Wernigerode l „Man kennt diese Leute“, sagt Peter Lehmann. Der Pfarrer im Ruhestand aus Wernigerode meint einige Teilnehmer der allsonntäglichen Grablichter-Kundgebung gegen die Asylpolitik. „Stadtbekannte der rechten Szene“ seien dabei.

Wochenlang hatte sich eine recht kleine Gruppe von Menschen versammelt, um gegen die Aktion, die sich gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung wendet, zu protestieren.

Austausch statt nur Protest

Das ist seit einigen Wochen anders. Statt puren Gegenprotests und Ablehnung findet auf dem Marktplatz nun jeden Sonntag ein Bürgertreff statt. „Ein paar Schüler vom Landesmusik- und Hauptmanngymnasium sind auf mich zugekommen“, sagt Peter Lehmann. Sie machten Vorschläge, wie man am Sonntagabend den Marktplatz nutzen könnte. Die Jugendlichen wollten sich nicht den Linksautonomen anschließen, sagt Lehmann.

Dennoch gehe es beim Bürgertreff nicht um eine Distanzierung von den Antifa-Aktivisten, die seit Wochen gegen die rechtsextreme „identitäre Bewegung“ und diejenigen, die ihr folgen, protestieren. Dieser Kreis ist Teil des großen Bündnisses, zusammen mit dem Ökumenischen Arbeitskreis, dem Wernigeröder Interkulturellen Netzwerk und anderen.

Mit dabei sind auch Vertreter der Stadt. Von dort gebe es aber weder eine finanzielle noch logistische Unterstützung, sagt Peter Lehmann. Das dürfe die Stadt im Sinne des Neutralitätsgebots auch nicht.

Sozialdezernent Andreas Heinrich gehört zu den Vertretern, die bereits an den vergangenen Bürgertreffs teilgenommen haben. Er sei als Privatperson auf dem Marktplatz, sagt Heinrich und ergänzt: „Es ist wichtig, dass Wernigerode eine weltoffene Stadt bleibt.“

Kein Zurück in die 90er

Heinrich hat bereits vor 20 Jahren in der Stadtverwaltung gearbeitet. Damals war Wernigerode eine Hochburg der Rechtsextremen. Die mittlerweile verbotene FAP hatte die Stadt zu ihrem Schwerpunkt erklärt. Dass es wieder so kommt, hält der Dezernent für unwahrscheinlich. „Es gibt bei weitem nicht das Aggressionspotential“, so Heinrich.

Eingeredete Sorgen

Der Bürgertreff auf dem Markt soll Raum für den Austausch geben. „Menschen haben berechtigte Sorgen, die ihnen aber auch immer wieder eingeredet werden“, sagt Lehmann. Mit diesen wolle man ins Gespräch kommen. Doch, so Peter Lehmann, gebe es nicht nur Unwohlsein anhand der vielen Flüchtlinge. „Ich mache mir viel mehr Sorgen, dass mal ein Molotowcocktail in die Kohlgartenstraße fliegt“, sagt der Pfarrer im Ruhestand. Überhaupt, so Lehmann, sei Wernigerode von dem starken Flüchtlingszuzug nicht wirklich betroffen. Die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die in der Kohlgartenstraße untergebracht werden sollen, sind weder Flüchtlinge noch Asylbewerber. „Die Kinder müssen von jedem Sozialamt in Obhut genommen werden“, erklärt Lehmann. Sie genießen aufgrund der Uno-Kinderrechtskonvention besonderen Schutz und fallen weder unter das Asyl- noch Flüchtlingsrecht, so Lehmann.

Am morgigen Sonntag wird es ab 18.30 Uhr wieder Live-Musik auf dem Marktplatz geben. Zudem ist Oberbürgermeister Peter Gaffert eingeladen, sagt Lehmann. Lothar Andert vom Wernigeröder Interkulturellen Netzwerk wird über seinen Verein berichten. Und es wird ein neues Lichtsymbol auf dem Marktgeben. In der vergangenen Woche hatten Jugendliche mit Kerzen den Schriftzug „Welcome“ (willkommen) auf dem Pflaster gebildet.

Vorerst bis zur Landtagswahl am 13. März ist für jeden Sonntag der Bürgertreff vor dem Rathaus angemeldet.