Wolmirstedt l Die ganz großen Aufgaben sind erledigt. Viele Flüchtlinge, die 2015 gekommen sind, haben Deutsch gelernt, sind gut in der Gesellschaft angekommen. Doch noch immer wird Hilfe benötigt, bei Behördengesprächen, bei Banken. Dafür steht Rami Tarabolsi zur Verfügung. Der Syrer leistet den Bundesfreiwilligendienst beim Integrationsbündnis, hilft meist als Übersetzer, ist Ansprechpartner vor allem für Landsleute.

Auch Rami Tarabolsi floh 2015 aus Syrien, kam mit seiner Familie nach Deutschland, sein Vater ist in der Heimat geblieben. Die ist zerstört, Rami selbst ist gezeichnet.

Mitten im syrischen Krieg

Die Familie war mitten hineingeraten in den syrischen Krieg. Die Wucht einer Rakete beschädigten Hand und Auge des jungen Mannes, das wird nicht wieder gut. „Ich möchte gern in einem Betrieb arbeiten“, sagt der 28-Jährige, „aber aufgrund meiner Verletzungen ist mir vieles nicht erlaubt.“ Er hat schon mehrfach erlebt, wie mögliche Arbeitgeber abwinken.

Nun freut sich Rami Tarabolsi über seinen Arbeitsplatz im Familienzimmer. Das wurde vom Integrationsbündnis vor vier Jahren im Bürgerhaus eingerichtet, in einer Zeit, als sehr viele Geflüchtete nach Wolmirstedt kamen. Seinen Laptop hat er auf einem kleinen Tisch aufgebaut. Er arbeitet umgeben von Kindermöbeln, in den Regalen stapeln sich Brettspiele, ein Tischfußballspiel scheint unterm Fenster vergessen zu sein, auf dem Tisch stehen Teller mit Keksen. Das Zimmer diente Familien eine Zeit lang als Ort der Begegnung, zum Spielen und Lernen. Inzwischen ist es meistens verwaist, erlebt seine Neuauflage nun als Bufdie-Büro.

Vielen nutzten Sprungbrett

„Viele der geflüchteten Familien sind in größere Städte gezogen“, erzählt Rami Tarabolsi. Oder sie sprechen inzwischen so gut deutsch, sind so weit in der Gesellschaft angekommen, dass sie kaum noch auf Hilfe angewiesen sind.

Viele haben das Sprungbrett genutzt, das ihnen das Integrationsbündnis seit 2015 geboten hat. So wie Rami Tarabolsi und sein 19-jähriger Bruder Khaled. Khaled absolviert zurzeit eine Ausbildung zum Kinderpfleger, engagiert sich in der Freizeit beim Technischen Hilfswerk (THW) und hat in den vergangenen Wochen in München dabei geholfen, Menschen aus Jordanien und Tunesien zu zeigen, wie sie in ihren Ländern ehrenamtliche THW-Arbeit aufbauen können. Khaled weiß: „Dort gibt es für solche Aufgaben bisher nur das Militär.“

Bankausbildung durch Krieg beendet

Zurück zu Rami. Er hatte in Syrien eine Ausbildung in einem Bankinstitut begonnen, die wurde wegen des Krieges nach dem ersten Jahr unterbrochen, danach jobbte er als Handyreparateur und Maler.

Nach der Flucht lebte die Familie eine Zeit lang im Colbitzer Heidecamp, siedelte schließlich nach Wolmirstedt über, Rami und Khaled lernten Deutsch. Nun hilft Rami anderen Syrern, die noch nicht so gut Deutsch sprechen wie er, die sich den Besuchen von Ämtern und Banken allein nicht gewachsen fühlen, ist in der Regel werktags von 9 bis 14 Uhr im Familienzimmer-Büro zu sprechen. Außer, er ist mit „Schützlingen“ unterwegs, dann schließt er zu.

Unterstützung vom DRK

Es gibt Situationen, in denen weiß auch Rami Tarabolsi nicht weiter, dann findet er Unterstützung beim Deutschen Roten Kreuz, das hat im Landkreis Integrationsaufgaben übernommen.

Christine Bauer ist die Vorsitzende des ehrenamtlich arbeitenden Integrationsbündnisses und wurde für diese Arbeit zum Stadtfest mit dem goldenen Stadttaler geehrt. Unter den Fittichen dieses Bündnisses wurde unter anderem das Quasselcafé ins Leben gerufen, das bis heute besteht. Viele Kontakte zwischen Geflüchteten und hier Geborenen wurden an diesen unzähligen Donnerstagabenden geknüpft, mündeten in gemeinsames Deutschlernen, in Familienpatenschaften, Ausbildungsverhältnissen oder in Freundschaften.

Viele lernen jetzt Beruf

Manche der jungen Leute, die damals vor allem aus Syrien gekommen waren, lernen inzwischen einen Beruf oder studieren. „Es wäre eine schöne Aufgabe für Rami Tarabolsi“, sagt Christine Bauer, „mal zu schauen, wer am Anfang zum Integrationsbündnis gehörte und was aus ihnen allen geworden ist.“ Bestenfalls entsteht eine Art Chronik.

Die Miete für das Familienzimmer finanziert das Integrationsbündnis vor allem mit dem Preisgeld, das diesem Verein 2016 für einen vorderen Platz im bundesweiten Wettbewerb „Kommune bewegt Welt“ überreicht wurde. Neben einem kostenlosen Beratungsworkshop wurde das Bündnis mit 5000 Euro für die weitere Integrationsarbeit unterstützt.

Eine Bufdie-Stelle frei

Die Arbeit in diesem Familienzimmer-Büro möchte Rami Tarabolsi eigentlich nicht allein erledigen, hätte gern einen Kollegen oder eine Kollegin an seiner Seite und die Chancen dafür stehen gut. Eine Bufdie-Stelle im Integrationsbündnis ist noch frei. „Jeder kann sich bewerben“, ermuntert Rami Tarabolsi. Es spielt keine Rolle, ob der- oder diejenige aus Syrien, Deutschland oder ganz woanders her kommt.

Das bestätigt Wolfgang Großmann, der sich um den Bundesfreiwilligendienst unter anderem in Wolmirstedt kümmert. Insgesamt sind in der Stadt 30 Bufdies beschäftigt, sie arbeiten in den Tafelgärten, im Tierheim, beim OK-Live-Ensemble, auf Webers Hof, als Mülldetektive oder im Schulgarten der Gutenberg-Schule.

Auch weitere Stellen zu vergeben

„Neben der Stelle im Integrationsbündnis sind noch drei Stellen im Grünbereich frei“, sagt Wolfgang Großmann. Wer Lust hat, sich um das Stadion im Küchenhorn oder das Stadion des Friedens zu kümmern, ist gerne gesehen.

Der Bundesfreiwilligendienst dauert ein Jahr, kann aber auch kurzfristig abgebrochen werden, wenn sich andere Möglichkeiten für die Bufdies ergeben. „Außerdem“, blickt Wolfgang Großmann voraus, „brauchen wir bald Nachfolger für die jetzigen Bundesfreiwilligen.“

Wer über eine solche Aufgabe nachdenkt, kann sich bei Wolfgang Großmann unter der Telefonnummer 0152/05 64 23 09 melden.