Wenrnigerode l Von wegen Friede, Freude, Eierkuchen. In der Diesterweg-Grundschule brodelt es - sowohl unter den Eltern als auch bei der Schulleitung. „Ich habe nicht die Absicht, Ärger oder Streit zu verursachen“, sagt Schulleiterin Mareike Martin im Kulturausschuss. Sie spricht leise, aber bestimmt. „Aber wir wollen gehört werden.“ Es sei viel geredet worden in den vergangenen Monaten. Vieles behauptet worden, was nicht ganz stimmte. „Ich habe nie gesagt, dass ich zwei große Pausen zur Verfügung habe. Ich habe nie gesagt, dass ich mit Essen im Zehn-Minuten-Takt einverstanden bin.“

Es geht ihr um die geplante Mensa, die die Stadt zwischen ihrer Grundschule und der benachbarten Thomas-Müntzer-Sekundarschule bauen will, um die Größe des künftigen Speisesaals und vor allem um die Anzahl der Sitzplätze.

Unhaltbare Zustände

Die Vorgeschichte mutet wie eine unendliche Geschichte an: Vor gut drei Jahren berichtet die Volksstimme erstmals über die Zustände bei der Schulspeisung in der Wernigeröder Grundschule. Der Speisesaal ist viel zu klein für die fast 250 Grundschüler, bietet gerade einmal Platz für 50 Kinder auf einmal. Die Konsequenz: Die Mädchen und Jungen essen gestaffelt über mehrere Pausen. Hektik und Gedränge sind an der Tagesordnung.

Unhaltbar - finden nach der Berichterstattung auch die Stadtverwaltung und der Stadtrat. Ein Förderprogramm für den Bau einer Mensa wird gefunden. Gut ein Jahr später, im September 2018, gibt der Stadtrat grünes Licht. Einstimmig. Die Kennzahlen: 150 Sitzplätze, Gesamtkosten 815.000 Euro. Die Planungen starten. Fast zwei Jahre lang erfährt die Öffentlichkeit nichts über das Projekt - bis die Volksstimme im Sommer 2020 nachfragt. Die gute Nachricht: Der Fördermittelbescheid über 700.000 Euro liegt seit März vor. Groß ist die Überraschung aber, als bekannt wird, dass die Verwaltung die Pläne für die Mensa geschrumpft hat, um den Kostenrahmen, der inzwischen bei 880.000 Euro liegt, nicht zu sprengen. Plötzlich ist nur noch von 80 Sitzplätzen die Rede.

Endlich Gehör verschaffen

Es hagelt Kritik aus den Reihen der Stadträte. Die Verwaltung justiert nach, kalkuliert mit kleineren Tischen und Stühlen - und nun mit 120 Sitzplätzen. Die Planungen werden fortgesetzt, weitere Anpassungen folgen, Vorschläge von den Stadträten fließen ein. Im September informiert die Verwaltung über den aktuellen Stand - präsentiert ihn als großen Wurf: 100 Sitzplätze seien ausreichend, heißt es. Es habe Gespräche mit Caterer, Eltern und Schulleitung gegeben. Alle hätten Zustimmung signalisiert.

Also sind alle zufrieden? Nicht wirklich. Schulleiterin Mareike Martin kommt am Montag nicht allein. Sie hat mit Sebastian Ganso den Schulleiter der benachbarten Sekundarschule dabei. Ein Teil der Sekundarschüler isst regelmäßig im Speisesaal der Grundschule - vor Corona etwa 60 Mädchen und Jungen, jetzt sind es weniger. Ganso fühlt sich bislang mehr oder weniger von den Planungen ausgeschlossen. „Dabei sind wir gleichwertige Partner.“ Die Mensa entsteht nämlich auf dem Grundstück der Sekundarschule. Der Deal mit dem Landkreis, der Träger der Schule ist: Die Stadt muss keine Erbbaupacht zahlen. Dafür können die Sekundarschüler weiter zum Essen kommen. Jedoch künftig dann erst gegen 13.15 Uhr - etwas anderes geben die derzeitigen Planungen nicht her. Allerdings haben die Fünft- und Sechstklässler schon um 12.40 Uhr Schulschluss, sagt Ganso. Wer wartet da schon?

Baugenehmigung

Auch Elternvertreter beider Schulen sind am Montagabend im Rathaussaal. David Könnecke tritt ans Mikrofon. 470 Unterschriften der Diesterweg-Eltern hat er dabei - gesammelt über das Wochenende in einer Hauruck-Aktion. „Das war ein Akt der Verzweiflung“, sagt er gegenüber der Volksstimme. An den Kindern dürfe nicht gespart werden. „Wir müssen jetzt etwas machen, wollen zeigen, dass wir nicht einknicken.“ Wenn auch auf den letzten Drücker.

