Wernigerode l Eine Spielstraße in der unteren Breiten Straße? Wo Fußgänger, Radfahrer, Busse und Autos sich gleichberechtig die Fahrbahn teilen? Ist das denkbar?

An der Verkehrsführung in der unteren Breiten Straße scheiden sich die Geister. Seit 2012 rollen die Autos mit Tempo 20 auf dem Abschnitt zwischen Ringstraße und Stadtecke. Zumindest die, die sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten.

Viele Fußgänger

Die Breite Straße ist für Besucher, die über die Bummelmeile in Richtung Markt wollen, sozusagen Haupteinflugsschneise. Dementsprechend viele Fußgänger sind dort unterwegs. Immer wieder ploppt deshalb die Idee auf, den Verkehr in dem Bereich weiter zu beruhigen. Sprich: das Tempolimit herabzusetzen oder Autos dort gänzlich zu verbieten.

Aktuell hat Stadtrat Thomas Schatz (Die Linke) die seit Jahren geführte Debatte wieder aufgewärmt. Er schlägt einen verkehrsberuhigten Bereich – im Volksmund Spielstraße – zwischen Ringstraße und Großer Schenkstraße vor. Anwohner und Geschäftsinhaber würden die Tempo-20-Regelung für „nicht angemessen“ halten, so der Fraktionschef der Linken. Die Straße sei in dem Bereich sehr schmal. Mit einer Tempobegrenzung für Autos auf Schrittgeschwindigkeit könnte das Gefährdungspotential gesenkt werden. Damit das Ganze Hand und Fuß hat, will Schatz die Regelung per Beschluss ins Verkehrskonzept der Stadt formulieren lassen.

Busverkehr eingeschränkt

Eine Veränderung, die die Stadtverwaltung zum jetzigen Zeitpunkt kategorisch ausschließt, wie im Bauausschuss deutlich wurde. Im Vorfeld der Sitzung hätten sich Bauamt und Ordnungsamt gemeinsam mit Schatz‘ Vorschlag auseinander gesetzt, hieß es.

Eine solche Änderung sei „nicht umsetzbar“, so Caroline Rienäcker. Die Mitarbeiterin des Bauamtes sieht vor allem ein erhöhtes Konfliktpotential zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern. Zudem befürchtet sie, dass der Citybusverkehr „stark eingeschränkt“ werden könnte. Besonders zu besucherstarken Zeit würden viele Fußgänger die Straße queren. „Die Busse könnten ihre Fahrzeiten nicht einhalten.“ Außerdem sei der etappenweise Ausbau der unteren Breiten Straße und damit auch deren Gestaltung voll und ganz auf die von den Stadträten einst abgenickte Tempo-20-Regelung abgestimmt.

Wie zu erwarten war, gehen die Meinungen von Wernigerodes Stadträten dazu weit auseinander. Siegfried Siegel (SPD) schließt eine Spielstraße aus. „Die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer funktioniert nicht. Das ist ein Pulverfass.“ Stattdessen schlägt Siegel eine Verlängerung der Fußgängerzone in diesem Bereich vor. Nur so lasse sich das Konfliktpotential minimieren, ist Siegel überzeugt.

Sowohl Spielstraße als auch Fußgängerzone würden den Radfahrern „komplett den Hahn zu drehen“, hieß es von Ilja Schicker (Bunte Liste, Bunte Stadt). Die untere Breite Straße sei nun mal die schnellste Möglichkeit, die Innenstadt per Rad zu durchqueren. Und wenn man den Radverkehr abwerte, profitiere davon der Autoverkehr, so Schicker. Und genau das sei doch eigentlich nicht gewollt.

Gefährliche Raser

Hagen Bergmann (CDU) warnte davor, „ständig am Verkehr in der unteren Breiten Straße herumzuhacken“. Durch eine Spielstraße werde der Verkehr nicht wirklich beruhigt, sondern nur woanders hin verlagert. Das werde sich erst ändern, wenn Wernigerode eine Umgehungsstraße bekommt . „Solange wir die nicht haben, brauchen wir das Verkehrskonzept nicht ändern.“

Ruth Fiedler (Linke) bezweifelt, dass der Busverkehr unter der Spielstraßen-Regelung leiden könnte. „Das ist doch nur ein kurzes Stück. Da kann man doch mal sieben km/h fahren.“

Matthias Winkelmann (CDU) machte sich ebenfalls für Schritttempo in dem Bereich stark. Immer wieder habe er beobachtet, dass Fußgänger auf der Fahrbahn schlendern. „Gerade da, wo es eng wird, gehen die Leute einfach auf der Straße weiter.“ Zumal es immer wieder „Experten“ gebe, die in ihren Autos „mit Vollgas durchfahren“. „Wir können die Leute in dem engen Bereich doch nicht allein lassen.“

Auch im Wernigeröder Rathaus sieht man dieses Problem. Deshalb sollen die Kontrollen in dem Bereich verschärft werden, so der Kompromiss-Vorschlag der Verwaltung. Außerdem sollen weitere Tempo-20-Schilder aufgestellt und „Aufmerksamkeitsstreifen zur besseren Wahrnehmung der Verkehrsführung“ ergänzt werden.

Ein Kompromiss, mit dem Jürgen Jörn (sachkundiger Einwohner für die SPD) gut leben könnte. Vor allem die Aufmerksamkeitsstreifen hält er für eine gute Idee, weil Touristen oftmals auf dem Fahrradstreifen laufen würden.

Die anschließende Abstimmung deckte sich mit der Diskussion. Mit einem Patt fiel die Spielstraßen-Regelung im Bauausschuss knapp durch. Die Mitglieder des Ordnungsausschusses haben das Thema am Dienstag, 19. November, auf der Tagesordnung. Der Stadtrat entscheidet am 5. Dezember.

Übrigens: Eine Verlängerung der Fußgängerzone in der unteren Breiten Straße ist nicht ganz aus der Welt. Aber erst, wenn der Ausbau beendet ist. Die baulichen Voraussetzungen für eine Fußgängerzone seien gegeben, so Stadtplaner Hans-Dieter Nadler. Alles andere könnte man prüfen. Allerdings sei eine solche Änderung komplex. „Was passiert in den angrenzenden Quartieren? Wie werden die Busse umgeleitet. Das müsste man dann sehen.“