Stiege l Wie eine typische Werkstatt sieht es in der Garage der Familie Wedler aus Stiege nicht aus. Schränke, Maschinen und Arbeitsplatten sucht man hier vergeblich. Das hat seinen Grund, muss die Werkstatt doch vor allem eins bieten: Platz. Denn mitten im Raum steht ein ungewöhnliches Gefährt, das fast von Wand zu Wand reicht. Wie es genau aussieht, ist streng geheim. Erst am kommenden Sonntag wird das Rätsel aufgelöst. Als einer von 20 bis 30 Wagen wird das kreative Mobil während des Stieger Fastnachtsumzugs durch die Dorfstraßen rollen.

Seit Oktober werkeln acht junge Leute hinter den verschlossenen Türen in der Schillerstraße an dem Hingucker. „Hier haben schon unsere Eltern gebaut. Das haben wir in die Wiege gelegt bekommen“, erzählt Teammitglied Anne-Marie Junge und deutet auf die Wände der Garage. Überall hängen Schilder, die einst die elterlichen Wagen schmückten. „Jeder von uns hat auch schon bei den Eltern mitgebaut. Jetzt bauen wir unsere eigenen Wagen“, betont die 24-jährige Industriekauffrau.

Neunter Wagen in Arbeit

Schon längst ist die Gruppe aus den Fußstapfen ihrer Mütter und Väter herausgetreten. Derzeit arbeiten sie an ihrem neunten Fahrzeug. „Wir haben in der elften Klasse angefangen“, erinnert sich Marcel Schmeyers. Die Darstellungen reichten vom Scheich und einer Ölpumpe über einen Cadillac aus den 50er Jahren bis hin zu Toilettenhäuschen unter dem Motto „Stieger Narrensitzung“. Auch Einhörner, Cheerleader und Obama waren bereits Bestandteil.

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Auf die Ideen kommt die Gruppe meist in entspannter Runde beim Feierabendbier. Einiges gilt es dabei aber zu berücksichtigen. „Seit ein paar Jahren achten wir darauf, einen Wortwitz dabei zu haben“, verrät Jan Ecklebe. „Wir fragen uns aber auch, was darstellbar und baubar ist. Was nützt die tollste Idee, wenn man sie nicht in einen Wagen zaubern kann?“ Am besten kommen aktuelle Themen an, wie Philip Wedlich einwirft. Man müsse nur schauen, was es schon einmal gab. „Und wie wahrscheinlich es ist, dass es kein anderer macht“, gibt Josephine Junge zu bedenken.

Hobby kostet viel Zeit

Das jetzige Thema hat das Oktett bereits seit einem Jahr im Sinn. Seit Oktober setzen sie es in die Realität um. „Wir haben zuerst ein 3D-Modell am Computer entwickelt, damit wir die Dimensionen einschätzen können“, erklärt Marcel Schmeyers, der Maschinenbau in Dresden studiert. „Daraufhin haben wir die Maße genommen, Platten ausgesägt und alles mit Dachlatten verstärkt. Bei unserem zweiten Treffen haben wir das Gestell dann auf die Plattform gebracht.“ Anschließend wurde der Wagen mittels Draht und Pappe modelliert und mit Pappma­ché ausgekleidet. „Beim vierten Mal haben wir es dann komplett angemalt“, erzählt der 25-Jährige. Hinzu kamen Dekorationselemente wie Seile und Kronkorken.

Auch die Kostüme gestaltet die Gruppe selbst. Als Basis dienen, sofern möglich, gekaufte Outfits. Diese werden dann an den Look des Wagens angepasst und mit weiteren Accessoires bereichert. Rund 450 Euro haben sie in das diesjährige Projekt samt Materialien und Verpflegung schon investiert.

Tradition erhalten

Da die wenigsten von ihnen noch direkt in Stiege wohnen, treffen sich die Wagenbauer immer nur an freien Samstagen in der Heimat. Von 10 bis 18 Uhr werkeln sie dann gemeinsam. Das große Ziel sei übrigens nicht der Auftritt am Sonntag. „Es ist gar nicht der Umzug an sich, sondern die Zeit des Bauens. Die meisten von uns machen noch bei den Faschingssitzungen mit und da ist das frühe Aufstehen am Tag danach schon ein Kampf“, gibt Jan Ecklebe zu. „Man setzt sich nicht seit Oktober immer wieder am Wochenende hin für zwei Stunden Umzug.“

Die Gemeinschaft sei das, was sie vorrangig antreibt. Denn alle sind miteinander aufgewachsen, kennen sich von Kindesbeinen an. „Es ist aber auch ein schöner Ausgleich, denn die meisten von uns sitzen in der Woche auf dem Bürostuhl“, verdeutlicht Jan Ecklebe. „Und wir wollen, dass der Stieger Fasching weitergeht“, ergänzt Josephine Junge. Denn der Stieger Karneval blickt bereits auf eine mehr als 380-jährige Tradition zurück.

Der Fastnachtsumzug am Sonntag, 16. Februar, beginnt um 10 Uhr am Denkmal im Park an der Langen Straße. Im Anschluss gibt es ein geselliges Beisammensein bei Essen, Trinken und Musik.