Wolmirstedt l Geht es um Drogen, legale oder illegale, weiß Jillian Eicken, wann Eltern, Freunde und Lehrer hellhörig werden und genauer hinschauen sollen: „Wenn jemand aggressiver wird oder sich zurückzieht, wenn Jugendliche plötzlich lange von zu Hause wegbleiben, wenn die Schulnoten absacken, kurz: wenn sich das Wesen verändert.“ Die junge Frau ist Drogen- und Suchtberaterin beim Paritätischen, ist tätig im Altkreis Haldensleben und Wolmirstedt und bietet jeden Freitag in der Wolmirstedter Bahnhofstraße eine Sprechstunde an.

Wie sieht ihre Erfahrung aus, werden in Wolmirstedt illegale Drogen genommen? „Ja“, sagt Jillian Eicken, „Wolmirstedt ist ein Schwerpunkt.“ Das bestätigt auch Sozialarbeiter Keven Kirschner, der regen Kontakt zu Jugendlichen pflegt. Sowohl die Drogenberaterin als auch der Sozialarbeiter beobachten, dass Cannabis bei Heranwachsenden eine Rolle spielt, aber auch Drogen, die allgemein unter den Namen Speed und Chrystal Meth bekannt sind. Gibt es Gründe für den Drogenkonsum?

Leistungsdruck standhalten

Jillian Eicken sieht, dass illegale Drogen vor allem konsumiert werden, um lange zu feiern. Sozialarbeiter Keven Kirschner widerspricht dieser Einschätzung. „Ich sehe eher, dass junge Leute zu Drogen greifen, weil sie dem Leistungsdruck standhalten wollen, der in der Schule und/oder im Elternhaus aufgebaut wird.“ Er erlebt, dass in Lebenskrisen manchmal der Halt im Familienkreis fehlt, dass junge Menschen versuchen, sich mit Drogen das Leben erträglich zu machen. Wie auch immer: In Wolmirstedt gibt es Drogen.

Doch wo werden sie verkauft? Gibt es einen Umschlagplatz in der Stadt, eine finstere Ecke, eine Brücke, unter der Dealer herumlungern und auf Kunden warten?

Diese Vorstellung gehört wohl eher in das Reich der Kriminalfilme, im Leben des Jahres 2020 ist es offenbar nicht mehr nötig, solche finsteren Umschlagplätze für illegale Drogen zu schaffen. Beide Fachleute wissen: „Jeder hat ein Handy, jeder ist überall erreichbar. Verabredungen sind kein Problem. Die Menschen treffen sich überall.“

Hohe Dunkelziffer

Jillian Eicken und Keven Kirschner bestätigen zudem, dass es eine Dunkelziffer gibt. Sie erfahren vom Drogenkonsum schließlich nur, wenn sich Betroffene anvertrauen, öffnen, um Hilfe bitten. Keven Kirschner erlebt das, er ist im Jugendclub in der Burgstraße als Ansprechpartner zu finden, ist aber auch für aufsuchende Sozialarbeit zuständig. „Im Jugendclub selbst gibt es allerdings keine Drogen mehr“, versichert er.

Jillian Eicken hat die Beratungsgespräche ihrer Region beim Paritätischen ausgewertet, Zahlen parat und Tendenzen bemerkt. Cannabiskonsumenten sind zumeist in der Altersgruppe der 14 bis 17-Jährigen anzutreffen.

Cannabiskonsum wird umgangssprachlich als Kiffen bezeichnet, die Konsumenten „rauchen einen Joint“. Der erzeugt mitunter eine Hochstimmung, aber auch Panikreaktionen.

Zu Stimulanzien wie Ecstasy greifen ihrer Statistik nach vor allem die 28- bis 35-jährigen. Stimulanzien erhöhen die Aufmerksamkeit, lassen länger wach bleiben. Helfen also auch, lange, anstrengende Tage zu überstehen.

Die Droge Nummer Eins ist legal

Dennoch: In den Beratungsgesprächen des Paritätischen spielen illegale Drogen in „nur“ 30 Prozent der Fälle eine Rolle. Die Droge, die am meisten konsumiert wird, ist der Alkohol. Das sagen die Zahlen, das beobachten auch die Suchtberaterin Jillian Eicken und Sozialarbeiter Keven Kirschner. Diese Droge Nummer Eins ist überall völlig legal zu bekommen. 65 Prozent aller Beratungsgespräche beim Paritätischen drehten sich um übermäßigen Alkoholkonsum, Alkoholsucht und deren Folgen. Vor allem die Altergruppen der 36 bis 64-jährigen suchte Hilfe beim Weg aus dieser Sucht.

Kommen alle Betroffenen freiwillig in die Beratungsstelle? Das wäre der Idealfall. Aber Jillian Eicken weiß: „Erwachsene kommen eher freiwillig als Jugendliche. Dort kommen oft zuerst die Angehörigen.“

Überhaupt seien viele erst bereit, Hilfe anzunehmen, wenn die Sucht bereits Konsequenzen nach sich gezogen hat, sei es der Verkust des Führerscheins oder sogar des Arbeitsplatzes. Manche kommen dann über Monate in die Beratungsstelle, andere kommen einmal, lassen sich dann lange nicht blicken und kehren erst wieder zurück, wenn ihr Leben völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Schweigepflicht gegenüber den Eltern

Jillian Eicken kann beraten, Entzugsbehandlungen einleiten, den Kontakt zu Selbsthilfegruppen vermitteln und mehr. Bei all dem unterliegt sie der Schweigepflicht, bei Minderjährigen sogar gegenüber Eltern. „Das müssen Jugendliche unbedingt wissen.“

Eigentlich sind Beratungen auch anonym, aber wegen Corona müssen derzeit persönliche Daten angegeben werden. Jillian Eicken versichert: „Die behandeln wir vertraulich.“

Aus personellen Gründen war die Wolmirstedter Beratungsstelle 2019 nur sporadisch besetzt, in diesem Jahr hat es wegen Corona monatelang keine persönliche, sondern nur telefonische Beratung gegeben. Die Fachfrau weiß: „Das ist nicht dasselbe. Persönlicher Kontakt hilft.“

Inzwischen ist regelmäßige persönliche Beratung jeweils freitags von 8 bis 15 Uhr in der Bahnhofstraße 20 möglich. Anmeldungen werden unter der Telefonnummer 03904/6685850 entgegengenommen. Wer sich über Drogen informieren will, findet auf der Internetseite www.drugcom.de eine erste Orientierung.