Gutenswegen l Ausnahmezustand herrschte am Montag, 25. Februar 2020, in Groß Ammensleben. Rund um die Bahnhofstraße hatten sich hunderte Jecken in den schrillsten Kostümen versammelt. Die Straßen wurden gesäumt von mindestens ebenso vielen Zaungästen, die sich das Spektakel aus sicherer Entfernung anschauten.

Arbeiten statt Urlaub für Narretei

Um Punkt 13.13 Uhr fuhr der Zug als Haldensleben ein, an Bord das Gauseberger Prinzenpaar Annemarie und Alexander Leon. Unter Pauken und Trompeten bestiegen die Hoheiten, gesäumt von ihrer Prinzengarde, den Bahnsteig. Begleitet von 40 Wagen der Gutensweger Karnevalisten sowie von Jecken der Vereine aus Wanzleben, Niegripp, Ebendorf, Meseberg, Wahlbeck und Samswegen wurden die Ankömmlinge begrüßt. Gemeinsam ging es in Richtung Gutenswegen.

Doch am heutigen Rosenmontag, faktisch dem Ende der diesjährigen Session, wird es keinen Umzug geben. Das Coronavirus hat nicht viel übrig für menschlichen Klaumauk. Eingefleischte Jecken werden allenthalben Umzüge aus der Retorte am TV verfolgen oder einfach nur in ihren Erinnerungen schwelgen können.

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Auch Mike Brettschneider ist seit Kindheitstagen Karnevalist mit Leib und Leben. Keinen Rosenmontagsumzug hat der 50-Jährige die vergangenen Jahrzehnte verpasst. „Ich habe immer extra Urlaub genommen“, erzählt der Pressesprecher des Gauseberger Karnvelvereins Gutenswegen (GKV). „Doch dieses Mal werde ich arbeiten.“

Dabei sind die „Vier tollen Tage“, wie die Jecken das letzte Wochenende einer jeden Session nennen, der Höhepunkt und das Ende des närrischen Treibens. „Der Freitag gehört eigentlich unseren Freunden vom Bodelschwinghaus Wolmirstedt. Seit Jahren feiern die Bewohner mit Handicap gemeinsam mit uns Karneval“, sagt der Zugführer. Durch ganzjährig begleitete Projekte werde hier Inklusion buchstäblich gelebt.

Am Sonnabend werde traditionell der beliebte Kostümball gefeiert. „Hunderte Narren, bunt kostümiert, begrüßen das Prinzenpaar und ihr Gefolge“, erklärt Mike Brettschneider. Tanzeinlagen der Prinzengarde und die Wahl der besten Kostüme runden den Abend ab.

Am Nachmittag des Sonntags findet normalerweise der Kinderkarneval statt. Brettschneider: „Hier brennt der karnevalistische Nachwuchs – ebenfalls mit Kinder- und Schulprinzenpaar ausgestattet –  ein Feuerwerk ihres künstlerischen Könnens ab.“ Tänze, Show-Einlagen, Büttenreden und Gesang ließen die Kleinen für einen Augenblick die Stars auf der Showbühne sein. „Unser Nachwuchs liegt uns sehr am Herzen, sichert er doch die Zukunft des Vereins“, erzählt der Karnevalist und dankt den vielen ehrenamtlichen Trainern wie der Familie Pinnecke. „Sie haben über die Jahre die Kinder– und Jugendarbeit geprägt. Ohne dieses Ehrenamt würde ein solches Programm nicht zustande kommen.“

Der Sonntagabend ist in „normalen Jahren“ den Hardcore-Karnevalisten vorbehalten, „sozusagen für das Warmup für den Rosenmontag“, sagt Mike Brettschneider. Auch hier machten kurze Show-Einlagen den Rot-Weiß-Ball sehr kurzweilig. Für viele Besucher ist dieser Abend normalerweise ein Geheimtipp.

„In früheren Jahren gab es oft Rosenmontagsumzüge an richtigen Wintertagen mit Schnee und Eis. Genauso wie sich das Wetter gerade jetzt präsentiert“, erinnert sich der Jecke weiter. Mehr Kapellen auf und vor den Wagen habe es früher gegeben und auch ganze Reitergruppen mit Pferden waren dabei.

Musikanlagen mit dröhnenden Bässen habe es ab den 1980er Jahren gegeben. „Leider veränderte sich dadurch auch die Art des Karnevals und nicht jeder Teilnehmer kann den scheinbar immer größer werdenden Beschallungspegeln etwas Gutes abgewinnen“, meint der GKV-Sprecher. „War es damals völlig normal mit Ackerwagen und ohne große Sicherungsvorkehrungen teilzunehmen, ist dieses heute aufgrund der behördlichen Auflagen undenkbar.“

Fernsehen berichtete schon live

Schon immer war es jedoch Tradition, das Prinzenpaar am Bahnhof in Groß Ammensleben abzuholen. Dazu begibt sich der Umzug von Gutenswegen nach Groß Ammensleben und nach Eintreffen des Prinzenpaares wieder zurück. In Gutenswegen angekommen wird dann in der Festmeile und dem Vereinshaus weiter gefeiert. „Unser Rosenmontagsumzug entwickelte sich von einem dörflichen kleinen Treiben zu einer überregional beachteten Großveranstaltung“, ist Mike Brettschneider überzeugt. Presse, Funk und auch Fernsehsender berichteten teils live vom bunten Treiben. „Auch hier sind vor, während und nach der Veranstaltung viele Helfer unterwegs, um die Sause für alle Teilnehmer und Zuschauer zu einem gelungenen Abschluss der närrischen Zeit zu machen.“

Unterdessen zeigt sich Mike Brettschneider überzeugt, dass der Karneval die Corona-Zeit überlebt „und wir im nächsten Jahr wieder gemeinsam feiern können.“