Wernigerode l Deutschland und die Europäische Union streiten über das Ende der Zeitumstellung – und Wernigerode redet mit. Wie die Staaten sich uneins sind, scheiden sich auch im Harz die Geister, ob die Vorteile von Winter- oder Sommerzeit überwiegen.

„Entscheidend ist das Tageslicht, das man nutzen muss“, sagt Christian Trosien. Wie der Leiter der Tierproduktion der Agrargenossenschaft Vorharz erläutert, brauchen die Rinder ein bis zwei Tage zur Umgewöhnung – wie die Menschen. Für die rund 270 Milchkühe in Silstedt wird der Melkrhythmus schrittweise umgestellt – jeweils am Morgen und Nachmittag um eine halbe Stunde, erläutert Trosien.

Ihm und seinen Mitarbeitern sei egal, ob dauerhaft Sommer- oder Winterzeit bleibt, oder weiter an den Uhren gedreht wird. „Unser Arbeitstag beginnt morgens um 3 Uhr und endet um 17.30 Uhr – da ist alles reine Gewöhnungssache.“

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Frust und Müdigkeit im Frühling

Die Abschaffung der Zeitumstellung befürwortet dagegen Ralf Grimpe klipp und klar. „Sie hat aus wirtschaftlicher Sicht nicht den Effekt gebracht, der einst prognostiziert wurde“, sagt der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Wernigerode und fügt hinzu: „Im Gegenteil, bei der Umstellung auf Sommerzeit herrschte tagelang Frust und Müdigkeit, weil es plötzlich morgens wieder dunkel war.“ Er persönlich favorisiere das Natürliche und damit die Winterzeit.

Auf den Bahnhöfen der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) läuft die Zeitumstellung in der Nacht zum Sonntag vollautomatisch. „Die Uhren werden mit der zentralen Mutteruhr zurückgedreht“, erläutert Dirk Bahnsen.

Der HSB-Sprecher verfolge die Debatte „interessiert, aber entspannt“, da keine Variante erhebliche Einsparungen oder Mehraufwand für das Unternehmen mit sich brächte.

Vom Hin und Her halten auch Rainer Schulze und Denis Loeffke nicht viel. Am Rande der Live-Fernsehübertragung „Mach dich ran“ im Kloster Ilsenburg waren sich der Stiftungschef des Klosters sowie Ilsenburgs Bürgermeister (CDU) einig: „Die Winterzeit ist das Normale, sie soll dauerhaft bleiben.“

Sommerzeit ist Hochzeitszeit

Etwas anders sieht es Henri Fischer. Er ist Chef des Ordnungsamtes und gleichzeitig Standesbeamter in der Ilsestadt und weiß: „In der Sommerzeit wird gern und viel geheiratet.“ Deshalb schlagen in seiner Brust zwei Herzen. Wenn er sich entscheiden müsste? „Hochzeitszeit“, witzelt der 37-Jährige.

Im Wernigeröder Rathaus hält man von der Umstellung auf reine Sommer- oder Winterzeit nichts. Wenn es nach Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) geht, solle „alles so bleiben, wie es ist“.

Dem Lauf der Sonne folgen und deshalb für immer wieder die Winterzeit lassen, dafür spricht sich hingegen Andreas Sack aus. Eine Auswirkung auf seine Tätigkeit als Telekommunikationsunternehmer und Netzbetreiber habe die Zeitumstellung gar nicht gehabt. Einzig, so der Wernigeröder: „Im Spätherbst habe ich mich über die geschenkte Stunde immer gefreut.“