Wernigerode l „Man denkt, dass es besser wird. Aber das wird es nicht“, sagt Domenica Maekler. „Selbst enge Freunde können damit nicht umgehen, brechen den Kontakt ab.“ Es sind ihre Augen, die verraten, dass sie schon lange nicht mehr gelacht hat. Die junge Frau aus Derenburg hat ihr Kind verloren. Sechs Monate und vier Tage alt ist ihr Sohn Fynn geworden. Mit einem Herzfehler kam er am 22. Juni 2016 zur Welt. Von seiner Krankheit hatten Domenica Maekler und ihr Partner Bastian Mussmann erst eine Woche vor der Geburt erfahren.

Rat in praktischen Dingen

„Das erste viertel Jahr war relativ normal“, erinnert sie sich im Gespräch mit der Volksstimme. Doch Fynns Krankheit erforderte die ständige ärztliche Kontrolle im Krankenhaus und mehrere Operationen. Schließlich besserte sich sein Zustand. Die Familie wurde über Weihnachten nach Hause entlassen – und war seit langem wieder voller Hoffnung. „Am 26. Dezember wollten wir zurück in die Kinderklinik fahren. Auf dem Weg ins Krankenhaus ist er gestorben.“ Sie weint, aber sie ist ruhig und gefasst.

Es ist nicht das erste Mal, dass Domenica Maekler von diesen dunklen Monaten spricht, die hinter ihr liegen. In einer Selbsthilfegruppe für Eltern von Sternenkindern – das sind Kinder, die vor, während oder nach der Geburt versterben – hat das Paar ein Umfeld gefunden, in dem ihm mit Verständnis begegnet wird. Berührungsängste kennen die anderen Mütter und Väter nicht. Sie nehmen sich gegenseitig in den Arm, spenden einander Trost, sprechen über die Gräber, die Geburtstage der Kinder, beraten sich aber auch in ganz praktischen Dingen.

Keine Gruppe war in der Nähe

Die Veckenstedterin Miriam Bollmann hat die Gruppe gegründet, die sich einmal im Monat dienstags ab 19.30 Uhr im Familienzentrum in der Ernst-Pörner-Straße trifft. „Ich habe festgestellt, dass es in der ganzen Region keine einzige Selbsthilfegruppe für Eltern von Sternenkindern gibt“, sagt sie. „Die nächste ist in Braunschweig, eine andere in Magdeburg.“ Das Familienzentrum sei ein neutraler Ort ohne Babybilder an der Wand.

Die 45-Jährige hat selbst drei frühe Fehlgeburten erlebt. Die Gruppe habe ihr den seelischen Druck genommen. „Ich wollte mir selbst die Möglichkeit geben, darüber zu reden“, sagt sie. Die Außenwelt erwarte, dass das Leben weitergeht. „Aber die Trauer der Eltern dauert länger, als die der Außenwelt.“

Die Hebamme Anne Wiecker hat Miriam Bollmann während ihrer letzten Fehlgeburt betreut. „Ich betreue im Jahr mit Muss fünf Frauen, die ein Kind verloren haben“, sagt die 31-Jährige. „Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Es gibt aufgrund des medizinischen Fortschritts sehr wenige Todesfälle unter Kindern. Deshalb hat sich die Einstellung etabliert: Es dürfen keine Kinder sterben.“

Erinnerungen und Fotos

In ihrer Ausbildung sei der Tod ein wichtiges Thema gewesen. „Auch Frauen mit frühen Fehlgeburten haben Anspruch auf Hebammenhilfe“, sagt sie. Sie rät Betroffenen, Abschied zu nehmen. „Es gibt mittlerweile sogar eine Plattform freier Fotografen, die die Kinder fotografieren. Es ist wichtig, eine Erinnerung zu behalten.“

Abschied vom toten Kind

Stephanie Lehmann verabschiedete sich in aller Ruhe von ihrem Baby. „Ich habe zuerst gar nicht registriert, dass er tot war. Ich habe mit ihm gekuschelt. Es war, als würde er schlafen“, sagt die 27-Jährige. „Auch mein sechsjähriger Sohn hat sich von seinem Geschwisterchen verabschiedet.“ Sie verlor ihr Kind in der 23. Schwangerschaftswoche. Die Goslarerin hatte bei einer Fruchtwasseruntersuchung erfahren, dass ihr Baby zu kurze Arme und Beine hat. „Doch es war lebensfähig“, sagt sie. Während einer erneuten Untersuchung riss die Fruchtblase, die Geburt setzte ein. Mit 540 Gramm und einer Größe von 25 Zentimetern brachte sie Liam tot zur Welt. Ich war traurig, habe mich komplett zurückgezogen. Anne hat mir dann von der Selbsthilfegruppe erzählt“, erinnert sie sich. „Für uns war schnell klar, dass wir das ausprobieren.“ Die schwere Zeit habe sie und ihren Freund Philip Seibel zusammengeschweißt. Doch über das Erlebte konnte sie mit ihm nicht reden. „Erst in der Gruppe fing Steffi an, zu sprechen“, sagt der 24-Jährige. „Mir sind 20.000 Steine vom Herzen gefallen.“

„Ich würde mir wünschen, dass Arbeitgeber besser mit dem, was wir durchlebt haben, umgehen“, sagt Miriam Bollmann. „Uns wird durch die Blume gesagt, dass wir uns zusammen reißen sollen.“ Sprüche wie „Dann mach halt ein Neues“ seien nicht selten.

Auch Domenica Maekler wünscht sich mehr Zeit zum Trauern. „Ich kann jetzt noch nicht unter größere Menschenmengen gehen. Ich werde auch Weihnachten auf dem Friedhof bei meinem Sohn verbringen und seinen Geburtstag feiern“, sagt sie. „Und das ist auch ok.“ Mehrmals täglich sei sie am Grab. Jeden Abend zündet sie eine Kerze an. „Denn er hat nie im Dunkeln geschlafen.“

Miriam Bollmann hofft, dass noch mehr Betroffene auf die Gruppe zukommen. „Denn unsere Schicksale sind sehr unterschiedlich“, sagt sie.

Kontakt zu der Selbsthilfegruppe über Miriam Bollmann unter Telefon (03 94 51) 63 64 99 und über das IB-Familienzentrum