Die Mitglieder der Notfallseelsorge Börde Nord stehen Trauernden seit zehn Jahren bei

Der Tod begleitet sie mit jedem Einsatz

Von Christin Käther

Vor zehn Jahren hat sich die Notfallseelsorge Börde Nord formiert. Aktuell sind zehn Mitglieder ehrenamtlich unterwegs. Ihre Aufgabe: Den Hinterbliebenen helfen, den Verlust eines geliebten Menschen zu begreifen.

Haldensleben l 31 Einsätze - davon elf Suizide, jeweils vier tödliche Verkehrsunfälle und erfolglose Reanimationsversuche, zwei plötzliche Kindstode und zehn Begleitungen von Polizisten, die die Todesnachricht an die Angehörigen überbrachten - das ist die traurige Bilanz der Notfallseelsorge Börde Nord allein aus dem vergangenen Jahr. Seit zehn Jahren sind ihre Mitglieder unterwegs, um Hinterbliebenen in ihrer Trauer beizustehen und ihnen den Verlust eines geliebten Menschen begreiflich zu machen.

Die Notfallseelsorge Börde Nord steht unter der Trägerschaft des evangelischen Kirchenkreises Haldensleben/Wolmirstedt. Gegenwärtig besteht sie aus zehn ehrenamtlichen Mitgliedern. Es ist das kleinste Team in Sachsen-Anhalt. Frauen und Männer aus verschiedenen Berufsschichten und auch Pfarrer aus dem Kirchenkreis gehören dazu. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich von Barleben über Dolle bis nach Oebisfelde.

Leiter des Teams ist Mario Hensel. Notfallseelsorge ist eine Tätigkeit, die ein verständnisvolles soziales Umfeld erfordert, weiß der 40-Jährige. "Das kann man nur machen, wenn man privat nicht zu sehr eingebunden ist." Sein Handy hat Hensel immer dabei, es ist Tag und Nacht eingeschaltet. Seine Familie und die Arbeitskollegen haben sich längst daran gewöhnt, dass es in unerwarteten Situationen klingeln kann.

Steven Majchrzak koordiniert das Team. Der 32-Jährige wurde im Februar zusammen mit Kollegin Frauke Beust mit dem Ehrenamtspreis im Landkreis Börde ausgezeichnet. Seit acht Jahren ist er bei der Notfallseelsorge. Allein sieben Einsätze hatte er im vergangenen Jahr. Majchrzak ist auch die erste Kontaktperson, wenn Polizei, Feuerwehr oder Rettungskräfte Notfallseelsorger über die Leitstelle anfordern. Er entscheidet, wen er zum Einsatz rausschickt. Neben einem Dienstplan sind beispielsweise die Nähe des Wohnsitzes zum Unglücksort oder persönliche Wünsche von Bedeutung. "Es gibt Kollegen, die Fälle ablehnen, die ihnen zu nahe gehen würden. Zum Beispiel, wenn dabei Kinder ums Leben kamen", erklärt Teamleiter Mario Hensel. Manchmal geht es direkt zur Unfallstelle, meistens werden die Angehörigen zu Hause aufgesucht.

"Es gibt Kollegen, die Fälle ablehnen, die ihnen zu nahe gehen würden. Zum Beispiel, wenn dabei Kinder ums Leben kamen."

Mario Hensel erinnert sich noch ganz genau an seinen ersten Fall vor fünf Jahren. Polizisten hatten einer Familie mitgeteilt, dass ihre Tochter mit dem Moped tödlich verunglückt ist. Hensel blieb bei den Eltern und Geschwistern, damit sie die schlimme Nachricht verarbeiten konnten. "Die unmittelbare Reaktion der Mutter ging mir sehr nahe", erinnert sich Hensel. "Aber es gelang mir, trotz Kloß im Hals, die Fassung zu bewahren und mit den Familienmitgliedern diesen ersten Schritt des Schmerzes zu gehen."

Eine Anleitung, wie man sich in solchen Situationen richtig verhält, gibt es nicht. In der 80-stündigen Ausbildung werden zwar psychologische und organisatorische Grundlagen vermittelt. Oft entscheide aber das Bauchgefühl, was zu tun ist. Die Betroffenen sind oft schon dankbar, wenn jemand da ist, der ihnen zuhört, schildert Hensel. "Inwieweit ich dieser Familie tatsächlich helfen konnte, weiß ich nicht. Diese Ungewissheit hat man nicht selten. Damit muss man lernen umzugehen. Aber als ich mich von der Familie verabschiedete, hatte ich das Gefühl, dass alle stabil genug waren, um die nächsten Stunden und Tage zu überstehen."

Notfallseelsorger müssen vor allem geduldig sein. Die Reaktionen der Betroffenen auf die Todesnachricht fallen unterschiedlich aus. Manche rasten aus, andere schweigen. Manchmal kann es mehrere Stunden dauern, bis sie wieder ansprechbar sind.

In den letzten Jahren ist das Team der Notfallseelsorge Börde geschrumpft. Einige Kollegen sind mit der Zeit an ihre Grenzen gestoßen, sagt Hensel. Andere merken schon während der Ausbildung, dass ihnen der Umgang mit dem Tod schwerer fällt als gedacht. Mario Hensel hat sich mit seiner Tätigkeit arrangiert. "Ich kann mit grenzwertigen Erfahrungen umgehen. Es erdet mich, den Menschen geholfen zu haben." Eine gewisse Spannung schwingt mit jedem seiner Einsätze mit. Schließlich wissen die Teammitglieder nie, was sie vor Ort erwartet. Jede Situation ist anders.

Ihre Erlebnisse arbeiten die Notfallseelsorger gemeinsam während der monatlichen Treffen auf. "Da merken wir, dass wir auch nur Menschen sind", sagt Hensel. Er organisiert auch regelmäßig Fortbildungen für sein Team. Neue Mitglieder werden ständig gebraucht. Interessenten sollten mindestens 25 Jahre alt sein. Die nächste Ausbildung im Landkreis Börde wird voraussichtlich erst im kommenden Jahr stattfinden.

Am 29. September kommen die Notfallseelsorger in der Katharinenkirche in Wolmirstedt zusammen, um gemeinsam mit Sponsoren und Nachbarteams ihr zehnjähriges Bestehen zu begehen. Auch Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hat sein Kommen angekündigt. Interessierte Gäste sind eingeladen, um 15 Uhr vorbeizuschauen.

Informationen gibt es im Internet: www.notfallseelsorge-börde.de. Teamleiter Mario Hensel ist für Fragen unter Telefon 0176 444 242 39 erreichbar.