Benneckenstein l Ein gepflegtes Schulgebäude, liebevoll gestaltete Klassen- und Horträume, ein sauberer Pausenhof, eine moderne Sporthalle nebenan und einen idyllischen Kurpark mit Teich vor der Nase. Solch einen Lernort für Kinder im Grundschulalter wie in Benneckenstein wünscht man sich viel häufiger im Harz und darüber hinaus.

Das scheinbare Rund-um-Sorglospaket trügt jedoch. Die Luft brennt in der Grundschule. Und das nicht nur wegen der Grippewelle und dem damit verbundenen Ausfall von Lehrern sowie Unterrichtsstunden. „Das ist hier in Benneckenstein zu einem Dauerzustand geworden. Und unsere Befürchtung ist groß, dass sich daran nichts ändern wird“, beklagt Nicole Jörs vom Förderverein Benneckensteiner Kinder.

Schon seit den Winterferien unterrichten nur noch drei Pädagogen die vier Klassen mit insgesamt 61 Schülern. Aus Sicht der Eltern hatte das Landesschulamt es versäumt, mit dem Eintritt einer Lehrerin in den Ruhestand für Ersatz zu sorgen. Im Durchschnitt sind zwölf Unterrichtsstunden pro Woche ausgefallen.

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Der Protest im Februar zeigte insofern Wirkung, dass seit zwei Wochen ein Lehrer aus der Grundschule in Elbingerode abgeordnet ist und dienstags sowie donnerstags den Sport- und Sachkundeunterricht absichert. Ethik gibt es aber nach wie vor nicht, Musik und Zeichnen wird nur unterrichtet, wenn es sich irgendwie mal einrichten lässt, berichten die Eltern. Nicht optimal wird von ihnen der gemeinsame Unterricht der 1. und 2. Klasse eingeschätzt. Förderstunden und Arbeitsgemeinschaften geben es leider auch keine mehr an der Schule.

„Wir haben doch aber das gleiche Bildungsrecht für unsere Kinder wie die Grundschüler in Magdeburg oder anderswo“, hadert Andreas Schael. Der Familienvater zweier Jungen ist im November vergangenen Jahres erst von Leipzig nach Benneckenstein gezogen. „Bewusst haben wir uns den Ort im Oberharz ausgewählt, weil alles da ist: eine Kindertagesstätte, Schule, Einkaufsmöglichkeiten, Arzt und eine schöne Landschaft.“

Zuzug aus Leipzig rettet Schule

Raus aus der Großstadt, die Schaels haben sich darauf gefreut, vor allem für ihre drei- und sechsjährigen Kinder. Kurze Wege, Geborgenheit und Förderung der Selbständigkeit, ohne ständig Angst zu haben, dass etwas passiert. Schnell hätte sich die Familie eingelebt und gedacht: „Da kann ja nichts schief gehen.“ Doch schon bei der Schulanmeldung sei Andreas Schael stutzig geworden. „Mein Junge war plötzlich der Schulretter.“

In der Tat, der Älteste der Neu-Benneckensteiner war Abc-Schütze Nummer 15 und sicherte der Grundschule die Fortsetzung der Ausnahmegenehmigung für das Schuljahr 2018/19. „Nun gut“, habe sich der selbstständige Bauhandwerker gedacht, „soll er der Retter sein.“ Als Großstädter sei man es gewohnt, sich nach Alternativen umzuschauen – die es im benachbarten Thüringen und Niedersachsen sehr wohl gibt, die Schaels blieben aber dabei: Ihr Sechsjähriger soll künftig in seinem Heimatort zur Schule gehen. „Aber bitte mit allen Rechten und Pflichten“, betont Andreas Schael.

Gespräch für Sammelklage vereinbart

Dass diese so permanent verletzt werden, betrübt ihn sehr. Nicht nur bei den Grundschüler, „denn der Vorschulunterricht für seinen Sohn wird ständig gestrichen. Die Stunden, die er bisher erhalten hat, kann ich an einer Hand abzählen.“ Andreas Schael ist dem Förderverein beigetreten und wie Nadine Albrecht und Nicole Jörs entschlossen, gegen den Missstand anzukämpfen. „Wenn es sein muss, klagen wir das Schulrecht für unsere Kinder beim Land ein“, sagt Nicole Jörs und weist darauf hin, dass ein Gespräch mit einem Anwalt für eine Sammelklage bereits vereinbart ist.

Ihre Entschlossenheit den Rechtsweg zu wählen, sei nach den jüngsten Ereignissen gestiegen. „Denn andersherum, wird auf die Schulpflicht akribisch geachtet, bei Verstößen ist schnell das Jugendamt zur Stelle“, sagt Nicole Jörs. Sie habe ihren Augen nicht getraut, als „am Montag nur eine Lehrerin zur Stelle war“. Die beiden anderen Kolleginnen fielen krankheitsbedingt aus. „Hilfesuchend stand Frau Schön allein mit den vier Klassen da“, so die Benneckensteinerin. Zum Glück sei die Schulleiterin aus Elbingerode zur Unterstützung spontan gekommen.

Gemeinsam mit der pädagogischen Mitarbeiterin versuchte das Trio die Kinder zu beschäftigen, von einem normalen Unterricht weit entfernt. Der Notplan wurde am Dienstag fortgesetzt. Diesmal half die Förderlehrerin, die einmal pro Woche in Benneckenstein Kinder speziell betreut, mit aus. „Sie musste aber wieder einmal ihre eigentlichen Aufgaben sausen lassen und bei der Unterrichtsabsicherung in einer Klasse helfen“, sagt Nadine Albrecht.

„Wo soll das noch hinführen? Kinder brauchen eine Struktur, Ordnung und Verlässlichkeit, wenn sie zur Schule gehen“, wirft Andreas Schael ein. Den Pädagogen mache er keinen Vorwurf. „Sie tun ihr Möglichstes.“ Vielmehr sehen die Eltern Versäumnisse bei der Planung von Lehrereinsätzen. Diese obliegt dem Landesschulamt. „Doch da scheint man keinen Funken Interesse zu haben“, sagt Nadine Albrecht.

Berechnung vom Schulamt verwundert

Diesen Vorwurf weist die Pressesprecherin Silke Stadör auf Volksstimme-Anfrage von sich. Das Landesschulamt in Halle habe nach erfolgloser Ausschreibung im November am Montag nochmals eine befristete Lehrerstelle für zehn Stunden pro Woche ausgeschrieben. „Obwohl die Zahl der Lehrerstellen, die laut Gesetzgebung zulässig sind, mit drei erfüllt ist.“ Die fehlenden Stunden in Benneckenstein müssten Pädagogen von der Grundschule in Elbingerode ausgleichen. „Wir betrachten beide Schulen als organisatorische Einheit“, begründet die Pressesprecherin. In der Verantwortung für die Umsetzung sei die Schulleitung in Elbingerode und auch der Schulträger. In diesem Fall also die Stadt Oberharz.

Diese Aussage vom Amt wird im Rathaus sowie von der Fördervereinsvorsitzenden mit großer Verwunderung aufgenommen, zumal der Gesetzgeber einen Schulverbund noch nicht beschlossen hat. Nadine Albrecht stellt ernüchternd fest: „Was für ein Politikum auf Kosten der Kinder.“