Salzgitter/Ilsenburg l Letztlich sind es Spekulationen gewesen, die die Braunschweiger Zeitung mit Blick auf ein geplantes Bereitstellungslager wiedergegeben hatte und die – aufgrund der namentlichen Nennung von Ilsenburg – vor Ort für heftige Reaktionen gesorgt haben. Die Harzstadt, so die Mutmaßung, könnte sich als Standort für ein Zwischenlager im logistischen Vorfeld des Atommüll-Endlagers Schacht Konrad im niedersächsischen Salzgitter anbieten. Auch wenn über Ilsenburg bislang nur spekuliert wird, hebt Bürgermeister Denis Loeffke (CDU) sofort die Hände: „Wir sind strikt gegen solche Pläne und werden alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um sie zu verhindern.“

Den Spekulationen steht aktuell aber nicht nur Loeffkes Contra entgegen, sondern auch das Dementi der Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) in Essen. Dort, so Sprecher Tobias Schmidt, sei zwar die Suche nach einem solchen Bereitstellungslager für Schacht Konrad tatsächlich angeschoben worden – noch aber gebe es keine konkreten Standorte, die irgendwie in der engeren Wahl seien. Mit einer Entscheidung sei 2019 zu rechnen. Das bestätigt Monika Hotopp von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE): „Ilsenburg – bei uns im Haus höre ich das zum ersten Mal.“

Fakt ist: Schacht Konrad in Salzgitter soll nach den jetzigen Plänen ab 2027 als Endlager mit schwach- und mittelradioaktivem Müll beschickt werden. Die Lieferungen, die dann aus Zwischenlagern in ganz Deutschland eintreffen, sollen in jenem Bereitstellungslager quasi endgültig konfektioniert und anschließend per Zug nach Salzgitter gebracht und dort unter Tage gebracht werden.

Geringe Entfernung zu Endlager als Ziel

Entsprechend sind die Kriterien formuliert, die eine Entsorgungskommission (ESK) bei der Standortsuche für jenes Lager für maßgeblich hält: Der Standort sollte höchstens 150 bis 200 Kilometer vom Endlager Konrad entfernt sein, so BGZ-Sprecher Schmidt. Hinzu kämen mindestens 30 Hektar verfügbare Fläche in öffentlicher Hand mit Gleis- und Straßenanschluss. Hinzu kommen laut ESK-Stellungnahme tektonische Sicherheit, genug Abstand zu anderen Industrieanlagen (Brandschutz), ausreichender Hochwasserschutz und der sichere Ausschluss von militärischen Altlasten. Und eben eine möglichst geringe Entfernung zum Endlager Konrad.

Letzteres könnte ein Grund sein, dass der Name Ilsenburg jetzt überhaupt öffentlich gehandelt wird. Bis nach Salzgitter sind es rund 50 Kilometer, ein Gleisanschluss existiert. Laut Braunschweiger Zeitung findet sich der Name Ilsenburg in offiziellen Papieren nicht. Er sei aber in Fachkreisen benannt worden, stamme aus berufenem Munde, heißt es auf Nachfrage.

Diesen auf den ersten Blick scheinbar passenden Rahmenbedingungen stehen beim zweiten Blick auf Details allerdings viele Aber entgegen: So fordert die ESK beispielsweise eine zweigleisige Bahntrasse, da täglich bis zu drei Vollzüge mit Abfall vom Bereitstellungslager zum Endlager hin und leer wieder zurück transportiert werden müssen. Hinzu kommt die Anlieferung aus ganz Deutschland ins Bereitstellungslager – vorzugsweise ebenso per Bahn. Und das auf lange Sicht: Bei einer Einlagerung von jährlich veranschlagten 10.000 Kubikmetern Müll im Schacht käme eine Einlagerungszeit von 30 Jahren zusammen.

Bahntrasse nach Ilsenburg nur eingleisig

Das erste Aber: Die Trasse zwischen Ilsenburg und Vienenburg ist nur eingleisig. Alternative Straßenwege für Schwerlasttransporte zu finden, dürfte schwierig sein. Hinzu kommen generelle Kapazitätsfragen im Industriepark Ilsenburg. Nach Ansicht von Bürgermeister Loeffke sind aktuell weniger als zehn Hektar verfügbar. Maximal könne womöglich die Ilsenburger Grobblech GmbH noch Flächen abtreten.

Hier kommt Aber Nummer zwei: Die Grobblech GmbH gehört zur Salzgitter AG. Deren Hauptniederlassung in Salzgitter liegt gewissermaßen in Sichtweite zum Schacht Konrad. Womöglich auch deshalb die Spekulationen um Ilsenburg. Konzernsprecher Bernhard Kleinermann erteilt jeglichen Überlegungen eine rigorose Abfuhr: „Es gibt eine klare Entscheidung des Vorstands der Salzgitter AG: Wir stellen weder Straßen noch Gleise oder unsere Bahn für Transporte zum Schacht Konrad zur Verfügung. Unser Werksgelände ist definitiv tabu.“

Das gelte für den Standort Salzgitter mit dem Endlager-Schacht und analog ebenso für Ilsenburg. Soll heißen: Kein Flächenverkauf und keine Nutzung der dortigen Infrastruktur. „Wir investieren gerade 150 Millionen Euro in eine Wärmebehandlungslinie, um unsere Produkte zu veredeln. Da werden wir negative Effekte auf unser Image und unsere Produkte keineswegs zulassen“, betont Kleinermann.

Ilsenburg litt unter Kupferhütte

Klare Positionen also sowohl in Salzgitter als auch in Ilsenburg. Dort verweist Stadtoberhaupt Loeffke auf die Bemühungen, die touristische Vermarktung weiter auszubauen. Und er erinnert zugleich an den jahrzehntelang betriebenen industriellen Raubbau an der Umwelt und der Gesundheit der Menschen.

Die frühere Kupferhütte in Ilsenburg steht bis heute geradezu exemplarisch für maximale Umweltverschmutzung. Bis zur Wende wurden hier mit Plast ummantelte Kupferkabel eingeschmolzen und dabei massiv Dioxine sowie andere Gifte und Schadstoffe freigesetzt. Ein Teil der Kupferhütten-Hinterlassenschaften wurden auf dem Areal des Industrieparks deponiert.

„Ilsenburg ist ein Industrie- und Tourismusort erster Güte. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten von den Altlasten befreit – nicht, um nun neue aufzunehmen“, findet Loeffke in einer Reaktion auf die Gerüchte klare Worte. In Ilsenburg hätten sich Unternehmen mit zukunftsweisenden Technologien angesiedelt. „Ein Zwischenlager für atomare Abfälle schließe ich kategorisch aus.“

Keine Anfrage an Staatskanzlei

Zudem, so Loeffke, seien bislang von offizieller Seite keinerlei Anfragen an die Stadt herangetragen worden. Auch in der Staatskanzlei sei diesbezüglich nichts bekannt, so Loeffke nach einer Anfrage in Magdeburg.

Gegenüber der Volksstimme verweist Regierungssprecher Matthias Schuppe auf Anfrage ans Umweltministerium. Die dortige Sprecherin Jenny Schwarz lässt die Themen Schacht Konrad und Bereitstellungslager gerade in den Fachressorts prüfen.

Womit letztlich offen bleibt, wieso just der Name Ilsenburg jetzt ins Spiel gekommen ist. Zieht man einen 200-Kilometer-Radius um Salzgitter, werden mehrere Bundesländer tangiert: Neben Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen auch Brandenburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. Sie alle liegen im Umkreis von 200 Kilometern – und werden in internen Papieren wohl auch explizit genannt.