Wernigerode l Die dramatischen Szenen gehen ihm nicht aus dem Kopf. „Alles lief ab wie im Film“, sagt Daniel Tropschug-Krull. Im Gespräch mit der Volksstimme lässt der 44-Jährige das Geschehen vom Sonnabend in der Dorfstraße im Wernigeröder Ortsteil Reddeber Revue passieren.

Der Familienvater lag an diesem sonnig heißen Nachmittag auf dem Sofa. Seine Frau Janet entdeckte beim Blick aus dem Fenster Rauchschwaden. „Macht da etwa jemand Feuer im Garten?“ Auf ihre Frage antwortete ihr Mann: „Doch wohl nicht bei dieser Hitze.“ Seine Frau ließ nicht locker, er ging vor die Tür und hörte plötzlich ganz deutlich ein Knistern und Knacken. „Das muss ein Feuer sein.“ Doch wo im Dorf?

Tür eingetreten

Daniel Tropschug-Krull sprang in sein Auto, nach nur wenigen Metern war er schon am Brandort angekommen. Flammen schlugen bereits aus der Dachgiebelwand. Schnell parkte er seinen Wagen in der Einfahrt des Grundstücks. „Ich sah Maik Flügel und noch jemanden, die versuchten, in das Wohnhaus der Fischers zu gelangen.“ Geistesgegenwärtig habe er gerufen: „Die Tür einfach eintreten.“ Er trat daraufhin selbst kräftig mit zu. Gemeinsam gelangten sie ins brennende Haus.

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Während sich die anderen um die 86-jährige Rentnerin kümmerten, entdeckte Daniel Tropschug-Krull den 34-jährigen Sohn auf der Treppe im dichten Qualm. „Er stand völlig unter Schock und brach auf einmal zusammen.“ Der körperlich Unterlegene griff zu und zog den Sohn, am Boden liegend, ins Freie. „Es war nur noch Rauch um uns herum, es knackte und knallte, Fensterscheiben zerbarsten.“

Rettung denkbar knapp

Auf der Straße angelangt, setzte der Lebensretter den Geretteten auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf den Bord - mit der Gewissheit: „Hier ist er in Sicherheit“. Sofort kümmerten sich Bewohner des Wernigeröder Ortsteils rührend um diesen. Krankenwagen und Feuerwehren mit über 100 Mann Besatzung waren mittlerweile zur Stelle. „Ich habe noch schnell mein Auto aus der Gefahrenzone gebracht und bin nach Hause gefahren.“ Er fühlte sich „irgendwie selbst unter Schock“.

Im Nachhinein, so vier bis fünf Stunden später, habe er für sich festgestellt: „Es war denkbar knapp.“ Das Feuer, das aus noch unbekannter Ursache gegen 15 Uhr in dem Mehrfamilienhaus ausgebrochen war, breitete sich rasend schnell aus und vernichtete am Ende den Dachstuhl komplett. „Ich bin so froh, dass alle lebend herausgekommen sind, alles andere lässt sich doch reparieren“, sagt der Vater von sechs Kindern. Für sie, so bestätigen die drei Jüngsten beim Volksstimme-besuch, ist er ein Held. „Wir sind sehr stolz auf Papa“, sagt die elfjährige Tochter.

Feuerwehr-Kritik

Daniel Tropgschug wiegelt ab: „So hätte wohl jeder gehandelt, dem ein Menschenleben mehr wert ist als alles andere.“ Die von den Brandschützern bei dem Großeinsatz geäußerte Kritik, dass sich mehr junge Leute – anspielend auf die Schaulustigen – in der Feuerwehr engagieren sollten, könne er verstehen. „Darüber sollte man wirklich nachdenken.“ Für den Schlosser, der bereits 44 ist und täglich 50 Kilometer zur Arbeit fährt, ist es schwierig. Außerdem, fügt er hinzu, „füllt uns unser Ehrenamt total aus“.

Die Tropschugs, die sich als Zugezogene in Reddeber wohl fühlen, haben sich total dem Floorball verschrieben. Die Ehefrau managt zwei Teams der Red Devils beim Wernigeröder Sportverein Rot-Weiß, ihre Kinder, 7, 9, 11 und 16 Jahre alt, spielen aktiv, „der Große sogar im Kader der 1. Bundesligamannschaft“, sagt der Vater stolz. Der Verein, fügt er hinzu, sei eine tolle Gemeinschaft. Und solch ein „Wir-Gefühl“, so der Lebensretter weiter, „das habe ich hier in Reddeber bei dem verheerenden Brand gemerkt.“

Zusammenhalt im Ort

Den Eindruck des Zusammenhalts im Ort kann Klaus-Dieter Fischer „nur teilen“, sagt der 66-Jährige, als er sich am Dienstag bei Daniel Tropschug-Krull persönlich für seine große Tat bedankte. Zugleich zeigte sich der Sohn der 86-jährigen Mutter und Vater des 34-Jährigen erfreut, vor Ort die Volksstimme anzutreffen. „Ich habe schon versucht, Kontakt mit der Redaktion aufzunehmen.“ Ihm sei es wichtig mitzuteilen, dass er allen für die Hilfsbereitschaft danke - ob Feuerwehr, Rettungsdienst, Ärzten, THW, Polizei, Freunden, Verwandten und ganz besonders den Einwohnern. „Alle namentlich aufzuführen, dafür reicht die Zeitungsseite nicht“, sagt das Brandopfer, das beim Ausbruch des Feuers selbst nicht zuhause war.

Schaulustige?

„Mein bester Freund, der zufällig beim Vorbeifahren an unserem Haus das Feuer entdeckte, hat den Alarm ausgelöst und mich dann gleich angerufen“, schildert Klaus-Dieter Fischer. Beim Eintreffen sei er „total geschockt und fassungslos“ gewesen. Die spontane Welle der Hilfsbereitschaft, wie er sagt, habe ihn dann „aufgefangen“ und Kraft gegeben, die schrecklichen Momente und Stunden durchzuhalten. Deshalb teile er persönlich die Kritik an den vielen Schaulustigen nicht. „Es waren überwiegend Leute aus Reddeber, für mich Helfende und Unterstützende.“

Haus unbewohnbar

Während seine Mutter und sein Sohn im Krankenhaus stationär aufgenommen wurden, fand Klaus-Dieter Fischer Unterkunft in der Nachbarschaft. Familie Brüser stellte ihren Bungalow zur Verfügung. „Das ist doch selbstverständlich, wenn man nichts mehr hat“, sagt Roswitha Brüser.

In das unbewohnbare Haus kann vorerst keiner, die Ermittlungen zur Brandursache sind noch nicht abgeschlossen. Wie es weiter geht? Klaus-Dieter Fischer wird nachdenklich und sagt: Es sei gut, dass keinem etwas passiert ist. „Ein Menschenleben ist nicht zu ersetzen, ein Haus baut man wieder auf, egal wie.“

Hilfsaktion

Reddebers Ortschaftsrat mit Marcus Meier an der Spitze bereitet in Absprache mit der Stadtverwaltung eine Hilfsaktion für die Brandopfer vor. Die Koordinierung übernimmt Tobias Kascha, Leiter des Oberbürgermeister-Büros.