Veckenstedt l „Es freut mich ganz besonders, dass ich nun auch im ehemaligen Landkreis Wernigerode junge Störche beringen kann“, sagt Georg Fiedler. Der Rohrsheimer kümmert sich seit vielen Jahren um die Tiere, gibt Ratschläge, hilft bei Rettungsmissionen, und er ist der einzige Mann weit und breit, der die offizielle Genehmigung besitzt, junge Störche zu beringen.

Als Fiedler sein Ehrenamt übernahm, hat er auch Unterlagen aus DDR-Zeiten übernommen. Damals lag die Storchenbetreuung in den Händen des Kulturbundes. „So lange diese Aufzeichnungen zurückreichen, gab es offenbar keine jungen Störche im Wernigeröder Bereich. Es ist daher sogar gut möglich, dass es heute seit vielen Jahren wieder die ersten Jungtiere sind, die beringt werden“, sagt Fiedler.

Jungstörche stellen sich tot

„Bis zu einem Alter von sechs Wochen ist so etwas nur möglich. Der Mensch macht sich dabei ein natürliches Verhalten der Störche zunutze“, sagt Fiedler. Und dieses Verhalten ist bei sehr jungen Tieren die Akinese. Wittern die Tiere Gefahr, so etwa von Raubvögeln, dann stellen sie sich tot. Der Räuber wird getäuscht und muss seinen Hunger woanders stillen.

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Auch wenn sich, wie am Sonnabend in der Grovesmühle, Menschen in luftiger Höhe dem Horst nähern, setzt dieses Verhalten ein. „Das ist die einzige Möglichkeit, die Tiere zu beringen. Gebe es die Akinese nicht, würden sie in Panik aus dem Nest springen“, sagt Fiedler.

Wichtig ist für ihn also, sich konkret mit dem Drehleiter-Team abzustimmen. In diesem Fall sind es die Ilsenburger Carsten Feige und Enrico Däumich. Sie haben ihre Freizeit geopfert, um das Beringen zu ermöglichen. „Wir sind natürlich selbst neugierig, wie so etwas abläuft. Aber unsere Fahrt nach Veckenstedt ist auch eine Übung, denn sollte es in der Grovesmühle wirklich einmal zu einem Feuerwehreinsatz kommen, dann ist die Ilsenburger Drehleiter die einzige in unmittelbarer Nähe und wird garantiert alarmiert“, sagt Carsten Feige, der die Leiter von unten bedient.

Altstörche bleiben misstrauisch

Nachdem die Drehleiter Stellung bezogen hat, steigen Georg Fiedler und Feuerwehrmann Enrico Däumich in den Korb. Die Spannung ist zu spüren, denn niemand weiß, wie die Jungen, aber auch die Alttiere, wirklich reagieren werden. Dank einer Volksstimme-Veröffentlichung lässt sich die Zeit des Schlupfes einigermaßen sicher bestimmen – das Pfingstwochenende. Und das war vor sechs Wochen. Es könnte knapp werden, aber es geht alles gut. Kaum sind Fiedler und Däumich am Horst, da reagieren die Jungtiere und Fiedler kann mit seiner Arbeit beginnen. Kurz vorher war eines der Alttiere weggeflogen, dreht aber argwöhnisch mit seinem Partner über dem Horst einige Runden. Die Menschen auf der langen Leiter sind ihnen nicht geheuer. Wen wunderts, denn die Tiere wissen nicht, dass ihnen mit dem Beringen im Endeffekt das Überleben gesichert werden soll.

Auf Horsthöhe angekommten, breitet Georg Fiedler einen schwarzen Fächer aus und legt ihn vorsichtig über die ängstlich aneinander kuschelnden Tiere. So werden sie etwas beruhigt, denn das Beringen ist auch für die Jungstörche Stress. Zugleich verschafft sich Fiedler einen Überblick über die Entwicklungsstufe der Jungen. „Zwei sind sehr gut ernährt und schon recht groß. Ein Jungtier ist noch kleiner, sieht aber nicht unterernährt aus. Es ist halt etwas hinterher und sicher als letztes geschlüpft“ sagt er später. Einer nach dem anderen erhält einen Ring, oberhalb des Knies. Das ist so gewollt, denn wäre der Ring unten am Fußgelenk, könnte man ihn später kaum ablesen, wenn der Storch auf der Wiese steht.

Leichtmetall-Ringe mit Nummern

Die Ringe sind aus Leichtmetall und haben gelaserte Nummern. Auf den Ringen steht einheitlich „Germania“ und „Hiddensee“. Germania erklärt sich von selbst und Hiddenssee ist die zuständige Vogelschutzwarte, in der die Daten der Veckenstedter Jungtiere nun erfasst und gespeichert sind. Und da es Störche sind und nicht den neuen Datenschutz-Regelungen unterliegen, ist es kein Geheimnis, dass die Jungen ab sofort unter „AC 91“, bis „AC 93“ firmieren. Wer sie später anhand ihrer Ringe identifiziert, kann den Lebensweg der Tiere verfolgen. „Um die Vögel besser schützen zu können, werden seit einigen Jahren in Deutschland so gut wie alle jungen Weßstörche beringt. Das hilft, ihr Leben zu erforschen und gezielt etwas für ihren Schutz zu tun“, so Fiedler.

Nach einigen Minuten in luftiger Höhe ist alles vorbei. Die Tiere haben Ringe, und Georg Fiedler nimmt den Sichtschutz wieder weg. Langsam senkt sich die Drehleiter nach unten. Der Job ist getan. Für Fiedler ist so etwas schon Routine. Etwa 130 Junge hat er in diesem Jahr schon beringt, und sein Zuständigkeitsbereich reicht bis Braunschweig, Wolfsburg und Nordhessen.

Schon bald nach dem Beringen kehrten auch die Alttiere zurück und dürften sich über den Schmuck bei ihren Jungen gewundert haben (die Alttiere selbst sind nicht beringt). Nach der Aufregung ging aber schon bald wieder alles seinen normalen Gang. Die Jungen wurden gefüttert, und der menschliche Besuch am Horst war schnell vergessen.