Früher Schönheitsideal, heute verboten

● Das Kupieren, also Amputieren von Körperteilen von Tieren, ist in Deutschland nach Paragraf 6 des Tierschutzgesetzes grundsätzlich verboten.

● Früher waren solche Eingriffe dagegen bei vielen Hunderassen wie Dobermann, Boxer oder durch Rassestandards gefordert.

● Wie die Tierschutzorganisation Peta berichtet, wird die Rute, also die Verlängerung der Wirbelsäule, meist schon einige Tage nach der Geburt des Hundes kupiert. Dies erfolge unter Narkose, bedeute aber dennoch Schmerzen für den Welpen. Die Beschneidung der Ohren erfolgt meist im Alter von acht bis zwölf Wochen.

● Dabei werden mehrere Adern und Nervenstränge durchtrennt, beschreibt der Deutscher Tierschutzbund. Der schmerzhafte Eingriff könne einen starken psychologischen Einfluss auf den heranwachsenden Hund haben, betonen zudem die Peta-Mitglieder.

● Das Kupieren der Ohren ist seit 1986 in Deutschland verboten, zwölf Jahre später folgte ein Kupierverbot für Ruten.

● Ausnahmen sind nur zulässig, wenn eine Indikation aus medizinischer Sicht vorliegt. Zudem darf die Rute bei jagdlich geführten Hunden kupiert werden.(sr)

Derenburg/ Wienrode l Heike Barke wird im Derenburger Tierheim stürmisch begrüßt. Jack, ein einjähriger Dobermann-Rüde, springt an ihr hoch, kuschelt seinen Kopf an die zierliche Frau und lässt sich genüsslich von ihr hinter seinen Schlappohren kraulen. Es ist das vierte Mal, dass die 52-Jährige den Rüden besucht, ihn beim Gassigehen kennenlernt. „Wenn alles gut läuft, nehme ich ihn bald mit nach Hause“, sagt Heike Barke. Wer den beiden beim Spielen zusieht, hat keinen Zweifel daran, dass es so kommen wird. Ein Happy End für den Vierbeiner, der im Februar in die Negativ-Schlagzeilen geraten war.

Jack ist einer von zehn Hunden, damals wenige Wochen alte Welpen, der gemeinsam mit fünf Junghunden unter Polizeischutz von einem Grundstück in Wienrode gerettet und vom Veterinäramt eingezogen worden ist. Der Vorwurf gegen die Züchterin: Tierquälerei. Nicht nur, dass die Jungtiere in einem fensterlosen, verdreckten Keller gefunden wurden. Fast allen Hunden waren zum Zeitpunkt der Rettungsaktion bereits Körperteile kupiert, also operativ entfernt, worden. Diesen Vorwurf räumte die Züchterin damals gegenüber der Volksstimme ein. Eingriffe solcher Art sind in Deutschland verboten, im Falle einer Verurteilung drohen bis zu drei Jahre Haft.

Ermittlungen noch nicht beendet

Ob die Züchterin, die das Kupieren gegenüber der Volksstimme bereits eingeräumt hat, eine Strafe erwartet und in welcher Höhe, steht bisher nicht fest. „Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Ich rechne Ende Januar damit“, informiert Hauke Roggenbuck, Oberstaatsanwalt und Chef der Strafverfolgungsbehörde in Halberstadt auf Volksstimme-Anfrage.

Bilder

Nicht nur die Staatsanwaltschaft musste sich in den vergangen Monaten juristisch mit dem Schicksal der Hunde auseinandersetzen. Die beschuldigte Züchterin sowie Käufer der Welpen versuchten bereits kurz nach der Rettungsaktion, die beschlagnahmten Tiere zurückzubekommen.

Rückgabe dank rückdatierter Kaufverträge

Teils mit fragwürdigen Schritten. Nach damaligen Recherchen der Volksstimme sollte mithilfe von Kaufverträgen nachgewiesen werden, dass das Eigentum an den Tieren zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung bereits auf die Käufer übergegangen und damit fremdes Eigentum beschlagnahmt worden war. Sprachnachrichten innerhalb einer Chat-Gruppe legten nahe, dass Verträge gegebenenfalls auch auf einen Zeitpunkt vor der Razzia rückdatiert werden sollten.

