den Kindern Sicherheit und erleichtert uns die Arbeit“, sagt er. Ebenso helfe der Garten mit Spielplatz und Streichelzoo hinter dem Klinikgebäude den Familien, die Zeit im Krankenhaus zu überstehen. „Das ist ein fester Bestandteil der Therapie“, so Böhme.

Darauf werden allerdings die Patienten künftig verzichten müssen – wenn 2020 die neue Kinderklinik an der Ilsenburger Straße eröffnet wird. Der Umzug an den neuen Standort biete aber zugleich viele Vorteile, betont der Chefarzt. Die Wege werden kürzer, die Ausstattung moderner. „Praktisch, aber auch kindgerecht“ soll die neue Heimstatt werden – ein Anspruch, dem die alten Gebäude an der Steinbergstraße nicht mehr in allen Bereichen gerecht werden. Ihn reize die Aufgabe, als Chef die neue Kinderklinik mitplanen zu können, sagt Henning Böhme. Immerhin ist im Hof ein Spielplatz geplant, und den Streichelzoo will er wenigstens zum Teil retten. „Vielleicht können wir die Hasen mitnehmen.“