Wernigerode l Andreas Prescher blättert in dem Heft mit orangefarbenen Einband und der Aufschrift „Trainingstagebuch“. Darunter hat der Wernigeröder seinen Namen eingetragen, darüber prangt ein Foto des Magdeburger Sprinters Frank Emmelmann. „Er war mein Vorbild“, sagt Prescher. Der 47-Jährige hat als Kind und Jugendlicher bei Motor Wernigerode Leichtathletik trainiert – so wie Hunderte Mädchen und Jungen in den 1970er und 1980er Jahren. Jetzt wollen die Sportler nach Jahren wieder zusammenfinden. Für Sonnabend, 24. August, ist ein großes Wiedersehen am Wernigeröder Kohlgarten geplant.

Die Idee entstand beim Ostseepokal im Mai 2018, erklärt Andreas Prescher. Viele ehemalige Sportkameraden gehören der Abteilung Leichtathletik des Harz-Gebirgslauf-Vereins an, der stets in Rostock antritt. „Wir saßen abends mit vier früheren Sportlern zusammen“, berichtet Andreas Prescher. Die Rund schwelgte in Erinnerungen und beschloss, dass man sich sehen müsse – zum zweiten Mal nach einem kleineren Treffen 2006.

Eine große Sache

Doch das Wiedersehen 2019 soll eine große Sache werden. „Das ging herum wie ein Lauffeuer“, sagt Prescher. Fast 80 ehemalige Motor-Sportler sind in der WhatsApp-Gruppe, die er eingerichtet hat. Rund 40 Anmeldungen liegen vor, es können aber mehr werden. Wer zwischen 1965 bis 1979 geboren ist und bei Motor Wernigerode trainiert hat, kann sich melden. Viele leben weiterhin im Harz, weiß Prescher, einige in München oder Karlsruhe.

Aus Neustadt an der Weinstraße reist Rolf Knoche zu dem Treffen an. Seit 1992 lebt der gebürtige Wernigeröder in der Partnerstadt in der Pfalz. Bei Dynamo Wernigerode feierte er Erfolge als Mittelstreckenläufer, stand bei DDR-Meisterschaften auf dem Podest. „Ich war gar nicht schlecht.“

Der Sturz

Doch von einem Tag auf den anderen fiel Knoche in Ungnade, bis heute weiß er nicht genau warum. „Da wollte ich zunächst nichts mehr mit dem Sport zu tun haben.“ Bis ihm die hauptamtliche Trainerstelle bei Motor Wernigerode angeboten wurde. Von 1974 bis 1991 leitete er die jungen Athleten an – mit Ehrenamtlichen wie Jochen Torz, der die Abteilung der Betriebssportgemeinschaft des Wernigeröder Elektromotorenwerks aufgebaut hatte. Stets musste er um die Ausstattung kämpfen, um Bälle, Turnschuhe und Geräte. „Doch es hat viel Spaß gemacht. Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet, aber es war positiver Stress“, sagt Knoche, der zwischendurch den Dienst bei der NVA und nebenbei die Trainerausbildung absolvierte.

Für die Mädchen und Jungen standen Sprints genauso auf dem Programm wie Mittel- und Langstreckenlauf, Hürdenlauf und das Werfen von Diskus, Speer und Hammer. Hinzu kamen Weit-, Drei- und Hochsprung. „Die Kinder sollten erst alles kennen lernen. Die Spezialisierung kristallisierte sich später heraus“, so Prescher. Wer gute Leistungen zeigte, durfte zur Sportschule.

Viel Disziplin

Als Übungsleiter war Knoche anerkannt, aber streng, erinnert sich Andreas Prescher. „Es war sehr viel Disziplin dabei.“ Wer nicht mitzog, bekam zusätzliche „Freundschaftsrunden“ aufgebrummt. Wenn man im Sport etwas erreichen wolle, müsse einer die Richtung vorgeben, sagt Knoche. Das habe funktioniert: „Der Leistungswille, aber auch der Zusammenhalt wurden gefördert“, sagt Prescher rückblickend.

Für letzteres sorgten die Auftritte bei Wettkämpfen und die Trainingslager – im Sommer an der Ostsee und im Winter in der Hütte am Renneckenberg, im Sperrgebiet nahe der Brockenkuppel. „Wir mussten für die Kinder Passierscheine beantragen“, sagt der Ex-Trainer – „mit Dreifachdurchschlag auf Blaupapier.“ In der Zwei-Zimmer-Hütte mit drei Betten schliefen zehn bis 15 Kinder. Strom gab es nicht, dafür Wasser aus der Quelle.

Angebot

Nach der Wende versuchte Knoche, die Abteilung zusammenzuhalten. „Ich hätte gerne weitergemacht“, sagt der 66-Jährige. Doch dann kam das Angebot aus der Partnerstadt, die Sportschule des Südwestdeutschen Fußballverbandes zu leiten. Im Januar 1992 zog Knoche in die Pfalz, wo er bis heute lebt. Seine alte Heimat besucht er regelmäßig, zuletzt beim Weinfest Ende Juni. Auf das Treffen mit seinen früheren Schützlingen freut er sich. „Dass sie mich sehen wollen, zeigt, dass ich wohl nicht alles falsch gemacht habe.“

Ab 15 Uhr soll etwas Sport getrieben werden –„altersgerecht und ohne Verletzungsgefahr“, so Prescher. Dann werde gegrillt, eine Diashow mit alten Bildern ist in Vorbereitung. Eins steht fest: „Vor 50 Jahren durfte ich in Blankenburg das Spartakiade-Feuer entzünden“, sagt Rolf Knoche. Das wolle er im Kohlgarten wiederholen. „Das T-Shirt von damals passt mir noch.“

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