Die fünf älteren Hunde, die aus Serbien stammen, sind tatsächlich an ihre Besteller, ebenfalls in Serbien, gegangen. Aufgrund der unterschiedlichen Rechtslage gestalte sich ein Verfahren, was diese Tiere angeht, als schwierig, berichtet Amtstierarzt Dr. Rainer Miethig. Wie er auf Anfrage weiter mitteilt, sind dagegen alle anderen Verfahren zugunsten des Veterinäramtes ausgegangen. „Die zehn Hunde sind nicht an ihre Besteller gegangen.“

Neues Zuhause in Sicht

Die Dauer der Verfahren habe variiert. Als letztes sei nun im Fall von Jack entschieden worden. Nun ist der Weg frei, dass der Rüde in ein neues Zuhause vermittelt werden kann. Bis es soweit ist, wird er von den Mitarbeitern des Derenburger Tierheims betreut. Wie er wurden alle der geretteten Hunde zunächst in dieser Einrichtung untergebracht.

Trotz der Verstümmelungen seien die Tiere insgesamt in keinem schlechten gesundheitlichen Zustand gewesen, berichtet Corinna Sawall. Ein schwacher Trost, denn die Tierheimmitarbeiterin weiß genau, welche Folgen das Kupieren von Rute und Ohren für die Tiere hat: Phantomschmerzen, fehlender Schutz für das Innenohr, drohende Infektionen, Entzündungen. Außerdem, so ergänzt ihr Kollege Uwe Wollberg, „kommunizieren“ Hunde normalerweise über ihre Ohr- und Schwanzstellung mit anderen Tieren und mit Menschen: Wedeln mit der Rute zeige Aufregung oder Freude, werde der Schwanz im wahrsten Sinne eingezogen, spreche das für Furcht.

Neue Familien

Jack wurde die Möglichkeit genommen, auf diese Art zu kommunizieren. Seine Rute ist vor der Rettungsaktion kupiert worden. Dennoch hat er sich in den vergangenen Monaten zu einem freundlichen Hund entwickelt, der auch schon „das kleine Hunde-Einmaleins“ beherrscht, wie die Tierheim-Mitarbeiter berichten. Daran möchte Heike Barke aus der Nähe von Osterode am Harz gern anknüpfen. Sie hat über einen Arbeitskollegen vom Schicksal des Tieres erfahren. „Er hat einen Bruder von Jack zu sich genommen“, erläutert sie. Wie die 52-Jährige versichert, hat sie Erfahrung als Hundehalterin.

Auch die anderen acht Leidensgenossen von Jack konnten schon in neuen Familien untergebracht werden. „Sie wurden bis nach Friesland vermittelt“, informiert Corinna Sawall. Dies sei vermutlich nicht zuletzt der Medienpräsenz zu verdanken, die der Fall auf sich zog.

Tierschutzorganisation deckt Fall auf

Dass dieser überhaupt aufgedeckt worden ist, hat die Tierschutzorganisation Peta mit einer Strafanzeige ins Rollen gebracht. Eine Aktivistin hatte sich gegenüber der Züchterin als Kaufinteressentin für einen kupierten Dobermann-Welpen ausgegeben. Der Kontakt entstand über eine Internet-Plattform, auf der die Wienröderin die Hunde zum Verkauf anbot. Demnach sollte jedes Tier 1000 Euro kosten, zuzüglich 500 Euro für das Kupieren.

Im Morgengrauen des 21. Februar schlugen Polizisten, Veterinäre und Feuerwehrkameraden dann zu, um die Tiere zu retten, bevor sie an ihre neuen Besitzer übergeben werden konnten. Während der Razzia wurde auch eine 48 Jahre alte Serbin auf dem Grundstück in Wienrode angetroffen. Sie soll die Tiere kupiert haben.