Wolmirstedt l Marlies Cassuhn hüpft mit Tränen in den Augen vor dem Rathaus herum, lacht, stößt einen Freudenschrei aus, ruft in den Himmel: „Lieber Gott, ich glaube nicht an dich, aber Danke!“ Mit so einem deutlichen Ergebnis hat die parteilose Kandidatin nicht gerechnet. Mit 57 Prozent aller Stimmen hat sie ihre drei Mitbewerber weit hinter sich gelassen. Die 58-Jährige kann es kaum fassen: „Das ist so toll!“

Lange Gesichter gab es hingegen bei der CDU. Bürgermeisterkandidat Mike Steffens hatte lediglich 22 Prozent der Stimmen bekommen. Die Wahlparty an der Farsleber Kegelbahn fiel angesichts des Ergebnisses bei der erfolgsverwöhnten CDU entsprechend verhalten aus. „Ich bin enttäuscht“, gab Mike Steffens zu, „aber ich gratuliere Frau Cassuhn.“ Ob er im nächsten Jahr zur Kommunalwahl antreten wird, ließ er offen. „Das weiß ich noch nicht.“

Aus der Vize wird die Chefin

Felix Zietmann war für die AfD angetreten und bekam 13 Prozent der Stimmen. Er war am Wahlabend nicht zu erreichen. Für die Linken hatte Robert Grafe seinen Hut in den Ring geworfen. Der 30-Jährige konnte fünf Prozent der Stimmen holen. „Es hätte besser sein können“, sagt er, „aber ich bin erleichtert.“ Auch er konnte noch nicht sagen, ob er im nächsten Jahr bei den Kommunalwahlen kandidieren möchte.

Marlies Cassuhn wird den Bürgermeisterstuhl die nächsten sieben Jahre besetzen. Ihr Arbeitsplatz ändert sich kaum. Sie führt bereits jetzt die Amtsgeschäfte im Rathaus, seit der vorherige Bürgermeister Martin Stichnoth (CDU) am 7. September seine Stelle als Börde-Landrat angetreten hat. Im Zuge der Neuwahl wollte sie es jedoch wissen, in dieses Amt gewählt werden, die Arbeit an erster Stelle im Rathaus fortsetzen und dabei die Stimmen der Bürger hinter sich haben. Das ist nun gelungen.

„Ich glaube, die Bürger haben akzeptiert, dass für die Position des Bürgermeisters Erfahrung und Kompetenz notwendig sind“, versucht sie ihren Wahlsieg zu interpretieren, „offenbar haben die Wolmirstedter die Erfahrung gemacht, dass Verlässlichkeit und Bodenständigkeit wichtige Elemente für das Bürgermeisteramt sind.“

Hohe Briefwahlbeteiligung

Im Wahlkampf wurde sie von der SPD unterstützt. Viele Mitglieder des Ortsverbandes waren vor das Rathaus gekommen und haben zusammen mit „ihrer“ Kandidatin auf das Ergebnis gewartet. Die Auszählung zog sich hin. Neun Wahllokale hatten längst ihre Ergebnisse gemeldet, Nadelöhr war das Briefwahllokal. Dort waren 795 Wahlbriefe eingegangen, die Wahlbeteiligung per Briefwahl war bei dieser Wahl besonders hoch.

Am Ende ergab sich eine Wahlbeteiligung von 48 Prozent, ebenso hoch wie vor fünf Jahren, als Martin Stichnoth (CDU) zum Bürgermeister gewählt wurde, der damals knapp 54 Prozent der Stimmen bekam. „Grundsätzlich bin ich mit der Wahlbeteiligung zufrieden“, konstatiert Wahlleiter Dirk Illgas, „vor allem die Briefwahl hat das Ergebnis noch einmal nach oben geschraubt.“

Noch ist das Wahlergebnis ein vorläufiges. Am Mittwoch, 19. September, um 10 Uhr wird der Wahlausschuss im Rathaus zusammenkommen und das endgültige Ergebnis feststellen. Dann wird es eine Wahleinspruchsfrist von 14 Tagen geben. Nach Ablauf aller Fristen könnte für den 15. November ein Sonderstadtrat einberufen werden. Das wäre der Abend, an dem Marlies Cassuhn als Wolmirstedts Bürgermeisterin vereidigt wird.

Am heutigen Montag ist die amtierende und künftige Stadtchefin übrigens nicht im Rathaus zu finden. „Ich fahre zu einer Tagung des Städte- und Gemeindebunds nach Weißenfels. Wolmirstedt ist in diesem Bund Mitglied.“ Sie wird mit dem Zug dorthin fahren und angesichts der überschäumenden Freude ist das ganz bestimmt die sicherste Variante, heil hin- und zurückzukommen. Die neu Gewählte jubelt wieder und wieder: „Ich bin so froh.“