Denn die Planungen für die Mensa sind weit fortgeschritten. Kurz vor Weihnachten will die Stadt die Baugenehmigung beantragen. Die Stadträte wiederum stecken gerade mitten in der Haushaltsberatung, wollen am 10. Dezember beschließen, wie das städtische Geld verteilt wird. Und das ist bekanntermaßen knapp. Beraten wird dabei auch über einen Vorstoß der Linken. Die Fraktion will das Mensa-Budget kurzerhand um 90.000 erhöhen. Die Idee: Die geplante Außenterrasse wird gestrichen, die freiwerdenden 30 Quadratmeter werden ins Gebäude einbezogen, um Raum für 20 Plätze mehr zu schaffen. Der Vorschlag der Linken stößt im Rat bislang jedoch auf wenig Gegenliebe.

Kraftakt beim Mittagessen

Die 120 Plätze seien nicht aus der Luft gegriffen, sagt Schulleiterin Martin. „Wir haben uns Gedanken gemacht.“ Es sei ein „Kraftakt“, 300 Kinder in der begrenzten Pausenzeit durchs Mittagessen zu schleusen. „Die Kinder essen in der Regel 25 Minuten lang“, sagt sie. 120 Plätze würden benötigt, damit die Schüler noch aufessen können, während die nächsten schon anrücken. In den vergangenen Tagen habe sie und die Elternvertreter Gespräche mit den Fraktionen geführt. „Uns ist klar, dass es auf einen Kompromiss hinauslaufen wird“, sagt sie. „Aber wir sind eben nicht 100-prozentig zufrieden. Die Eltern sind nicht glücklich.“ Mareike Martin schlägt ein gemeinsames Gespräch vor - mit Verwaltung, Architekten, Schule, Eltern und Caterer - „bei dem wir unsere Sorgen äußern können“. Es habe vorher zwar Gespräche gegeben. Aber nie alle zusammen an einem Tisch.

Im Saal kocht die Diskussion unter den Ausschussmitgliedern hoch. „Es geht um den Charakter dieser Mensa für die nächsten 30 Jahre“, sagt Ruth Fiedler (Linke). „Und wieder wird alles klein-klein. Ich weiß, wir sind knapp bei Kasse. Aber wir sollten es ordentlich machen.“ Cary Barner (CDU) wundert sich, dass die Einwände der Schule und der Vorschlag der Linken erst jetzt kommen. „Wir haben doch im September zusammen gesessen.“ Michael Wiecker (CDU) schaltet sich ein: „Wir müssen zu Potte kommen“, fordert er. „Wir können doch nicht alles über den Haufen werfen und wieder bei null anfangen.“ Die Kinder hätten ein Recht darauf, in Ruhe zu lernen und zu essen, sagt die sachkundige Einwohnerin Marion Walter. „Wenn wir die 90 000 Euro nehmen, tun wir den Kindern einen Gefallen.“ Rainer Schulze von der SPD meldet sich zu Wort: „Unsere Fraktion schlägt vor, dass sich alle Beteiligten in den nächsten Tagen an den Tisch setzen und klären, was bislang zu kurz gekommen ist.“ Er glaube, dann sei es möglich eine Lösung zu finden - „einen Kompromiss, mit dem alle zufrieden sind.“

Zu spät für Wunschkonzert

Es sei zu spät, um „in ein Wunschkonzert einzusteigen“, sagt Sozialdezernent Rüdiger Dorff. „Wir nehmen das Gesprächangebot gerne an. Aber ich muss Ihnen reinen Wein einschenken. Die 100 000 Euro haben wir nicht, die müssten wir an anderer Stelle streichen.“ Möglicherweise gebe es „kleine Stellschrauben“. „Aber da lehne ich mich schon weit aus dem Fenster.“

Die Planer würden laut Dorff noch vor Jahresende eine aktualisierte Kostenkalkulation vorlegen. „Dann sehen wir, wo wir jetzt stehen.“ Vielleicht koste das Projekt weniger, als zuletzt angenommen. Dann habe man womöglich Spielraum. Vielleicht werde es aber auch deutlich teurer. „Dann muss der Stadtrat ohnehin noch mal abstimmen.“

Nach der Beratung wird vor der Tür das Ratssaals weiter diskutiert. „Das ist sicher nicht das Ergebnis, das Sie sich wünschen“, sagt Dezernent Dorff zu Schulleiterin Mareike Martin. Sie hoffe nun auf das gemeinsame Gespräch, sagt sie. „Es wäre doch schade, wenn man später feststellt, dass 120 Plätze doch besser gewesen wären.“