Schierke l Für geübte Wanderer und Sportler ist es das A und O: optimale Vorbereitung. Insbesondere rund um den Brocken beobachten die Akteure der Bergwacht allerdings immer wieder, dass Menschen Richtung Gipfel starten, ohne die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Sowohl in konditioneller Hinsicht als auch in punkto Ausstattung. Unfälle oder anderweitige Schwierigkeiten, die regelmäßig die ehrenamtlich tätigen Mitglieder der Bergwacht auf den Plan rufen, seien die Folgen. Mitunter, so Holger Müller als Chef der Wernigeröder Truppe, die auf dem Brocken verantwortlich zeichnet, seien diese Einsätze vermeidbar. Eine Bilanz, die der 45-Jährige auch mit Blick auf die zurückliegenden Tage zieht.

Einen typischen Fall mit Fehleinschätzungen habe es am Donnerstagabend zwischen dem Brocken und Schierke gegeben. Gegen 18.35 Uhr – in Dunkelheit – ein Notruf mit der Nachricht, dass eine 14-köpfige Kindergruppe mit Langlaufski auf dem Oberen Königsberger Weg talwärts unterwegs sei und vier Kinder erschöpft seien.

Spezialfahrzeug aus Braunlage im Einsatz

14 junge Menschen in einbrechender Nacht in Notlage – für die Verantwortlichen in der Notruf-Leitstelle ein typisches Manf-Szenario. „Manf“ steht für den Massenanfall von Verletzten und mündet stets in die Alarmierung zahlreicher Rettungskräfte und -technik. So auch hier: Um die Kinder und Jugendlichen – nach Informationen der Volksstimme Eishockeyspieler aus Halle – so schnell wie möglich sicher talwärts zu bringen, wurden die Bergwacht mit ihrem Jeep sowie dem ATV-Rettungsquad und zwei reguläre Rettungswagen alarmiert. Hinzu sei ein mit Ketten ausgerüstetes Fahrzeug der schwedischen Firma Hägglunds gekommen – ein Rettungsfahrzeug für unwegsames Gelände, über das die Bergwacht Braunlage verfügt.

Vor Ort, so Holger Müller, sei Aufatmen angesagt gewesen: Die Kinder sowie deren zwei Begleiter waren schon recht nah an der Brockenstraße, sodass die Rettung dorthin vergleichsweise rasch über die Bühne ging und die Ehrenamtler bis etwa 20 Uhr im Einsatz waren. Aber: Die Truppe habe sich zu spät talwärts begeben und war ohne Lampen unterwegs.

Während dieser Einsatz glimpflich und schnell ausging, waren die Retter tief in der Nacht zum Sonntag über Stunden gefordert. Hier waren zwei 21 und 22 Jahre alte Männer aus Braunschweig Auslöser. Und auch hier wäre der stundenlange Einsatz nach Lage der Dinge vermeidbar gewesen.

Bei Dunkelheit und Kälte Orientierung verlore

Die beiden Braunschweiger meldeten sich laut Polizei gegen 0.30 Uhr in der Rettungs-Leitstelle. Sie hätten sich auf dem Rückweg vom Brocken in Richtung Bad Harzburg verirrt und bei Dunkelheit und Kälte die Orientierung verloren, so ein Polizeisprecher. Dank der Übermittlung eines GPS-Koordinaten habe der ungefähre Standort in der Nähe des Hirtenstieges ermittelt werden können.

Auch hier wurden seitens Polizei und Rettungsdienst sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Männern zu helfen. Da es sich im Bereich des Hirtenstiegs um unwegsames Gelände handelt, wurde zur Lokalisierung ein Hubschrauber der Bundespolizei mit Wärmebildkamera angefordert. Damit konnten die Braunschweiger gegen 4.30 Uhr lokalisiert und von Kameraden der Bergwacht in Obhut genommen werden. Nach einer ambulanten medizinischen Kontrolle konnten sie entlassen werden. Hier waren die Retter bis 6 Uhr unterwegs.

Wege teilweise vereist

Ganz anders die übrigen Einsätze am Wochenende: Am Freitagnachmittag und am Samstagabend stürzten zwei Frauen auf der vereisten alten Bobbahn und zogen sich Frakturen zu. Ein im Moment riskanter Weg, weil er aufgrund des Tauwetters und nächtlicher Frostgrade völlig vereist ist. Die geräumte, gesplittete und teilweise bereits abgetaute Brockenstraße sei die sichere Variante, so der Rat der Bergwacht. Am Samstag im Rahmen des regulären Bereitschaftsdienstes auf dem Brocken noch ein Zehnjähriger, der einen Fremdkörper ins Auge bekommen hatte. Er wurde in die Augenklinik Bernburg gebracht. Und am Sonntag eine 60-Jährige, die sich beim Sturz eine Platzwunde am Kopf zugezogen hatte.

Bereits jetzt, so die Bilanz von Bergwacht-Chef Müller, sei mit rund 17 Einsätzen seit Jahresbeginn 2019 im Brockenbereich eine steigende Tendenz gegenüber Vorjahren zu registrieren. Und: Viele Wanderer seien unvorbereitet unterwegs – keine Lampe, falsche Kleidung (Schuhe oder Jeans), würden Witterungsverhältnisse nicht beachten oder reguläre Wanderwege verlassen.