Wernigerode l Versuchungen sollte man nachgeben, schrieb Oscar Wilde: „Man weiß nie, wann sie wiederkommen.“ Das Zitat des irischen Romanciers schmückt die Getränkekarte des „Hai Live“, die trinkbare Versuchungen mit und ohne Alkohol bietet – und das an sechs Abenden pro Woche. Mit seiner Cocktail-Bar hat sich Betreiber Maik Sawade einen Traum erfüllt – ebenso wie mit der Rückkehr nach Wernigerode. „Ich will hier nicht mehr weg“, sagt der 43-Jährige über seine Wahlheimat.

Ursprünglich stammt Sawade aus der Lausitz: Geboren und aufgewachsen ist er in Großräschen in Südbrandenburg. Groß- und Außenhandelskaufmann hat er gelernt, sattelte aber nach der Ausbildung um und wurde Fitnesstrainer. Schon damals versuchte er es mit einer Cocktailbar in seinem Heimatort – und scheiterte. „Falsche Zeit, falscher Ort“, sagt er. Der Ilsesee, ein Tagebaurestloch vor der Stadt, das zum Touristenmagneten werden sollte, füllte sich langsamer als geplant. Urlauber und Barbesucher blieben aus.

Als er seine spätere Frau Kathrin traf, trat aber alles andere in den Hintergrund. Sawade zog 2011 mit ihr in ihre Heimatstadt Wernigerode, leitete einen Elektromarkt in Salzgitter. Doch dann kam das Angebot, in Bremerhaven als Geschäftsführer und Gesellschafter bei einem Elektronikkonzern einzusteigen. „Das war eine Chance“, sagt er – ein Karrieresprung mit Aussicht auf mehr Geld, Verantwortung und Selbstbstimmung.

Jedes Wochenende aus dem Norden in den Harz

2014 zog das Paar in den hohen Norden, doch in der Hafenstadt fühlten sich die beiden nicht wohl. „Wir sind jedes Wochenende in den Harz gefahren“, erinnert sich Maik Sawade – dreieinhalb Stunden pro Strecke. Das ständige Pendeln schlauchte, ein Verkehrsunfall 2017, der glimpflich ausging, brachte den Stein ins Rollen. Im März 2018 kündigte Maik Sawade – „weil ich wieder glücklich sein wollte“.

Familie und Freunde freuten sich, als das Paar zurückkehrte. Maik Sawade nahm sich Zeit, orientierte sich neu. „Ich habe mich geerdet, mir eine neue Betrachtungsweise zugelegt. Man ist doch sonst immer im Hamsterrad.“ Zum Pläne schmieden zog es ihn in die Natur, auf den Brocken zum Beispiel, den er vom Fenster der gemeinsamen Wohnung aus sehen kann. Ein touristisches Vorhaben steht seit längerem in den Startlöchern, muss aber noch einige Hürden nehmen

Derweil läuft Sawades zweites Projekt, das „Hai Live“, richtig gut, wie er berichtet. Am 19. Juni hat er Eröffnung gefeiert. Ein Dominikanermönch, der mit der Familie verbunden ist, segnete das Lokal, dem man das Konzept „Wohnzimmer“ ansieht. Braune Ledersessel und -sofas gruppieren sich locker um niedrige Tischchen. 28 Plätze bietet das „Hai Live“, in coronagerechtem Abstand. Mehr sollen es aber auch dann nicht werden, wenn die Auflagen wegfallen. „Klasse statt Masse“ sei sein Motto, betont Sawade. „Man soll sich wohlfühlen, herunterkommen und sich etwas gönnen.“ Nur für ein paar Barhocker am Tresen wäre noch Platz.

Dort hätte man freien Blick auf den Cocktailautomaten, der mehr als 60 Getränke mixen kann und weltweit in nur sechs Lokalen steht. „Das ist ein Hingucker für die Gäste“, sagt Sawade. Zudem erleichtert die Maschine die Arbeit: Nur schütteln, dekorieren und servieren muss der Chef noch selbst.

70 Prozent der Gäste sind Touristen

Da bleibt mehr Zeit für Gespräche. „Wir haben ein sehr gemischtes Publikum“, sagt der Barbetreiber. Viele Ältere seien darunter – und viele Auswärtige: Rund 70 Prozent seien Urlauber, die ihre Abende nicht im Hotelzimmer verbringen wollen. Ihnen empfiehlt Sawade gerne spezielle Spirituosen, die im Handel nicht zu finden sind – etwa der hauseigene Gin und ein mexikanischer Tequila mit Aha-Effekt: „Er riecht wie Whiskey und schmeckt wie Rum – das sagen zumindest die Gäste“, so Sawade.

Dass keine gute Zeit sei, um eine Bar zu eröffnen, habe er oft gehört, sagt der 43-Jährige – doch er sieht das anders: „Wann ist der richtige Zeitpunkt? Der kommt nie, auch wenn viele darauf warten. Man muss immer das Beste daraus machen.“ Er sei jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort – mitten in der City, mit einem Job, der „Megaspaß“ macht. „Für mich ist die Bar nicht meine Arbeit, sondern meine Leidenschaft“, sagt Sawade. Die ersten acht Wochen habe er nonstop gearbeitet, bis seine Frau Pausen anmahnte. „Doch an meinem ersten Ruhetag habe ich mich nicht wohlgefühlt und dachte: Ich muss das Lokal aufsperren“, sagt er mit einem Lachen.

Dass die Stadt auf dem Gipfel des Erfolgs angekommen ist, glaubt er nicht. „Wernigerode wurde in diesem Jahr komplett neu entdeckt von Touristen, die sonst nicht hergekommen wären“, sagt er mit Blick auf den boomenden Inlandstourismus. Dieser werde der Stadt weiter viele Besucher bescheren – und wer davon profitieren wolle, müsse Lärm und gesteigerten Autoverkehr hinnehmen. Letzterer sei unter anderem die Folge der schlechten Bahnanbindung: Bei der Infrastruktur gebe es noch einiges zu tun.

Doch Sawade schaut lieber auf das, was er selbst beeinflussen kann. Halloween steht vor der Tür, und der Paketbote bringt Päckchen mit schauriger Deko für das Gruselfest. Ein kleines Wohnzimmerkonzert ist geplant, einmal im Monat wird dort „handgemachte Musik“ gespielt – im Hintergrund und zum Wohlfühlen.

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