Ilsenburg l Im Nationalpark Harz sind in diesen Tagen die Büros und Werkstsätten weitgehend leer. Doch nicht etwa Homeoffice ist angesagt, ein Großteil der Mitarbeiter befindet sich im Wald - oder zumindest in dem Stück Fläche, dass bis vor kurzem noch den Namen „Wald“ tragen konnte. Denn für einen Wald sind Bäume die Voraussetzung. Und genau diese existieren auf zahlreichen Flächen nur noch in umgefallenem Zustand.

„Die Frühjahrsstürme haben enorme Schäden angerichtet“, berichtet Fachbereichsleiterin Sabine Bauling von der Nationalparkverwaltung und verweist schmunzelnd darauf, dass der erste der verheerenden Stürme ausgerechnet ihren Vornamen trug . Deshalb müsse sie sich noch immer Frotzeleien der Kollegen anhören muss.

"Borkenkäfer-Taxis"

Dabei ist den Mitarbeitern gar nicht nach Spaßen zumute, denn auf sie wartet viel Arbeit. „Aktuell haben wir vor allem im 500-Meter-Sicherungsstreifen zu tun, der die Nationalpark-Flächen von dem Wald in anderen Eigentumsformen trennt.“ Alles, was da buchstäblich vom Winde verweht wurde, müsse in den nächsten Wochen herausgeholt werden, um dem Borkenkäfer keine neue Basis zu geben. „Am besten wäre es, wenn der Käfer gleich mit dem gefallenen Holz aus dem Wald gefahren werden könnte“, sagt Bauling und fügt hinzu, dass im Kollegenkreis die Langholz-Transporter gern als Borkenkäfer-Taxi betitelt werden.

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Neben dem Abtransport des gefallenen Holzes gehört auch das Wiederaufforsten in den Waldentwicklungsbereichen des Nationalparks zu den aktuellen Aufgaben. Auch dies ist an zeitliche Vorgaben von Mutter Natur gekoppelt, denn nur im Frühjahr oder im Herbst kann gepflanzt werden.

Freiwillige werden auf den Herbst vertröstet

„Insgesamt wollten wir in diesem Jahr 800.000 Bäume im Nationalpark pflanzen“, sagt Sabine Bauling. Ein dazu erfolgter Aufruf zur Unterstützung durch Freiwillige stieß auf große Bereitschaft - doch dann kam Corona und damit verbunden die aktuellen Kontaktbeschränkungen. „Wir mussten allen Helfern absagen, hatten die Pflanzen aber schon geordert. Es blieb uns deshalb gar nichts anders übrig, als unsere Mitarbeiter aus anderen Bereichen in die Flächen zu schicken, um zumindest die 200.000 für das Frühjahr geplanten Pflanzen in die Erde zu bekommen“, erläutert Sabine Bauling. Die Freiwilligen seien auf den Herbst vertröstet worden. Dann soll noch einmal rund 500.000 Bäume gepflanzt werden.

Etwa ist Hälfte des Frühjahrskontingents ist bereits auf den dafür vorgesehenen Flächen gesetzt, der Rest soll in den nächsten zwei bis drei Wochen folgen. Wie viele Pflanzen später auch wirklich einmal stattliche Bäume werden, ist ungewiss. Tierfraß, aber auch die gegenwärtige Trockenheit sind für ein Anwachsen der jungen Bäumchen nicht gerade vorteilhaft.

Pionierbaumarten sorgen für Grün

Zu den jetzt gesetzten Pflanzen zählen vor allem so genannte Pionierbaumarten wie Buche, Weide, Erle, oder Aspe. Sie sollen sich parallel entwickeln und den Wald wieder nach Wald aussehen lassen. Perspektivisches Hauptziel sind dabei die Buchen, denn nach etwa 70 Jahren haben die anderen Baumarten ihr natürliches Leben beendet, sterben ab und machen Platz für die längerlebigen Buchenstämme.

Deren Samen, so bestätigte Sabine Bauling, stammen übrigens aus dem Nationalparkwald. Im Bereich des Scharfensteins gibt es einige Buchen, deren Eckern alljährlich im Herbst gesammelt und zu einem Saat- und Aufzuchtbetrieben den Niederlanden gebracht werden. „Von dort kommen jetzt die jungen Pflanzen zurück, so dass der Kreislauf erhalten bleibt.“

Die Forstfachfrau legt Wert auf die Aussage, dass die jungen Pflanzen nur in der Waldentwicklungszone gepflanzt werden. Damit soll der natürliche Vorgang des Waldumbaus ein wenig beschleunigt werden. „Durch die Pflanzungen helfen wir der Natur, ihren ursprünglichen Zustand selbst wiederherzustellen“, so Sabine Bauling. Dieser war durch Industrialisierung und den damit vermehrten Fichtenanbauzerstört worden.

Der gestrige Pressetermin an einem der aktuellen Pflanz-orte im Bereich der Eschwegestraße zwischen Plessenburg und Steinerne Renne führte bei der Anfahrt an einigen Pflanzgebieten der vergangenen Jahre vorbei. Dort zeigte sich, wie die jetzigen Kahlflächen in ein paar Jahren aussehen könnten. Das frische Grün ist dort bereits etwa zwei Meter hoch und wächst weiter.