Wernigerode l Punkt 5 Uhr morgens rührt sich am Dienstag bei VEM Motors Wernigerode kein Finger mehr. Die IG Metall hat zum Streik aufgerufen – dem ersten Streik seit 17 Jahren. Die gesamte Frühschicht, etwa 200 Mitarbeiter des Elektromotorenherstellers, beteiligt sich. Für die Gewerkschaft ein „überwältigender Erfolg“, wie Janek Tomaschefski, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Halberstadt auf Volksstimme-Nachfrage sagt.

Laut Tomaschefski hatte das Unternehmen bisher einen Tarifvertrag mit der Christlichen Gewerkschaft Metall. Die etwa 450 Beschäftigten am Standort Wernigerode seien damit jedoch sehr unzufrieden gewesen. Die Lohnsteigerung sei jahrelang „unterhalb der Inflationsrate“ gewesen.

Wie der Gewerkschaftssekretär informiert, drängen die Mitarbeiter deshalb auf einen Tarifvertrag mit der IG Metall. „Insbesondere da die Nachbarunternehmen wie KSM und Nemak bereits einen IG-Metall-Tarifvertrag haben“, so Tomaschefski.

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Geschäftsführung bat um Bedenkzeit

Ein erstes Gespräch zwischen Gewerkschaft und Geschäftsführung zum Abschluss eines Tarifvertrages fand am 14. August in Wernigerode statt. „Die Geschäftsleitung der VEM Motors hat sich bei dem Gespräch weder zum Tarif bekannt noch hat sie den Tarif abgelehnt“, bilanziert Tomaschefski. Sie habe stattdessen um Bedenkzeit für eine Meinungsbildung gebeten.

Weil die Beschäftigten ein Signal zum Start der Verhandlungen brauchten, setzte die IG Metall eine Frist bis zum 20. August. Die Geschäftsleitung habe diesen Termin bestätigt. „Am Ende meldete sich die Geschäftsleitung und teilte plötzlich mit, dass sie sich – trotz bereits abgelaufener Frist – in einigen Tagen melden würde.“

Aus Sicht der IG Metall sind zwischenzeitlich auch diese einigen Tage nunmehr abgelaufen. Nachdem die IG Metall die Beschäftigten vorsorglich über das Verhalten bei einem Warnstreik aufgeklärt hat, meldete sich die Geschäftsführung erneut. „Diesmal wurde das Weiterführen der Gespräche oder gar ein Verhandeln auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben“, so der Gewerkschaftssekretär. Die Geschäftsleitung müsse sich zuerst mit der Forderung der IG Metall beschäftigen.

„Dieses Verhalten des Arbeitgebers erscheint wie eine Hinhaltetaktik, da die Forderung nach einem Tarif seit vielen Wochen bekannt ist.“ Zumal die IG Metall von Anfang an eine Tarifeinführung mit einem auf das Unternehmen angepassten Stufenplan angeboten habe.

Warnstreik als Druckmittel

Laut Janek Tomaschefski sollte der Warnstreik am Dienstag der Forderung der Beschäftigten Nachdruck verleihen und den Arbeitgeber endlich dazu bewegen, in konstruktive Tarifverhandlungen mit der IG Metall einzusteigen.

Die Geschäftsleitung wollte sich gegenüber der Volksstimme nicht äußern, verwies aber auf einen Sprecher der VEM-Unternehmensgruppe in Dresden. Dieser war trotz mehrmaliger Versuche nicht für ein Statement zu erreichen.

Hintergrund: VEM Motors Wernigerode baut Elektromotoren, die in Walzwerken, Chemieanlagen, in Lüftungssystemen von Straßentunneln und auf Kreuzfahrtschiffen zum Einsatz kommen. Zuletzt hatte das Unternehmen eine enorme Durststrecke durchstehen müssen: Zwischen 2008 und 2016 ist der Jahresumsatz von 120 auf 64 Millionen Euro zurückgegangen. VEM Motors in Wernigerode wurde vor anderthalb Jahren von einem chinesischen Investor aufgekauft und befindet sich momentan in einer Konsolidierungsphase.