Wolmirstedt l Der Gedenkstein für den gestrandeten Zug soll etwa 17 000 Euro kosten. Mit Hilfe der Benefiz-Radtour am Sonnabend stehen inzwischen fast 8000 Euro zur Verfügung. Der Stein soll an den Bahngleisen in Farsleben aufgestellt und am 13. April 2020 enthüllt werden.

An diesem Tag hielt genau 75 Jahre zuvor an dieser Stelle ein Zug. Der sollte etwa 2500 jüdische Insassen ins Konzentrationslager Theresienstadt bringen. Der Zug stoppte. Angesichts der herannahenden Amerikaner wagten sich die Zuginsassen aus den Waggons. Für viele waren das die ersten Schritte in die Freiheit, andere starben an Typhus. Trotzdem: „Es ist ein besonderes Ereignis“, sagt Karin Petersen, „es gibt nicht viele Bilder und Überlieferungen von solchen Situationen, in denen Menschen gerettet wurden.“

Fakten und Geschichten

Karin Petersen ist der Motor dieser Erinnerungskultur. Die Geschichtslehrerin des Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasiums hat unzählige Fakten und Geschichten rund um diesen gestrandeten Zug zusammengetragen. „Es ist, als würden sich viele Puzzleteile zusammensetzen“, beschreibt sie die Arbeit. Unterstützt wird sie von einer Projektgruppe des Gymnasiums, vom Museum und vom Verein „Gestrandeter Zug“.

Die Radtour hatte das Museum organisiert und die führte am Ende zu den Farsleber Bahngleisen, machte zuvor Station an den Orten Wolmirstedts, an denen es einst jüdisches Leben gab.

„Diese Einzelheiten habe ich nicht gewusst“, gestand Innenminister Holger Stahlknecht, als er die Geschichte der Familie Herrmann hörte.Diese Familie war die letzte jüdische Familie Wolmirstedts, ihr Geschäftshaus befand sich etwa im Bereich des heutigen Brillengeschäftes. Regina, Otto und Inge-Ruth Herrmann haben am eigenen Leib erfahren, wie Juden zunächst ihrer Rechte beschnitten wurden, wie die Bevölkerung aufgerufen wurde, in diesem Geschäft nicht mehr zu kaufen. Sie haben aber auch erlebt, wie sich Wolmirstedter widersetzten. Eine Kundin trug einen großen Karton heraus, an der Wache vorbei, demonstrativ. Darin befand sich nur eine Rolle Garn.

Drei Stolpersteine

Die Tochter Inge-Ruth übersiedelte mit einem Kindertransport nach Australien, sie ist 2008 im Alter von 86 Jahren verstorben. Die Eltern wurden im Konzentrationslager ermordet. Drei Stolpersteine erinnern an die drei Herrmanns.

Holger Stahlknecht ist Schirmherr des Vereins und zeigte sich berührt vom Schicksal dieser Familie. „So etwas darf nicht wieder passieren. Wir wollen in Anstand, Würde und Freiheit leben.“

Eine weitere Station war der jüdische Friedhof, der sich zwischen B189 und dem Abzweig nach Samswegen befindet. Dort wurde schon seit gut einhundert Jahren keiner mehr begraben, dennoch wird er von der jüdischen Gemeinde weitergepflegt. Juden glauben an die Wiederauferstehung, deshalb werden die Gräber nie aufgegeben.

Auch Sachsen-Anhalts Antisemitismusbeauftragter Wolfgang Schneis begleitete die Tour. Er bescheinigte dem Verein „Gestrandeter Zug“ ein ehrgeiziges Ziel, wusste um die bisherigen hochkarätigen Veranstaltungen, in denen Zeitzeugen zu Wort kamen. Er würdigte die Arbeit des Vereins, „die umso wichtiger ist, weil in den neuen Medien die alten Geschichten zum Vorschein kommen.“

Wie solche „alten Geschichten“ enden, erfuhren die Teilnehmer anhand der Familie Herrmann, aber auch an den Farsleber Bahngleisen. Karin Petersen zeigte Fotos und Zeichnungen, die während der Befreiung entstanden sind.

An der Farsleber Kirche erinnert ein Stein an die Verstorbenen. Die an Typhus Erkrankten wurden im Pfarrhaus, in der alten Schule und auf Webers Hof gepflegt, bis sie schließlich nach Hillersleben gebracht wurden. Von dort aus übersiedelten viele nach Israel oder in die USA. Noch heute kommen Überlebende, beziehungsweise deren Nachkommen, um den Ort zu besuchen an dem sie selbst oder ihre Vorfahren den Weg zurück ins Leben gefunden haben.

Am Ende gab es Kaffee und Kuchen in der Kegelbahn.