Wolmirstedt l Wie gefragt sind ihre Dienstleistungen? Wie haben sie die Zeit des Lockdowns überstanden? Unablässig klingen die Telefone. Seit bekannt gegeben wurde, dass ab dem 1. März wieder frisiert werden kann, können sich die Salons vor Anfragen kaum retten. „Ich traue mich manchmal gar nicht, vom Telefon wegzugehen“, sagt Frisörmeisterin Doreen Gellert. Sie möchte keinen Anruf verpassen, keinen ihrer Kunden enttäuschen. Jeder soll einen Termin bekommen, doch Termine sind inzwischen knapp. „Zwei bis drei Wochen müssen Kunden mittlerweile warten.“ Zur großen Nachfrage gesellt sich das Hygienekon-zept. Das lässt nur eine bestimmte Kundenzahl im Salon zu, jede Person benötigt zehn Quadratmeter.

Frisöre planen bereits Mehrarbeit ein

Um den Ansturm zu bewältigen, planen die Frisöre bereits Mehrarbeit ein. „In den ersten zwei bis drei Wochen werden wir Überstunden machen“, sagt Victoria Reinhardt. Die Nachfrage nach Terminen war so groß, dass der März in ihrem Salon bereits beinahe komplett ausgebucht ist. „Am liebsten möchten alle gleich in der ersten Woche kommen“, weiß die Frisörmeisterin. Doch das sei logistisch nicht möglich.

Den Ansturm erlebt auch Anke Meißner, auch ihr Team wird die Öffnungszeiten ausweiten. „Wir werden zusätzlich auch am Montag öffnen.“ Trotz der erwarteten Überstunden blicken Frisöre endlich wieder hoffnungsvoll nach vorn. Victoria Reinhardt freut sich nicht nur auf die Arbeit, sondern auch darauf, endlich wieder ihren Mitarbeiterinnen und Kunden zu begegnen. „Ich brauche den Kontakt.“ Obwohl sie nicht über Langeweile klagen kann. Die achtjährigen Zwillinge fordern beim Homeschooling volle Aufmerksamkeit.

Terminbücher der nächsten Wochen sind randvol

Michelle Ostheer hat ihr Salontelefon aufs Handy umgeleitet und seit klar ist, dass Frisöre am 1. März öffnen, wagt sie es kaum aus der Hand zu legen. Die Kundennachfrage ist riesig. „Die ersten Wochen im März sind wir komplett dicht.“ Auch Sylvia Heusinger von Wald- egge bestätigt: „Die ersten zwei März-Wochen waren nach ganz kurzer Zeit ausgebucht.“

Doch so sehr sich alle auf den Neustart freuen, der finanzielle Verlust für die Frisörsaloninhaber ist immens. Zum Ende des Lockdowns werden sie fast drei Monate nicht gearbeitet haben, sie mussten bereits am 16. Dezember schließen.

Noch kein Cent Überbrückungsgelder

Hilfe verspricht die Politik vollmundig, allein die Umsetzung lässt auf sich warten. Von den Überbrückungsgeldern hat noch keine Saloninhaberin einen Cent gesehen. Schlimmer noch: Die Hilfen können erst seit dem 10. Februar beantragt werden, also seit einer Woche. Sylvia Heusinger von Waldegge formuliert es deutlich: „Ich bin enttäuscht von der Regierung.“

Anders als beim ersten Lockdown im März 2020 können die Hilfen zudem nicht selbst, sondern das Überbrückungsgeld III muss über den Steuerberater beantragt werden. Doch auch die haben erst seit dem 10. Februar eine Chance. Werden die Gelder nun endlich in absehbarer Zeit fließen?

Überbrückungsgeld noch nicht in Sicht

Das kann noch niemand sagen. Erst wenn der Bund grünes Licht gibt, kann die Investitionsbank Sachsen-Anhalt anfangen, die Anträge zu bearbeiten. Sie agiert als Bewilligungsstelle, als Dienstleister des Bundes, und steht bereit, die Auszahlung des Überbrückungsgeldes III sowie der November- und Dezemberhilfen auf den Weg zu bringen. Doch noch sind der Investitionsbank die Hände gebunden. Als Dienstleister des Bundes muss sie auf dessen Startschuss warten. Es heißt: „Ein genauer Termin für den Beginn der Bearbeitung in den Bewilligungsstellen kann derzeit vom Bund nicht genannt werden.“

Doch auch wenn das Geld fließt, ist für Frisöre nicht alles in Butter. Die Überbrückungshilfe III können Frisörsalons mit Angestellten für Januar und Februar in Anspruch nehmen. Sie erhalten Zuschüsse zu den monatlichen Fixkosten wie Miete, abhängig von der Höhe des Umsatzrückgangs gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019/2020. Der Dezember kann geltend gemacht werden, wenn Umsatzeinbußen von mindestens 30 Prozent verbucht werden. Bei Soloselbstständigen kann hingegen die Neustarthilfe des Bundes greifen.

Ein Unternehmerlohn ist in der Überbrückungshilfe III nicht enthalten. Das heißt, Saloninhaber müssen ihren Lebensunterhalt vom Ersparten bestreiten, vom Gehalt des Ehepartners leben oder Hartz IV beantragen. Dazu müssen sie Fixkosten wie Miete sowie das Kurzarbeitergeld für ihre Mitarbeiter vorschießen. Beides wird bestenfalls erstattet. Wann? Das steht in den Sternen.

Schaffen die Frisöre das, überleben die Salons? Victoria Reinhardt blickt optimistisch in die Zukunft. „Wir haben vor dem Lockdown gut gewirtschaftet.“ Sie möchte ihre beiden Mitarbeiterinnen unbedingt behalten und hat deshalb das Kurzarbeitergeld aufgestockt, sodass die Angestellten trotz Lockdowns den vollen Lohn bekommen. „Das ist mir sehr wichtig.“

Für Kunden, die noch keinen Frisörtermin haben, bedeuten die vollen Kalender: Sie müssen sich noch mindestens vier Wochen gedulden. Was raten die Frisöre Kunden, die sich nach monatelanger Frisörabstinenz nicht mehr gern im Spiegel anschauen mögen?

Zum Glück ist ja gerade Mützenzeit

In diesem Punkt sprechen alle Wolmirstedter Saloninhaberinnen unabhängig voneinander mit einer Stimme: Sie raten dringend davon ab, selbst Hand anzulegen. Der Rat lautet schlicht und einfach: Abwarten. Schließlich sind alle gleichermaßen betroffen, alle tragen die Haare länger, graue Ansätze werden Normalität. Victoria Reinhardt weiß zudem von Kunden, die in der dreimonatige Frisörabstinenz ihren Typ verändern, graue Haare dauerhaft zulassen oder raspelkurze Haare künftig länger tragen wollen.

Wer sich jedoch mit seiner Lockdown-Frisur gar nicht mehr zeigen mag, den tröstet Doreen Gellert: „Zum Glück ist ja gerade Mützenzeit.“