Brocken l In Deutschlands Wetterwarte mit dem wohl extremsten Wetter ist am 1. Dezember eine 185 Jahre andauernde Ära geendet. Seitdem läuft auch die Überwachung der Radioaktivität auf dem Brocken automatisch, Marc Kinkeldey hat als letzter der Wetterfrösche den Arbeitsplatz in gut 1141 Metern Höhe verlassen.

Doch damit klafft nun seit einem Monat eine Lücke im Datennetz vom höchsten Harzgipfel, das über viele Jahrzehnte und selbst durch zwei Weltkriege nahezu nahtlos gepflegt wurde. Denn Niederschlagssumme und sämtliche Schneeparameter könnten aktuell nicht gemessen werden, räumt Uwe Kirsche auf Volksstimme-Anfrage ein. Wie der Pressesprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD) informiert, sind die vollautomatischen Geräte nicht rechtzeitig aufgebaut worden.

Ziel des DWD war, deren Installation bis Ende November abzuschließen. Deshalb die von vielen Wanderern beobachteten Bauarbeiten am Turm auf dem Plateau. Das DWD-Personal, das neben der Radioaktivitäts-Überwachung bis dahin auch die konventionelle Messung der 24-stündigen Niederschlagssumme und der Gesamt- und Neuschneehöhe übernommen hatte, stand ab diesem Stichtag „nicht mehr zur Verfügung“, wie Kirsche aus der Wetterdienst-Zentrale in Offenbach berichtet.

Messlücke könnte bis Frühling anhalten

Doch bei den notwendigen Elektroarbeiten der beauftragten Firmen sei es leider zu Verzögerungen gekommen. Wie zeitnah der DWD die noch fehlenden Sensoren aufbauen könne, hänge von den Witterungs- und Temperaturverhältnissen auf dem Brocken ab. „Vielleicht ist es trotz aller Bemühungen des DWD erst im Frühjahr möglich“, so der Sprecher.

„An anderen DWD-Stationen – auch in Mittelgebirgslagen – hat sich die automatische Messung von Schneehöhe und Niederschlag bereits bewährt“, versichert Kirsche. Für den Brocken mit seiner exponierten Lage und alpinem Klima gelten aber andere Regeln, widerspricht Thomas Globig. Der Wetterexperte des Mitteldeutschen Rundfunks erläutert: „Die Widrigkeiten dort oben – mit häufigen Orkanen, dichtem Nebel und Frost – kann sich der Tiefländer kaum vorstellen.“

Gerade in „kritischen Situationen“ wie bei gefrierendem Niesel tappten Meteorologen mit von Automaten erhobenen Daten im Dunkeln. „Die Sensoren und Computer können nicht zuverlässig zwischen Regen und Schnee unterscheiden oder melden bei feinem gefrierendem Nieselregen gar keinen Niederschlag. Das kann fatale Folgen haben, wenn eigentlich Wetterwarnungen herausgegeben werden müssten“, so Globig weiter.

Wetterdienst testet neue Sensoren

Vor der Einführung neuer Messtechnik, die menschliche Beobachter ersetzt, „wurden und werden beim DWD grundsätzlich ausgiebige Tests der neu einzusetzenden Sensoren durchgeführt“, entgegnet der DWD-Sprecher. Daneben gebe es Vergleichsmessungen, um die unterschiedlichen Verhalten bei manueller und der automatischen Erhebung festzustellen, „die Besonderheiten zu lernen, um damit für die Klimatologie erforderliche durchgängige Messzeitreihen zu garantieren“. Dadurch werde verhindert, „dass es zu technisch bedingten Veränderungen in klimatischen Aufzeichnungen kommen kann“.

Doch genau diese Reihen vom Brocken sind aus Sicht von Wetterfrosch Globig nun „kaputt. Für den kompletten Dezember fehlen uns wichtige Parameter in der Klimabeobachtung – das tut mir in der Seele weh.“ Genauso wichen die automatisch erfassten Daten gerade bei Regen und Schneehöhe deutlich von den per Hand gemessenen ab. Bei letzterer funktioniere die Computermodellierung „schon im Tiefland nicht“. Damit sei die Vergleichbarkeit mit den über Jahrzehnte gesammelten Ergebnissen gefährdet.

Trotz dieser Bedenken sind Service- und Logistikeinheiten des DWD nun die einzigen Menschen, die noch in der bis vor Kurzem besucherstärksten Wetterstation Deutschlands anzutreffen sind. Einmal im Monat brechen sie zur Betreuung auf den Harzgipfel auf. Für die kurzfristige Wartung sei seit Anfang Oktober „ein externer, vom DWD beauftragter Dienstleister zuständig“. Nach Volksstimme-Informationen soll es sich dabei um eine Firma aus dem Ruhrgebiet handeln.

Schneekoppe und Zugspitze weiter bemannt

Zum Vergleich: Nach der Automatisierung der Station auf der Zugspitze 2018 fahren weiter täglich ehemalige Wetterbeobachter auf Deutschlands höchsten Berg. Sie überprüfen, ob die Geräte laufen, befreien sie von Eis und Schnee. Das polnische Institut für Meteorologie und Wasserwirtschaft entschied sich sogar dafür, Automatisierungspläne für die Warte auf der Schneekoppe zurückzuziehen. Wie das Internetportal Fichtelbergwetter berichtet, arbeiten sechs Beobachter nach einer grundlegenden Sanierung seit Mai 2016 wieder in der Station auf 1603 Metern Höhe im Riesengebirge.

Sorgt der Verlust der Daten für Frust bei den Brocken-Wetterdiensttechnikern, die ihren geliebten Arbeitsplatz für die noch nicht funktionierenden Automaten räumen mussten? „Kein Kommentar“, heißt es dazu nur von Marc Kinkeldey auf Volksstimme-Anfrage. Der letzte Chef der Wetterbeobachter klärt aber zumindest das Schicksal der mehr als 1300 Frösche auf, die ihm und seinen Kollegen von Besuchern geschenkt wurden: „Sie sind aus der Station an die Mosel zu Sammlern ausgewandert.“