Wernigerode l Wenn Ermittler zuschlagen, um Verdächtige festzunehmen, dann in aller Regel sehr früh am Morgen. Diesmal konnten sich die Profis etwas mehr Zeit nehmen, denn sie hatten „Nachtarbeiter“ und Langschläfer im Visier.

Spezialeinsatzkommando rückt an

Es ist Dienstag um 9 Uhr, als das Spezialeinsatzkommando (SEK) des Landeskriminalamtes (LKA) in der Wernigeröder Trift vorfährt, in ein Mehrfamilienhaus eindringt und sich dort Zugang zu einer Wohnung verschafft. Die Tür muss aufgehebelt werden. In der Wohnung bietet sich ein Bild, das selbst gestandenen Polizisten die Sprache verschlägt: Essensreste, Müll, schmutzige Wäsche, leere Dosen und Flaschen stapeln sich. Es riecht süßlich-vermodert. Die Beamten halten die Luft an. Wie erwartet, überraschen sie die Bewohner – eine 28 Jahre alte Frau und einen 36 Jahre alten Mann – im Schlaf. Augenblicke später klicken die Handschellen.

Zwei dicke Fische geschnappt

Den Polizisten gehen an diesem Dienstagmorgen zwei richtig dicke Fische ins Netz. Das Paar steckt wahrscheinlich hinter mehreren Überfällen auf Pizzaboten in Wernigerode und Schierke. Obendrein schließen die Ermittler um Kriminalrat Andreas Haberlag nicht aus, dass bei der Wohnungsdurchsuchung und den Vernehmungen dem Duo weitere Straftaten zugeordnet werden können.

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Zuletzt in Schierke zugeschlagen

Nach Recherchen der Volksstimme hatte das Paar unweit seiner Wohnung zum ersten Mal zugeschlagen. Mit einer fingierten Bestellung lockten sie am 9. März einen 19-jährigen Pizza-Lieferanten in die Straße Am Schmiedeberg. Dort bedrohten die Räuber den jungen Mann mit einem Messer und erbeuteten seine Einnahmen. „Damit begann unsere Ermittlungsarbeit“, berichtet Chefermittler Haberlag. Später habe das Räuberpaar vermutlich erneut im Stadtfeld und Wochen später in Schierke zugeschlagen. Dabei agierte nach den bisherigen Erkenntnissen der Polizei in erster Linie der Mann als Täter, wurde aber von der Frau unterstützt.

Als die SEK-Beamten am Dienstagmorgen die Wohnung stürmen, bleibt das Geschehen den Anwohnern nicht verborgen. Die Razzia ist in Hasserode in aller Munde. „Die Frau brüllte: Lasst meinen Hund in Ruhe“, berichtet eine Nachbarin. „Sie wehrte sich lautstark.“

Auffällige Autos und Drogen

Mitarbeiter der Tierrettung hätten den Hund später fortgebracht. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis etwas geschehe, sagt eine junge Mutter, die unweit des Mehrfamilienhauses wohnt. Offensichtlich sei das Paar drogenabhängig gewesen. Sie beschreibt sie als abgemagert und ungepflegt. „Vier Autos von ihnen, allesamt ohne Kennzeichen, standen schon eine ganze Weile an verschiedenen Stellen in Hasserode. Kürzlich wurde die Wohnung zwangsgeräumt“, berichtet sie. Sie hofft, dass die desolaten Autos nun bald nicht mehr das ansonsten gepflegte Straßenbild verschandeln.

Völlig vermüllte Wohnung

Nach der vorläufigen Festnahme des Paares finden die Ermittler und Mitarbeiter der Spurensicherung in der völlig vermüllten Wohnung unter anderem ein Bund mit zahlreichen Autoschlüsseln, mehrere vermutlich gestohlene Fahrräder und Rahmen, diverse Autokennzeichen, Werkzeug und auch Plastiktütchen mit Drogen. „Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit“, sagt Andreas Haberlag. Eine Kamera, die die beiden Räuber am Haus angebracht hatten, bauen die Polizisten sofort ab. Ein Anwohner vermutet, dass das Paar so frühzeitig gewarnt werden wollte, falls sich Polizei dem Haus nähert.

Bei der Durchsuchung der Wohnung laufen den Beamten Ratten und andere Tiere über die Füße. Erbeutetes Geld finden sie nicht. Vermutlich hat das Paar es bereits für Drogen ausgegeben. Klassische Beschaffungskriminalität, wie es im Polizeijargon heißt.

Staatsanwalt entscheidet am Mittwoch

Ob sich die beiden vorläufig festgenommenen Verdächtigen, denen schwerer Raub vorgeworfen wird, in den ersten Vernehmungen zu den Vorwürfen geäußert haben, blieb am Dienstag z offen. Bei der Durchsuchung konnten die Ermittler zwar kein Geld finden, aber mit Blick auf die Überfälle auf Pizzaboten ein wichtiges Beweisstück sicherstellen, heißt es. Worum es sich genau handelt, dazu äußerten sie sich aus taktischen Gründen nicht.

Die Staatsanwaltschaft in Halberstadt will am Mittwoch entscheiden, ob sie Haftantrag stellt, so Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck auf Anfrage zur Volksstimme.